Bundespräsident überreicht Ehrenzeichen und Dekrete an Mitglieder der Wiener Philharmoniker (Rede im Wortlaut)

Wien (OTS) - Meine Damen und Herren!

Die Wiener Philharmoniker in meinen Amtsräumen zu begrüßen, bedeutet für mich stets einen Höhepunkt im Jahresrhythmus. Und in meiner nunmehr 12-jährigen Amtszeit habe ich auch jedes Jahr persönlich -und mit besonderer Freude - den Dank unseres Staates, der Republik Österreich, durch Ehrenzeichen und Dekrete zum Ausdruck gebracht.

Nun wird in wenigen Wochen ein historisches Ereignis stattfinden, das nicht nur politisch und wirtschaftlich eine Weichenstellung für ganz Europa bedeutet, sondern auch kulturell, geistesgeschichtlich und künstlerisch von einschneidender Bedeutung sein wird - und das vor allem für Österreich. Ich spreche vom Beitritt von vier unserer nördlichen, östlichen und südlichen Nachbarstaaten zur Europäischen Union, der am kommenden 1. Mai erfolgen wird.

Dieser historische Moment markiert das Ende einer schmerzvollen Trennung Europas durch grausame Grenzen; und erst an diesem Tag endet wohl auch die Ära des Kalten Krieges - eine Ära der ideologischen Verhetzung und des aufgezwungenen Misstrauens.

Ich meine überdies, dass dieser Zeitpunkt auch das Ende des Nationalismus und Chauvinismus sein sollte - beides Irrlehren, die uns im 20. Jahrhundert Isolierung, Ausgrenzung und letztlich zwei Weltkriege beschert haben. Die Menschen in Mitteleuropa haben nämlich seit 1914, und verschärft nach 1945, leidvoll erfahren müssen, was das Abschneiden geistiger Wurzeln, das Kappen von Familienbeziehungen, die Vertreibung von Haus und Hof bedeutet. Wobei die kulturellen Verkrüppelungen für uns Österreicher ebenso schmerzhaft war wie für die Tschechen, Slowaken, Ungarn und Slowenen. Letztlich bedeuteten Nationalismus und Chauvinismus für uns Österreicher - wie für unsere Nachbarn - nichts anderes als die Amputation unserer gemeinsamen Geschichte und damit die Zerstörung der seelischen Gemeinsamkeit Mitteleuropas.

Nun ist mir erst dieser Tage wieder jenes berührende Buch von Stefan Zweig in die Hände gefallen, das er im Exil - auf der Flucht vor der Barbarei - verfasst hat und in dem er die "Welt von Gestern", seine Jugend in Wien vor dem Unglücksjahr 1914, beschrieb.

Da heißt es: "In kaum einer anderen Stadt Europas war der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien. Gerade weil die alte Monarchie, weil Österreich ...in seinen militärischen Aktionen nicht besonders erfolgreich gewesen war, hatte sich der heimatliche Stolz dem Wunsch nach künstlerischer Vorherrschaft zugewandt...

Hier hat das unsterbliche Siebengestirn der Musik über die Welt geleuchtet, Gluck, Haydn und Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Johann Strauß - hier waren alle Ströme europäischer Kultur zusammengeflossen... Im Volk war das Deutsche dem Slawischen, dem Ungarischen, Italienischem im Blute verbunden... und es war das eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste harmonisch aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Österreichische, Wienerische...
Diese Stadt zog die verschiedensten Kräfte an sich, entspannte, lockerte, begünstige sie ...und unbewusst wurde jeder Bürger zum Übernationalen, zum Kosmopolitischen, zum Weltbürger erzogen."

Ich glaube, dass diese Sätze - die vor etwas mehr als 60 Jahren geschrieben wurden - wahrscheinlich all das zusammenfassen, was über das "Geheimnis" der Musik in Wien philosophiert worden ist; und dass Stefan Zweig hier mehr als deutlich gemacht hat, dass die Musik Weite und Offenheit braucht, dass sich Musik nicht nach dem Reisepass richten darf und dass Musik im Grunde die stärkste Waffe im Kampf gegen Engstirnigkeit, Unduldsamkeit und Provinzialismus ist.

Jetzt - im Jahr 2004 - sind wir es unseren Kindern schuldig, dass wir die einmalige historische Chance nützen, wieder dort anzuknüpfen, wo wir uns vor mehr als 80 Jahren voneinander verabschiedet haben. Das aber bedeutet für die kulturelle Landkarte Mitteleuropas,

  • dass Österreich wieder zum natürlichen Schwerpunkt einer Großregion lebendiger künstlerischer Kreativität werden kann;
  • dass Land und Hauptstadt zu einem nach allen Seiten offenen Mittelpunkt für Ästhetik und guten Geschmack werden sollen;
  • und dass Wien zu jenem Magnet werden muss, der die Begabtesten

und Fähigsten, die Mobilsten und Innovativsten zwischen Ostsee und Adria anzieht.

Meine Damen und Herren!

Ich meine ganz konkret, dass den Wiener Philharmonikern daher auch und gerade in der Zukunft für unser Land wieder und weiterhin eine ganz außerordentliche Rolle zukommt. Sie besitzen jene Ausstrahlung, die im Musikalischen das Höchste und Beste repräsentiert. Auch wenn man mit Superlativen sparsam sein soll, so umschreibt das Adjektiv "unverzichtbar" doch wohl am treffendsten Ihre einzigartige Bedeutung für das Selbstverständnis Österreichs - so wie Ihre Strahlkraft für Publikum und Kulturbetrieb in der ganzen Welt.

Deshalb sage ich heute dem ganzen Orchester im Namen unserer Republik ein herzliches "Dankeschön" - als Bundespräsident, aber zugleich als Musikfreund und Österreicher, der - wie alle unserer Landesleute -stolz auf Sie ist.

Und ich bitte Sie, die Ehrenzeichen und Verleihungsdekrete als äußeres Zeichen dieses Dankes entgegen zu nehmen.
So verleihe ich Ihnen,

  • Herr Professor Gabriel Madas, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst;
  • Ihnen, Herr Universitätsprofessor Johann Hindler,
  • Ihnen, Herr Mag. Erhard Litschauer
  • und Ihnen, Herr Mag. Gerhard Kaufmann - das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Es ist mir überdies eine Freude, den Berufstitel "Professor"

  • an Herr Hubert Kroisamer,
  • an Herrn Erich Schagerl
  • und an Sie, Herr René Staar zu verleihen.

Wie immer muss ich mich aber auch bei jenen Herren bedanken, die uns heute die kleine Feierstunde krönen und in diese Räume Johann Strauß hereingezaubert haben. Ich freue mich schon jetzt auch auf die "Professoren-Polka" des neubestellten Herrn Professors Schagerl.

"Philharmonie" bedeutet im strengen Wortsinn "Liebe zum Wohlklang" -für uns aber im übertragenen Sinn "Freude am Zuhören".

So bitte ich Sie alle weiterhin um Ihre Treue zu Österreich und um Ihren Einsatz für ein lebendiges, schöpferisches und fruchtbares Europa. Und in diesem Geist gratuliere ich nochmals den Ausgezeichneten herzlich - und bitte Sie, auch den anderen Mitgliedern des Orchesters meine herzlichsten Grüße zu übermitteln. Herzlichen Glückwunsch!

Mit diesen Grüßen verbinde ich auch meine Gratulation zur Verleihung des weltweit anerkannten Grammy-Awards in Los Angeles für die Einspielung von Gustav Mahlers 3. Symphonie gemeinsam mit den Wiener Sängerknaben und dem Wiener Singverein. Auch dazu herzlichen Glückwunsch.

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