• 14.01.2004, 11:26:18
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Gratzer trat zurück, Lohner folgt: Hintergründe und Pläne

Wien (OTS) - Hans Gratzer, erst seit September amtierender
Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt, ist gestern während
einer Gesellschafterversammlung der Josefstadt Ges.m.b.H.
zurückgetreten. Sein letzter Tag im Amt ist der 31. August 2004. Ihm
steht ab sofort sein Vorgänger Helmuth Lohner als künstlerischer
Berater zur Seite. Lohner übernimmt also mit dem amtierenden
kaufmännischen Direktor de facto das Haus bis 2006. Das berichtet
NEWS in seiner morgen erscheinenden Ausgabe.

In der Aufsichtsratssitzung vom Dienstag wurden Gratzer
Pflichtversäumnisse vorgeworfen. U. a. sein ohne Wissen der
Eigentümer geschlossener Intendantenvertrag mit den Festspielen Bad
Hersfeld war ausschlaggebend. Aufsichtsratspräsident Josef Fröhlich
zu NEWS: "Gratzer hat uns als letzten Punkt unter ,Allfälliges’
mitgeteilt, dass er in Bad Hersfeld unterschrieben hat. Außerdem
konnten wir den Bericht der Geschäftsführung für die nächste Saison
weder im künstlerischen noch im geschäftlichen zur Kenntnis nehmen.
Es war alles viel zu vage."

Eine sofort einberufene Gesellschafterversammlung erarbeitete laut
NEWS dann die Modalitäten des Gratzer-Rücktritts. Gratzer bekommt
keine Abfertigung, wird aber drei Inszenierungen am Haus betreuen, u.
a. in der nächsten Saison Brechts "Dreigroschenoper".

In NEWS erklären die zuständigen Kulturpolitiker Mailath-Pokorny
und Morak übereinstimmend, über Lohners Bereitschaft froh zu sein:
"Wir begrüßen sehr, dass sich Helmuth Lohner der Verantwortung stellt
und interimistisch übernimmt. Das ist eine hervorragende Lösung."

Lohners Pläne

In NEWS gibt Lohner erste Pläne für seine Quasi-Intendanz bekannt:
NEWS: Glückwunsch. Sie kommen bemerkenswert schnell wieder. Werden
Sie nun wieder Direktor?
Lohner: Sicher nicht geschäftsführender Direktor, eher ein
künstlerischer Berater. Das alles muss noch formuliert werden. Ich
weiß ja noch gar keine Details.
NEWS: Sie sind unter politisch unwürdigen Umständen aus dem Amt
gegangen. Ist diese Entwicklung nun eine Genugtuung für Sie?
Lohner: Nicht im geringsten. Wie soll es mich mit Genugtuung
erfüllen, dass sich ein von mir geliebtes Haus in einer Krise
befindet? Wenn ich zum Ausweg beitragen kann, mache ich es
selbstverständlich.
NEWS: Hans Gratzer geht am 31. August. Wer ist Direktor, wenn Sie es
nicht sind?
Lohner: Es gibt ja den kaufmännischen Direktor Götz. Mit ihm würde
ich das eben machen, so gut es meine Zeit erlaubt.
NEWS: Haben Sie mit Hans Gratzer eigentlich Mitgefühl?
Lohner: Selbstverständlich. Ich bin doch kein Unmensch! Ich bin auch
ganz sicher nicht bereit, die Kollegialität zu verletzen und
irgendetwas über seine Direktion zu sagen.
NEWS: Was haben Sie nun vor?
Lohner: Als erstes muss ich mir ein Bild über die Details machen.
NEWS: Ist Hans Gratzers Spielplan für die nächste Saison, der ja doch
in Grundzügen steht, mit seinem Abgang obsolet?
Lohner: Teilweise. Es werden bestimmt Stücke ausgetauscht.
NEWS: Sind Sie noch zornig auf die Politiker? Es ist ja relativ
großherzig von Ihnen, nach dem Stattgefundenen jetzt als
Krisenmanager anzutreten.
Lohner: Das mit den Politikern ist längst vergessen. Und großherzig
ist das keineswegs. Ich bin dem Haus und den Mitarbeitern derart
verbunden, dass von Großherzigkeit wirklich nicht die Rede sein kann.
NEWS: Werden Sie an der "Josefstadt" wieder auftreten und
inszenieren?
Lohner: Inszenieren wird sich vorläufig vermutlich nicht ausgehen.
Aber ich werde alles tun, um wieder zu spielen. Das bedeutet bei 50
Abonnementvorstellungen eine Anwesenheit von mindestens vier Monaten.
Ich bin aber ungeheuer ausgebucht.
NEWS: Man hört, dass Sie die Beratertätigkeit unentgeltlich ausüben
werden.
Lohner: Bis zum Herbst nehme ich auf keinen Fall einen Groschen,
obwohl ich sofort mit den Vorbereitungen beginnen muss. Es ist nur
so, dass ich ungeheuer zugeplant bin. Ich beginne im März mit den
Proben für Offenbachs "Pericole" in Graz. Nach der Premiere habe ich
ein paar Tage Zeit, dann beginnen die Vorproben für eine Opernregie
in Zürich. Ich habe Filme abgeschlossen, ich inszeniere. In den
nächsten Tagen beginne ich einen Zeitplan zu machen.

Muliar, Schenk, Ott und Peymann erfreut

Wesentliche Künstler des Hauses und der oft als
"Josefstadt"-Kritiker hervorgetretene ehemalige Burgtheaterdirektor
Claus Peymann zeigen sich via NEWS über die Situation erfreut,
sprechen Gratzer aber ihren Respekt aus.

Fritz Muliar: "Lohner und ich sind seit Jahrzehnten befreundet. Er
war ein sehr guter Direktor, der mich und meine Kollegen vorbildlich
behandelt hat. Er war ein Schauspieler unter Schauspielern und hat
sein direktoriales Soll trotzdem gut erfüllt. Ich war sehr traurig,
dass ihn die Politiker gehen ließen. Wir alle wollten Karlheinz Hackl
als seinen Nachfolger, doch durch irgendwelche Umstände ist Hans
Gratzer gekommen, den ich persönlich sehr schätze. Ich glaube,
vieles, was man ihm anlastet, hat eher mit dem Chefdramaturgen Knut
Boeser zu tun. Ich finde es auch degoutant, dass man ständig mit
Gratzers Krebserkrankung herumspekuliert. Ich muss aber auch sagen:
Das Theater geht schlecht und hätte sich, wenn es so weitergegangen
wäre, auch in der nächsten Spielzeit nicht erfangen. Das hält kein
Theater aus. Lohner hatte seinerzeit selbst angeboten, zu bleiben,
und wurde von den Kulturbonzen abgeschmettert. Es ist für mich eine
unendliche Genugtuung, dass er zurückkommt."

Otto Schenk: "Ich freue mich vor allem, mit Helmuth Lohner wieder
auf der Bühne zu stehen. Das ist der Traum, mit dem ich die neue
Situation begrüße. Wir werden wahrscheinlich einen Nestroy mitsammen
machen - wir sichten noch den richtigen. Hans Gratzer ist ein Mann,
den ich respektiere. Er hat von etwas geträumt, jetzt ist er
aufgewacht. Ich werde in seiner verbleibenden Zeit alles tun, um ihm
zu helfen und meine Rollen möglichst gut zu spielen. Er hat mir
erlaubt, das für mich geschriebene Stück "Kanari" zu spielen, und er
hat für mich den Spielplan geändert, damit ich mir den Wunsch nach
Molières "Eingebildetem Kranken" erfüllen kann. Ich werde mich
dahingehend revanchieren, dass ich ihm bis zum letzten Moment meine
kraft zur Verfügung stelle"

Claus Peymann: "Ich finde Hans Gratzers Schritt menschlich
anständig und konsequent. Wenn man überfordert ist, muss man die
Konsequenzen ziehen. Vielleicht sollte das auch als Anregung für
Morak dienen. Gratzer war nach meinem Dafürhalten falsch ausgewählt.
Ich hoffe, er hat sich nicht zu sehr beschädigt, weil er ja ein
interessanter Regisseur für kleine Bühnen ist: für das kleine
Erforschen, für die Theaterlabors. Aber auch dass er Bad Hersfeld
übernimmt, ist in Ordnung. Das ist ein guter Ruheposten."

Elfriede Ott: "Helmuth Lohner ist ein allererster Schauspieler
deutscher Sprache, und in seinen letzten Jahren gab es fabelhafte
Vorstellungen. Dass ich über seine Rückkehr glücklich bin, wird
niemanden erstaunen. Dem Gratzer ist etwas passiert: nämlich dass es
nicht so funktioniert, wie er es sich vorgestellt hat. Ich vermute,
dass es keineswegs nur an ihm liegt, sondern dass er auch nicht
besonders gut beraten ist. Gratzer hat mir in letzter Zeit leid
getan. Wenn jemand in eine Position kommt, kann er nichts dafür. Eher
diejenigen, die ihn eingesetzt haben."

OTS0085    2004-01-14/11:26

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NES

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