"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bitte etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Islam" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 18.02.2004

Graz (OTS) - Es ist nur ein Stück Stoff. Sein Gebrauch war noch für unsere Großmütter selbstverständlich. Doch getragen von Musliminnen, wird es in ganz Europa zum roten Tuch.

Während die einen im Kopftuch ein Symbol für die Knechtung der Frau sehen, droht für die anderen "Überfremdung".

Die Nationalversammlung in Paris versuchte nun, die Debatte zu beenden, indem sie religiöse Symbole, egal ob Kreuz, Kopftuch oder Kippa, ganz aus den Schulen verbannte.

Die Schärfe der Maßnahme erklärt sich aus der Laizität, der radikalen Trennung von Staat und Religion, die das Erbe der Französischen Revolution ist.

Das Grundproblem jedoch, die Frage, wie Europa seine rasant wachsende muslimische Minderheit integriert, geht uns alle an:
Allein in Österreich hat sich der Anteil der Moslems an der Bevölkerung seit 1991 mehr als verdoppelt.

Wie kann für die Muslime in unserer Mitte ein Raum geschaffen werden, innerhalb dessen sie auch als Muslime leben können? Welches Maß an Anpassung an unser Wertesystem kann im Gegenzug dafür von ihnen verlangt werden?

Konflikte sind unvermeidlich, denn die meisten islamischen Gesellschaften kennen weder Aufklärung noch Säkularisierung, wie sie sich nach den Glaubenskriegen der frühen Neuzeit in Europa von Land zu Land verschieden stark ausformten. Das, was wir Europäer als stolze Errungenschaft sehen, wird oft als Zeichen der Dekadenz und Schwäche gewertet.

Das Kopftuch wiederum provoziert unser Selbstverständnis. Das geht so weit, dass es selbst dort als aggressives religiöses Symbol gewertet wird, wo sein Gebrauch eher auf mangelnde Identifikationsmöglichkeiten mit der neuen Heimat Europa schließen lässt. Verbote werden dieses Konfliktpotenzial nicht entschärfen. Im Gegenteil. Sie drängen den Islam in obskure Hinterhofmoscheen ab. Es ist daher ein kaltes Verständnis von Toleranz, das aus dem Beschluss der französischen Politiker spricht.

Was taugt Religionsfreiheit, wenn der Glaube nicht öffentlich bekannt werden darf? Nicht viel, die Toleranz hat lange nicht gesiegt, wenn alle Religionen vom Staat gleich diskriminiert werden.

Ebenso illusorisch wäre es, sich im fiktiven Kollektiv eines "christlichen Abendlandes" einzuigeln. Weder das Kopftuch noch der Bau von Moscheen bedeuten den Untergang des Abendlandes. Vielmehr sollten sie in einem Staat, in dem Religionsfreiheit ein Grundrecht darstellt, selbstverständlich sein. Wäre das nicht so, dann wäre Europa wirklich in Gefahr. ****

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