"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Sündenbock gesucht" (Von Gerd Glantschnig)

Ausgabe vom 20. Februar 2004

Innsbruck (OTS) - Der Freispruch im Kaprun-Prozess hat erwartungsgemäß die Wogen hochgehen lassen. Die Enttäuschung der Angehörigen der 155 Opfer ist verständlich. Es wäre jetzt ein leichtes, in dasselbe Horn zu stoßen, nämlich die Justiz zu verteufeln, den Richter als unfähig an den Pranger zu stellen und von einem Schandurteil zu sprechen. Wäre das gerecht? Doch wohl nicht, wenn man davon ausgeht, dass der Richter entsprechend der Beweislage und aufgrund der geltenden Gesetze entschieden hat. Sollte sich herausstellen, dass das Urteil fehlerhaft ist, so ist es selbstverständlich Aufgabe der Staatsanwaltschaft, Berufung zu erheben, um die Entscheidung überprüfen zu lassen. Soweit die juristische Seite.
Auf der menschlichen Seite hingegen geht es um Schmerz, um Trauerarbeit und um Bewältigung des Verlustes eines geliebten Menschen. Und in diese aufgerührte Gefühlswelt stößt der kalte Richterspruch, dass kein Schuldiger gefunden werden konnte.
Und rasch ist auch der Schluss gezogen, dass nach diesem Urteil niemand für die Katastrophe in Kaprun verantwortlich sei. Doch das ist falsch. Der Salzburger Strafrichter konnte lediglich keinen der 16 Angeklagten ein strafrechtlich relevantes Verschulden nachweisen. Denn nicht bei jedem Unfall muss es automatisch einen Schuldigen geben. Aber der Richter hat mit dem Satz "Nur Menschen, aber nicht Firmen können schuldig sein" auch deutlich gemacht, wo möglicherweise die Verantwortung für die Katastrophe von Kaprun zu suchen ist.
Die Suche nach einem Sündenbock ist daher längst noch nicht zu Ende. Denn den am Bau und der Wartung der Gletscherbahn Kaprun beteiligten Firmen stehen Schadenersatzklagen in Millionenhöhe ins Haus.
Doch Geld ist eben nur Schadenersatz und macht niemanden wieder lebendig. Ebensowenig wie die Verurteilung eines Menschen.

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