Gratzer trat zurück, Lohner folgt: Hintergründe und Pläne

Wien (OTS) - Hans Gratzer, erst seit September amtierender
Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt, ist gestern während einer Gesellschafterversammlung der Josefstadt Ges.m.b.H. zurückgetreten. Sein letzter Tag im Amt ist der 31. August 2004. Ihm steht ab sofort sein Vorgänger Helmuth Lohner als künstlerischer Berater zur Seite. Lohner übernimmt also mit dem amtierenden kaufmännischen Direktor de facto das Haus bis 2006. Das berichtet NEWS in seiner morgen erscheinenden Ausgabe.

In der Aufsichtsratssitzung vom Dienstag wurden Gratzer Pflichtversäumnisse vorgeworfen. U. a. sein ohne Wissen der Eigentümer geschlossener Intendantenvertrag mit den Festspielen Bad Hersfeld war ausschlaggebend. Aufsichtsratspräsident Josef Fröhlich zu NEWS: "Gratzer hat uns als letzten Punkt unter ,Allfälliges’ mitgeteilt, dass er in Bad Hersfeld unterschrieben hat. Außerdem konnten wir den Bericht der Geschäftsführung für die nächste Saison weder im künstlerischen noch im geschäftlichen zur Kenntnis nehmen. Es war alles viel zu vage."

Eine sofort einberufene Gesellschafterversammlung erarbeitete laut NEWS dann die Modalitäten des Gratzer-Rücktritts. Gratzer bekommt keine Abfertigung, wird aber drei Inszenierungen am Haus betreuen, u. a. in der nächsten Saison Brechts "Dreigroschenoper".

In NEWS erklären die zuständigen Kulturpolitiker Mailath-Pokorny und Morak übereinstimmend, über Lohners Bereitschaft froh zu sein:
"Wir begrüßen sehr, dass sich Helmuth Lohner der Verantwortung stellt und interimistisch übernimmt. Das ist eine hervorragende Lösung."

Lohners Pläne

In NEWS gibt Lohner erste Pläne für seine Quasi-Intendanz bekannt:
NEWS: Glückwunsch. Sie kommen bemerkenswert schnell wieder. Werden Sie nun wieder Direktor?
Lohner: Sicher nicht geschäftsführender Direktor, eher ein künstlerischer Berater. Das alles muss noch formuliert werden. Ich weiß ja noch gar keine Details.
NEWS: Sie sind unter politisch unwürdigen Umständen aus dem Amt gegangen. Ist diese Entwicklung nun eine Genugtuung für Sie? Lohner: Nicht im geringsten. Wie soll es mich mit Genugtuung erfüllen, dass sich ein von mir geliebtes Haus in einer Krise befindet? Wenn ich zum Ausweg beitragen kann, mache ich es selbstverständlich.
NEWS: Hans Gratzer geht am 31. August. Wer ist Direktor, wenn Sie es nicht sind?
Lohner: Es gibt ja den kaufmännischen Direktor Götz. Mit ihm würde ich das eben machen, so gut es meine Zeit erlaubt.
NEWS: Haben Sie mit Hans Gratzer eigentlich Mitgefühl?
Lohner: Selbstverständlich. Ich bin doch kein Unmensch! Ich bin auch ganz sicher nicht bereit, die Kollegialität zu verletzen und irgendetwas über seine Direktion zu sagen.
NEWS: Was haben Sie nun vor?
Lohner: Als erstes muss ich mir ein Bild über die Details machen. NEWS: Ist Hans Gratzers Spielplan für die nächste Saison, der ja doch in Grundzügen steht, mit seinem Abgang obsolet?
Lohner: Teilweise. Es werden bestimmt Stücke ausgetauscht.
NEWS: Sind Sie noch zornig auf die Politiker? Es ist ja relativ großherzig von Ihnen, nach dem Stattgefundenen jetzt als Krisenmanager anzutreten.
Lohner: Das mit den Politikern ist längst vergessen. Und großherzig ist das keineswegs. Ich bin dem Haus und den Mitarbeitern derart verbunden, dass von Großherzigkeit wirklich nicht die Rede sein kann. NEWS: Werden Sie an der "Josefstadt" wieder auftreten und inszenieren?
Lohner: Inszenieren wird sich vorläufig vermutlich nicht ausgehen. Aber ich werde alles tun, um wieder zu spielen. Das bedeutet bei 50 Abonnementvorstellungen eine Anwesenheit von mindestens vier Monaten. Ich bin aber ungeheuer ausgebucht.
NEWS: Man hört, dass Sie die Beratertätigkeit unentgeltlich ausüben werden.
Lohner: Bis zum Herbst nehme ich auf keinen Fall einen Groschen, obwohl ich sofort mit den Vorbereitungen beginnen muss. Es ist nur so, dass ich ungeheuer zugeplant bin. Ich beginne im März mit den Proben für Offenbachs "Pericole" in Graz. Nach der Premiere habe ich ein paar Tage Zeit, dann beginnen die Vorproben für eine Opernregie in Zürich. Ich habe Filme abgeschlossen, ich inszeniere. In den nächsten Tagen beginne ich einen Zeitplan zu machen.

Muliar, Schenk, Ott und Peymann erfreut

Wesentliche Künstler des Hauses und der oft als "Josefstadt"-Kritiker hervorgetretene ehemalige Burgtheaterdirektor Claus Peymann zeigen sich via NEWS über die Situation erfreut, sprechen Gratzer aber ihren Respekt aus.

Fritz Muliar: "Lohner und ich sind seit Jahrzehnten befreundet. Er war ein sehr guter Direktor, der mich und meine Kollegen vorbildlich behandelt hat. Er war ein Schauspieler unter Schauspielern und hat sein direktoriales Soll trotzdem gut erfüllt. Ich war sehr traurig, dass ihn die Politiker gehen ließen. Wir alle wollten Karlheinz Hackl als seinen Nachfolger, doch durch irgendwelche Umstände ist Hans Gratzer gekommen, den ich persönlich sehr schätze. Ich glaube, vieles, was man ihm anlastet, hat eher mit dem Chefdramaturgen Knut Boeser zu tun. Ich finde es auch degoutant, dass man ständig mit Gratzers Krebserkrankung herumspekuliert. Ich muss aber auch sagen:
Das Theater geht schlecht und hätte sich, wenn es so weitergegangen wäre, auch in der nächsten Spielzeit nicht erfangen. Das hält kein Theater aus. Lohner hatte seinerzeit selbst angeboten, zu bleiben, und wurde von den Kulturbonzen abgeschmettert. Es ist für mich eine unendliche Genugtuung, dass er zurückkommt."

Otto Schenk: "Ich freue mich vor allem, mit Helmuth Lohner wieder auf der Bühne zu stehen. Das ist der Traum, mit dem ich die neue Situation begrüße. Wir werden wahrscheinlich einen Nestroy mitsammen machen - wir sichten noch den richtigen. Hans Gratzer ist ein Mann, den ich respektiere. Er hat von etwas geträumt, jetzt ist er aufgewacht. Ich werde in seiner verbleibenden Zeit alles tun, um ihm zu helfen und meine Rollen möglichst gut zu spielen. Er hat mir erlaubt, das für mich geschriebene Stück "Kanari" zu spielen, und er hat für mich den Spielplan geändert, damit ich mir den Wunsch nach Molières "Eingebildetem Kranken" erfüllen kann. Ich werde mich dahingehend revanchieren, dass ich ihm bis zum letzten Moment meine kraft zur Verfügung stelle"

Claus Peymann: "Ich finde Hans Gratzers Schritt menschlich anständig und konsequent. Wenn man überfordert ist, muss man die Konsequenzen ziehen. Vielleicht sollte das auch als Anregung für Morak dienen. Gratzer war nach meinem Dafürhalten falsch ausgewählt. Ich hoffe, er hat sich nicht zu sehr beschädigt, weil er ja ein interessanter Regisseur für kleine Bühnen ist: für das kleine Erforschen, für die Theaterlabors. Aber auch dass er Bad Hersfeld übernimmt, ist in Ordnung. Das ist ein guter Ruheposten."

Elfriede Ott: "Helmuth Lohner ist ein allererster Schauspieler deutscher Sprache, und in seinen letzten Jahren gab es fabelhafte Vorstellungen. Dass ich über seine Rückkehr glücklich bin, wird niemanden erstaunen. Dem Gratzer ist etwas passiert: nämlich dass es nicht so funktioniert, wie er es sich vorgestellt hat. Ich vermute, dass es keineswegs nur an ihm liegt, sondern dass er auch nicht besonders gut beraten ist. Gratzer hat mir in letzter Zeit leid getan. Wenn jemand in eine Position kommt, kann er nichts dafür. Eher diejenigen, die ihn eingesetzt haben."

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