- 04.02.2004, 17:40:38
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DER STANDARD-Kommentar "Kerry, Favorit des Tages" von Christoph Winder
Der demokratische Senator hätte einige Asse gegen George W. Bush im Blatt - Ausgabe vom 5.2.2004
Wien (OTS) - Ein Hattrick: Am Dienstag hat Senator John Kerry die
inzwischen dritte Vorwahlrunde der US-Demokraten mit klarem Abstand
gewonnen. Noch legen sich die US-Medien nicht darauf fest, dass Kerry
als Kontrahent für George Bush bei den Präsidentschaftswahlen im
November so gut wie fix sei (Medien, vor allem amerikanische, haben
es gerne, wenn der Ausgang eines Rennens offen und spannend bleibt.)
Andererseits hat aber auch keiner von Kerrys Gegenspielern Beweise
geliefert, dass gerade er im Spiel gegen Bush die besseren Karten
hätte. Im Gegenteil: Der Medienhype um den Vermonter Exgouverneur
Howard Dean, der lange von Newsweek bis CNN als kommender Mann
gefeiert wurde, hat sich in nichts aufgelöst. Der einst gefeierte
Dean ist ein "Dead Man Walking", ein Mann, dessen politische
Überlebenschancen nur noch verschwindend gering sind.
Die anderen Kandidaten liefern bestenfalls eine
sympathisch-mittelmäßige Performance wie General Wesley Clark oder
John Edwards aus North Carolina, ein bubenhafter Strahlemann von
einem Senator - oder sie sind, wie Al Gores einstiger
Vizepräsidentschaftskandidat Joe Lieberman, gleich überhaupt aus dem
Rennen ausgeschieden.
Außerdem drängt die demokratische Partei natürlich da^rauf, dass
sich die minder chancenreichen Kandidaten so schnell wie möglich
zurückziehen. Man will schließlich alle Kräfte im Kampf gegen den
verabscheuten Amtsinhaber George W. Bush bündeln und sie nicht im
innerparteilichen Zwist verschleißen. Auch das ist ein Faktor, der
Kerry nutzt.
Mit welchen Vorteilen würde nun ein Kandidat Kerry in die
Wahlkampfschlacht ziehen? Bush, so viel steht fest, zeigt sich
jedenfalls nicht in bester Verfassung. Die Konfusion über die
Kriegsgründe gegen den Irak hat inzwischen sogar seine Regierung
selbst erfasst, und Colin Powell, der bei den Amerikanern beliebteste
Minister, probt rückwirkend einmal mehr den Aufstand, was die
Berechtigung dieses Krieges betrifft.
Ebenso unvorteilhaft für Bush ist, dass Kerry ein Gegner wäre, der -
im Gegensatz zu ihm selbst - eine untadelige soldatische
Vergangenheit aufweist, zudem aber auch noch als späterer Gegner des
Vietnamkriegs bei der demokratischen Kernwählerschaft punkten kann.
Dass Kerry für den Fall seiner Kandidatur lautstark auf dem
Kriegsklavier klimpern würde, daran hat er auch nach seinem jüngsten
Wahldurchmarsch keinen Zweifel gelassen: Die US-Invasion im Irak war
zwar gerechtfertigt, so Kerry, aber völlig unprofessionell
durchgeführt. Und solange im Irak Tag für Tag US-Soldaten sterben und
eine wirkliche Befriedung des Landes nicht in Sicht ist, spielt die
Zeit zugunsten von Kerry. Zudem sind die neuerlichen giftigen
Ricin-Postsendungen an den Senat ein Zeichen dafür, dass die
amerikanische Regierung den Terror lange nicht so fest im Griff hat,
wie sie es gerne darstellt.
Kerry hat - wie auch sein innerparteilicher Gegner John Edwards - in
seinem Wahlkampf immer wieder eine mild populistische Tonart
angeschlagen und Bush, nicht zu Unrecht, als den Präsidenten eines
"Corporate America", der Reichen und der Mächtigen dargestellt. Als
Gatte einer milliardenschweren Ketchup- Unternehmerin ist er zwar
auch nicht gerade in Gefahr, demnächst unter einer Brücke schlafen zu
müssen. Aber er hat es trotzdem verstanden, sich als Anwalt der
unteren und mittleren Klassen in den USA zu profilieren, welche, vom
Enron-Skandal bis zu den jüngsten Steuersenkungsplänen der Regierung,
unter Bush nicht viel zu lachen hatten.
Noch vor einigen Wochen schien es so, als hätte Bush seinen Sieg im
November bereits in der Tasche - inzwischen sehen schon mehrere
unabhängige Institute Kerry im Direktvergleich auf Platz eins. Die
Heiterkeit von Bushs Wahlkampfstrategen, die einst gemeint hatten,
Kerry habe bei den Amerikanern die gleichen Wahlchancen wie ein
blasierter französischer Aristokrat, dürfte jedenfalls gründlich
verflogen sein.
OTS0213 2004-02-04/17:40
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