• 08.01.2004, 16:04:57
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SPÖ-Neujahrskonferenz: Diskussion zum Thema "Zukunft - Jugend - Chancen" (2)

Wien (SK) "Das Schulsystem muss politisiert werden, denn
außerhalb von Sälen wie diesen kann man den Eindruck gewinnen, dass
Bildungspolitik nicht die Bedeutung erfährt, die ihr zukommt", sagte
Günter Haider, Leiter der Zukunftskommission des Bundesministeriums
für Bildung, Wissenschaft und Kultur bei der SPÖ-Neujahrskonferenz am
Donnerstag. Weiters diskutierten der SPÖ-Bildungssprecher Erwin
Niederwieser, Günter Steindl (Sekretär des Vorsitzenden der
Gewerkschaft Metall und Textil) und Romana Brait
(Bildungsschulsprecherin der AKS), die unter anderem scharfe Kritik
am Selektionsmodell des österreichischen Bildungssystems übte und
sich für mehr Schuldemokratie aussprach. Die Moderation übernahm
SPÖ-Jugendsprecherin Gabriele Heinisch-Hosek.****

Im letzten Wahlkampf 2002 hatten in den bildungspolitischen
Diskussion Themen wie die "Frühpensionierung von Lehrern" oder
"Stundenkürzungen im Schulbereich" Priorität, erinnerte Haider an das
Ergebnis einer inhaltspolitischen Analyse einer sechs Stunden langen
Diskussion. Die Politik müsse sich jedoch der "großen Themen" im
Bildungsbereich annehmen, so Haider. "Die Fragen der Quantität der
Schulen standen im Mittelpunkt der 1970er Jahre und sind jetzt
abgeschlossen", klärte Haider auf. Die Themen der Schulpolitik
müssten sich unter anderem um die Fragen des lebenslangen Lernens, um
das Erreichen von optimalen Qualitätsstandards und der Modernisierung
und Verbesserung des Unterrichts orientieren, brachte Haider seine
Meinung auf den Punkt.

Notwendig seien Qualitätsstandards, wobei die Qualität der Schulen
"durch Motivation, Feedback und Vorbilder" verbessert werden könne,
so Haider. Vergleichsstudien wie die PISA-Studie, die die
Grundkompetenzen der Schüler erheben und klarstellen, was "nach neun
bis zwölf Jahren Schule übrig bleibt", gibt es seit den 1970er
Jahren, - "Österreich liegt laut PISA im Mittelfeld, hat jedoch sehr
hohe Ausgaben," sagte Haider und fügte bei, dass dieses Ergebnis
unterstreiche, dass "die Organisation nicht optimal" sei. Laut
PISA-Studie gebe es am Ende der Pflichtschulzeit fünf Prozent
Analphabeten und 16 Prozent der Schulabgänger sind schlechte Leser,
erinnerte Haider an die Ergebnisse der Studie. "Diese Menschen sind
im Prozess des lebenslangen Lernen nicht integriert", so Haider. Laut
AMS blieben viele Arbeitsuchende auf der Strecke, da es an den
Grundkompetenzen mangle und "Lehrlinge werden aus diesem Grund von
Unternehmen auch wieder zurückgeschickt", machte Haider auf die
Auswirkungen mangelnder Grundkompetenzen aufmerksam.

Romana Brait kritisierte vor allem den Selektionsmechanismus, der das
heimischen Schulsystem dirigiere, aussortiere und keine
Chancengleichheit zulasse. Auch die Trennung in AHS-Unterstufe und
Hauptschule sei mit zehn Jahren zu früh, so Brait - "Wer entscheidet
sind die Eltern und nicht die Kinder." 90 Prozent der SchülerInenn,
die die AHS-Unterstufe besuchen, würden die Matura machen während 85
Prozent der HauptschülerInnen danach keinen gymnasialen Schulweg mehr
einschlagen, stellte Brait die Unterschiede dar. Die Gesamtschule sei
zwar kein Allheilmittel, dennoch sei sie auch kein "Einheitstopf",
wie di ÖVP behaupte, fuhr Brait fort und untermauerte ihr Statement
mit einem Verweis auf den PISA-Sieger Finnland, der das Gegenteil
demonstriere. "Jeder und jede SchülerIn muss die gleiche Chance zur
Förderung bekommen und die Möglichkeit haben, sich zu entfalten",
appellierte Brait, weshalb sie "flächendeckende Integrationsklassen"
als notwendigen Schritt für den Abbau von Selektionsmechanismen
nannte.

Auch das System der Ganztagsschule sei vorteilhaft, so Brait: "Es
gibt flexiblere Unterrichtszeiten und die Mütter schaffen den
Wiedereinstieg ins Berufsleben leichter und müssen sich keine teuren
Tagesmütter leisten". Zudem würde die Ganztagsschule auch der
steigenden Anzahl der Einzelkinder entgegenkommen, da sie ihre
sozialen Kontakte zu anderen Kindern ausweiten könnten, zeigte sich
Brait überzeugt.

"Momentan herrscht das Prinzip, wer zahlt schafft an", so Brait -
"Dem muss die gelebte Demokratie entgegengesetzt werden." Im jetzigen
System lerne man, "wie man den Mund hält", stellte Brait klar. Man
könne weder bei den Stundenplänen, noch bei den Lehrplänen oder dem
Einsatz der neuen Unterrichtsmedien mitbestimmen, lautete ihre
Kritik. Auch der in den Unterrichtsstunden vorherrschende
Frontalunterricht sei kein demokratisches Prinzip, weshalb sie sich
für die Einsetzung eines Klassenrates aussprach. In diesem System
sollten SchülerInnen und LehrerInnen zusammenarbeiten, gemeinsame
Entscheidungen treffen. Auch direkt gewählte SchulsprecherInnen seien
notwendig, die im Schulforum mitdiskutieren könnten. In diesem
Zusammenhang wies Brait darauf hin, dass auf Initiative der AKS
gemeinsam mit dem Stadtschulrat von Wien ein Ombudsmann eingesetzt
wurde, der sich großer Beliebtheit erfreue, schloss Brait. (Schluss)
gg

OTS0150    2004-01-08/16:04

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