- 07.01.2004, 16:08:28
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WirtschaftsBlatt-Kommentar Schöne neue Welt?
von Peter Muzik
Wien (OTS) - Der Frieden bekommt, so scheint's, gleich mehrere
Chancen. Nach dem spektakulären Krisenjahr 2003 sehen viele
weltpolitische Rahmenbedingungen schlagartig wesentlich freundlicher
aus: Zunächst hat das verheerende Erdbeben im Iran zu einem
politischen Tauwetter zwischen der Islamischen Republik und ihrem
Erzfeind USA geführt. Ein paar Tage danach hat der libysche
Revolutionsführer Muammar el Gaddafi einen vollständigen Verzicht auf
Massenvernichtungswaffen angekündigt. Auch die Regierung in Pjöngjang
zeigte sich vor wenigen Tagen überraschenderweise bereit, auf die
weitere Entwicklung von Nuklearwaffen zu verzichten und Nordkoreas
Atomanlagen abzuschalten.
Obendrein haben der indische Premierminister Vajpayee und der
pakistanische Staatschef Musharraf vorgestern offiziell eine
jahrelange Eiszeit beendet und beschlossen, dass die beiden
verfeindeten Atommächte an den Verhandlungstisch zurückkehren.
Schliesslich lässt der Besuch des syrischen Präsidenten Bashar Assad
beim türkischen Staatspräsidenten die Hoffnung wachsen, dass auch
diese beiden Staaten bereit sind, gemeinsam gegen die Instabilität in
dieser Region zu kämpfen.
Das alles klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein - und daher
gibt es für eine allzu blauäugige Bewertung dieser Good News wenig
Anlass. Wir haben es weltweit noch immer mit derart vielen
Krisenherden zu tun, bei denen leider gar nichts weitergeht. Eine
schöne neue Welt zeichnet sich vorerst höchstens in Ansätzen ab - die
Chance ist aber da.
Jene Rivalen der Supermacht USA - beispielsweise der Iran, Libyen
oder Nordkorea -, die derzeit Konzessionen zu machen bereit sind,
werden sich allerdings enorm anstrengen müssen, um die US-Sanktionen
wegzukriegen. Denn nur wenn sie es tatsächlich ernst meinen, werden
sie den unerbittlichen Welt-Sheriff George W. Bush umstimmen.
Der amerikanische Präsident hat nach seinen provokanten
Militäraktionen in Afghanistan und im Irak jedenfalls die Chance,
seine nur auf mässige Begeisterung stossende Holzhammer-Weltpolitik
zu beenden und ein doch spürbares Entspannungsszenario zu
ermöglichen. Die amerikanischen Wähler würden ihm das im November
hoch anrechnen. Fazit: Letztlich wird es zwar zu keiner allzu
intensiven Verbrüderung der so genannten "Schurkenstaaten" mit dem so
genannten "Satan" kommen, aber jeder kleine Schritt ist ein
Fortschritt.
OTS0108 2004-01-07/16:08
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