WirtschaftsBlatt-Kommentar Schöne neue Welt?

von Peter Muzik

Wien (OTS) - Der Frieden bekommt, so scheint's, gleich mehrere Chancen. Nach dem spektakulären Krisenjahr 2003 sehen viele weltpolitische Rahmenbedingungen schlagartig wesentlich freundlicher aus: Zunächst hat das verheerende Erdbeben im Iran zu einem politischen Tauwetter zwischen der Islamischen Republik und ihrem Erzfeind USA geführt. Ein paar Tage danach hat der libysche Revolutionsführer Muammar el Gaddafi einen vollständigen Verzicht auf Massenvernichtungswaffen angekündigt. Auch die Regierung in Pjöngjang zeigte sich vor wenigen Tagen überraschenderweise bereit, auf die weitere Entwicklung von Nuklearwaffen zu verzichten und Nordkoreas Atomanlagen abzuschalten.

Obendrein haben der indische Premierminister Vajpayee und der pakistanische Staatschef Musharraf vorgestern offiziell eine jahrelange Eiszeit beendet und beschlossen, dass die beiden verfeindeten Atommächte an den Verhandlungstisch zurückkehren. Schliesslich lässt der Besuch des syrischen Präsidenten Bashar Assad beim türkischen Staatspräsidenten die Hoffnung wachsen, dass auch diese beiden Staaten bereit sind, gemeinsam gegen die Instabilität in dieser Region zu kämpfen.

Das alles klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein - und daher gibt es für eine allzu blauäugige Bewertung dieser Good News wenig Anlass. Wir haben es weltweit noch immer mit derart vielen Krisenherden zu tun, bei denen leider gar nichts weitergeht. Eine schöne neue Welt zeichnet sich vorerst höchstens in Ansätzen ab - die Chance ist aber da.

Jene Rivalen der Supermacht USA - beispielsweise der Iran, Libyen oder Nordkorea -, die derzeit Konzessionen zu machen bereit sind, werden sich allerdings enorm anstrengen müssen, um die US-Sanktionen wegzukriegen. Denn nur wenn sie es tatsächlich ernst meinen, werden sie den unerbittlichen Welt-Sheriff George W. Bush umstimmen.

Der amerikanische Präsident hat nach seinen provokanten Militäraktionen in Afghanistan und im Irak jedenfalls die Chance, seine nur auf mässige Begeisterung stossende Holzhammer-Weltpolitik zu beenden und ein doch spürbares Entspannungsszenario zu ermöglichen. Die amerikanischen Wähler würden ihm das im November hoch anrechnen. Fazit: Letztlich wird es zwar zu keiner allzu intensiven Verbrüderung der so genannten "Schurkenstaaten" mit dem so genannten "Satan" kommen, aber jeder kleine Schritt ist ein Fortschritt.

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