WIR KAMEN VON ANDERSWO: NEUES BUCH ÜBER WIENER TSCHECHEN UND SLOWAKEN Fischer: Dialog mit den Nachbarn ist jetzt vernünftiger und ruhiger

Wien (PK) - Der Zweite Präsident des Nationalrates Heinz Fischer präsentierte heute Abend gemeinsam mit dem Kulturklub der
Tschechen und Slowaken in Österreich ein Buch des Titels "Wir
kamen von anderswo/Prisli jsme odjinud". An der Vorstellung des zweisprachigen Werkes, das ein Schlaglicht auf die tschechische
und slowakische Gemeinde in Wien wirft, nahm ein ebenso
zahlreiches wie prominentes Publikum teil, darunter Karl Schwarzenberg, Kanzler im Präsidialamt des ehemaligen
tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel, die Vizepräsidentin des Bundesrates Anna Elisabeth Haselbach, Abgeordnete und Bundesräte, viele Vertreter der tschechischen und slowakischen Minderheit in Wien und nicht zuletzt Abgeordnete und Bundesräte. Schriftliche Grußworte richtete der Botschafter der tschechischen Republik, Jiri Grusa, an die Veranstalter und Teilnehmer der Veranstaltung.

Präsident Fischer gab seiner Freude über das Buch und das Experiment Ausdruck, aus dem es hervorging, und regte das
Publikum zu einem Gedankenexperiment an: "Wie würde Österreich aussehen, müsste unser Land auf all jene Menschen verzichten, die aus unserer Nachbarschaft und insbesondere aus Böhmen und Mähren nach Österreich gekommen sind?" - Das Thema des Werkes, die Beziehungen zwischen den Tschechen, Slowaken und Österreichern mache es auch leicht, Beziehungen zum österreichischen Parlamentarismus herzustellen, "denn in diesem Haus ist in den letzten Jahren sehr oft und sehr intensiv über das Verhältnis Österreichs zu seinen Nachbarstaaten diskutiert worden", wobei Fischer einräumte, dass diese Diskussionen nicht immer von jener Klugheit, Toleranz und Ausgewogenheit getragen gewesen seien, wie
er sich dies wünsche. Fischer gab aber seinen Eindruck wieder,
dass der Ton in den letzten Monaten vernünftiger und ruhiger geworden sei, sodass man tatsächlich von einem Dialog sprechen könne, und er hoffe, dass das empfehlenswerte Buch von Marie Brandeis diese Tendenz verstärken könne.

Richard Basler, der stellvertretende Vorsitzende des Kulturklubs
der Tschechen und Slowaken in Österreich, erinnerte daran, dass keiner der ersten drei Bundespräsidenten der Zweiten Republik -Karl Renner, Theodor Körner und Adolf Schärf - auf dem Gebiet der Republik Österreich geboren wurden, sondern zu jenen vielen tausenden Menschen zählten, die seit Jahrhunderten aus den Nachbarländern nach Wien kamen und das multikulturelle und multiethnische Flair dieser Weltstadt prägten.

Dieser Beitrag der Tschechen und Slowaken zum künstlerischen und wirtschaftlichen Leben Wiens stand auch im Mittelpunkt der
Laudatio des Wiener Slawisten Stefan Newerkla, der überdies das hohe sprachliche Niveau und den Reichtum der sprachlichen Nuancen
in den Interviews der Autorin Marie Brandeis hervorhob.

Schließlich schilderte die Autorin Marie Brandeis die Entstehung der Interviews seit 1996, wobei sie nie gedacht hätte, dass die
in vielen Zeitungen verstreuten Texte eines Tages in Form eines Buches gemeinsam präsentiert werden können. Dieses Wunder
geschehe heute, sie betrachtet dieses Buch wie ein Kind, dem sie alles Gute wünsche und hoffe, dass es zur weiteren Verständigung zwischen den Tschechen, Slowaken und Österreichern beitragen
werde.

WIR KAMEN VON ANDERSWO

Das Buch versammelt Interviews mit 40 Persönlichkeiten der tschechischen und slowakischen Minderheit in Wien, die von Marie Brandeis nun in einem eigenen Band, der konsequent zweisprachig gehalten ist, ediert wurden. Unter den Befragten befinden sich Künstler wie Tamara Trojani, Pavel Landovsky, Caroline Vasicek, Nika Brettschneider, Pavel Kohout oder Jan Brabenec, Architekten
wie Jan Tabor, Unternehmer wie Karl Kolarik oder Georg Materna
sowie Kulturfunktionäre wie Pavel Florian oder Premysl Janyr,
wobei in der Buchaufteilung zwischen den "alteingesessenen" Tschechen, die schon in der Monarchie nach Wien zogen, jenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg hierher kamen und jenen, die nach 1968 aus der CSSR flüchteten, unterteilt wird. Der Schwerpunkt der Publikation liegt dabei fraglos auf der letzteren Gruppe, was
jedoch verständlich wird, wenn man bedenkt, dass die Interviews ursprünglich in der Zeitschrift "Klub" erschienen, dem
offiziellen Organ des "Klubs der Tschechen und Slowaken in Österreich", der 1974 von eben jenen Flüchtlingen gegründet worden war.

Genau darin liegt allerdings ein kleiner Makel der an sich verdienstvollen Veröffentlichung. Werden Angehörige einer bestimmten Gruppe für die Zeitung just dieser Gruppe interviewt,
so kann getrost eine Menge bei der Leserschaft als bekannt vorausgesetzt werden. Erschließt man aber durch die
Zusammenfassung dieser Interviews in Buchform neue Leserkreise,
so besteht die Gefahr, die Erwartungshaltung dieser neuen Leserschaft nicht vollends erfüllen zu können, zumal, wenn man
auf einen erklärenden Apparat zu den einzelnen Gesprächen verzichtet. Der deutschsprachige Leser erfährt nun zwar, dass ein Schuh aus Straußenleder in Handfertigung 1.300 Euro kostet oder dass Karl Schwarzenberg sein Studium nicht abzuschließen
vermochte, aber sein Wunsch, mehr über die tschecho-slowakische Volksgruppe in Wien zu erfahren, bleibt leider unerfüllt. Auch fehlen biographische Angaben zu den einzelnen Persönlichkeiten,
die umso wünschenswerter gewesen wären, da der durchschnittliche österreichische Leser relativ wenig Wissen über Jela Spitkova
oder Jaroslav Kolar besitzt. Als störend empfindet man mitunter
die einseitigen politischen Kommentare der Herausgeberin, die für jemanden, der sich in den innertschechischen Dialogen nicht so bewandert weiß, nur schwer nachvollziehbar sind. Etwas mehr an Bearbeitung, etwa in Form einer Einleitung oder in Form von Anmerkungen hätte der Publikation noch mehr Gewicht verleihen können.

Dessen ungeachtet bietet "Wir kamen von anderswo" einen faszinierenden Einblick in einen Mikrokosmos, der zeigt, wie groß der Input der tschechischen Gemeinde in das österreichische Gesellschaftsleben immer noch ist. Das Buch regt nicht nur zum Nachdenken an, es erweist sich auch als überaus lebendige und freundschaftliche Einladung zum Dialog und ruft uns die
gemeinsame Geschichte zwischen Österreichern und Tschechen
lebhaft ins Gedächtnis. Mithin wird so eine Brücke in die Zukunft der Beziehungen zwischen den beiden Nationen geschlagen, in der gerade die tschechische und slowakische Minderheit in Österreich eine wesentliche Rolle spielen kann und soll.

Das Buch "Wir kamen von anderswo", herausgegeben von Marie
Brandeis, ist im Prager Verlag Koniasch-Latin-Press erschienen, umfasst 575 Seiten und ist im gut sortierten Buchhandel
erhältlich. (Schluss)

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