• 16.02.2004, 19:16:42
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WIR KAMEN VON ANDERSWO: NEUES BUCH ÜBER WIENER TSCHECHEN UND SLOWAKEN Fischer: Dialog mit den Nachbarn ist jetzt vernünftiger und ruhiger

Wien (PK) - Der Zweite Präsident des Nationalrates Heinz Fischer
präsentierte heute Abend gemeinsam mit dem Kulturklub der
Tschechen und Slowaken in Österreich ein Buch des Titels "Wir
kamen von anderswo/Prisli jsme odjinud". An der Vorstellung des
zweisprachigen Werkes, das ein Schlaglicht auf die tschechische
und slowakische Gemeinde in Wien wirft, nahm ein ebenso
zahlreiches wie prominentes Publikum teil, darunter Karl
Schwarzenberg, Kanzler im Präsidialamt des ehemaligen
tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel, die Vizepräsidentin
des Bundesrates Anna Elisabeth Haselbach, Abgeordnete und
Bundesräte, viele Vertreter der tschechischen und slowakischen
Minderheit in Wien und nicht zuletzt Abgeordnete und Bundesräte.
Schriftliche Grußworte richtete der Botschafter der tschechischen
Republik, Jiri Grusa, an die Veranstalter und Teilnehmer der
Veranstaltung.

Präsident Fischer gab seiner Freude über das Buch und das
Experiment Ausdruck, aus dem es hervorging, und regte das
Publikum zu einem Gedankenexperiment an: "Wie würde Österreich
aussehen, müsste unser Land auf all jene Menschen verzichten, die
aus unserer Nachbarschaft und insbesondere aus Böhmen und Mähren
nach Österreich gekommen sind?" - Das Thema des Werkes, die
Beziehungen zwischen den Tschechen, Slowaken und Österreichern
mache es auch leicht, Beziehungen zum österreichischen
Parlamentarismus herzustellen, "denn in diesem Haus ist in den
letzten Jahren sehr oft und sehr intensiv über das Verhältnis
Österreichs zu seinen Nachbarstaaten diskutiert worden", wobei
Fischer einräumte, dass diese Diskussionen nicht immer von jener
Klugheit, Toleranz und Ausgewogenheit getragen gewesen seien, wie
er sich dies wünsche. Fischer gab aber seinen Eindruck wieder,
dass der Ton in den letzten Monaten vernünftiger und ruhiger
geworden sei, sodass man tatsächlich von einem Dialog sprechen
könne, und er hoffe, dass das empfehlenswerte Buch von Marie
Brandeis diese Tendenz verstärken könne.

Richard Basler, der stellvertretende Vorsitzende des Kulturklubs
der Tschechen und Slowaken in Österreich, erinnerte daran, dass
keiner der ersten drei Bundespräsidenten der Zweiten Republik -
Karl Renner, Theodor Körner und Adolf Schärf - auf dem Gebiet der
Republik Österreich geboren wurden, sondern zu jenen vielen
tausenden Menschen zählten, die seit Jahrhunderten aus den
Nachbarländern nach Wien kamen und das multikulturelle und
multiethnische Flair dieser Weltstadt prägten.

Dieser Beitrag der Tschechen und Slowaken zum künstlerischen und
wirtschaftlichen Leben Wiens stand auch im Mittelpunkt der
Laudatio des Wiener Slawisten Stefan Newerkla, der überdies das
hohe sprachliche Niveau und den Reichtum der sprachlichen Nuancen
in den Interviews der Autorin Marie Brandeis hervorhob.

Schließlich schilderte die Autorin Marie Brandeis die Entstehung
der Interviews seit 1996, wobei sie nie gedacht hätte, dass die
in vielen Zeitungen verstreuten Texte eines Tages in Form eines
Buches gemeinsam präsentiert werden können. Dieses Wunder
geschehe heute, sie betrachtet dieses Buch wie ein Kind, dem sie
alles Gute wünsche und hoffe, dass es zur weiteren Verständigung
zwischen den Tschechen, Slowaken und Österreichern beitragen
werde.

WIR KAMEN VON ANDERSWO

Das Buch versammelt Interviews mit 40 Persönlichkeiten der
tschechischen und slowakischen Minderheit in Wien, die von Marie
Brandeis nun in einem eigenen Band, der konsequent zweisprachig
gehalten ist, ediert wurden. Unter den Befragten befinden sich
Künstler wie Tamara Trojani, Pavel Landovsky, Caroline Vasicek,
Nika Brettschneider, Pavel Kohout oder Jan Brabenec, Architekten
wie Jan Tabor, Unternehmer wie Karl Kolarik oder Georg Materna
sowie Kulturfunktionäre wie Pavel Florian oder Premysl Janyr,
wobei in der Buchaufteilung zwischen den "alteingesessenen"
Tschechen, die schon in der Monarchie nach Wien zogen, jenen, die
nach dem Zweiten Weltkrieg hierher kamen und jenen, die nach 1968
aus der CSSR flüchteten, unterteilt wird. Der Schwerpunkt der
Publikation liegt dabei fraglos auf der letzteren Gruppe, was
jedoch verständlich wird, wenn man bedenkt, dass die Interviews
ursprünglich in der Zeitschrift "Klub" erschienen, dem
offiziellen Organ des "Klubs der Tschechen und Slowaken in
Österreich", der 1974 von eben jenen Flüchtlingen gegründet
worden war.

Genau darin liegt allerdings ein kleiner Makel der an sich
verdienstvollen Veröffentlichung. Werden Angehörige einer
bestimmten Gruppe für die Zeitung just dieser Gruppe interviewt,
so kann getrost eine Menge bei der Leserschaft als bekannt
vorausgesetzt werden. Erschließt man aber durch die
Zusammenfassung dieser Interviews in Buchform neue Leserkreise,
so besteht die Gefahr, die Erwartungshaltung dieser neuen
Leserschaft nicht vollends erfüllen zu können, zumal, wenn man
auf einen erklärenden Apparat zu den einzelnen Gesprächen
verzichtet. Der deutschsprachige Leser erfährt nun zwar, dass ein
Schuh aus Straußenleder in Handfertigung 1.300 Euro kostet oder
dass Karl Schwarzenberg sein Studium nicht abzuschließen
vermochte, aber sein Wunsch, mehr über die tschecho-slowakische
Volksgruppe in Wien zu erfahren, bleibt leider unerfüllt. Auch
fehlen biographische Angaben zu den einzelnen Persönlichkeiten,
die umso wünschenswerter gewesen wären, da der durchschnittliche
österreichische Leser relativ wenig Wissen über Jela Spitkova
oder Jaroslav Kolar besitzt. Als störend empfindet man mitunter
die einseitigen politischen Kommentare der Herausgeberin, die für
jemanden, der sich in den innertschechischen Dialogen nicht so
bewandert weiß, nur schwer nachvollziehbar sind. Etwas mehr an
Bearbeitung, etwa in Form einer Einleitung oder in Form von
Anmerkungen hätte der Publikation noch mehr Gewicht verleihen
können.

Dessen ungeachtet bietet "Wir kamen von anderswo" einen
faszinierenden Einblick in einen Mikrokosmos, der zeigt, wie groß
der Input der tschechischen Gemeinde in das österreichische
Gesellschaftsleben immer noch ist. Das Buch regt nicht nur zum
Nachdenken an, es erweist sich auch als überaus lebendige und
freundschaftliche Einladung zum Dialog und ruft uns die
gemeinsame Geschichte zwischen Österreichern und Tschechen
lebhaft ins Gedächtnis. Mithin wird so eine Brücke in die Zukunft
der Beziehungen zwischen den beiden Nationen geschlagen, in der
gerade die tschechische und slowakische Minderheit in Österreich
eine wesentliche Rolle spielen kann und soll.

Das Buch "Wir kamen von anderswo", herausgegeben von Marie
Brandeis, ist im Prager Verlag Koniasch-Latin-Press erschienen,
umfasst 575 Seiten und ist im gut sortierten Buchhandel
erhältlich. (Schluss)

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: [email protected], Internet: http://www.parlament.gv.at

OTS0183    2004-02-16/19:16

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