• 18.12.2003, 17:17:57
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DER STANDARD-Interview mit Historiker Wolfgang Maderthaner von Johann Skocek

Ausgabe vom 19.12.2003

Wien (OTS) - Von der Sehnsucht in der Geschichte

Der Historiker Wolfgang Maderthaner, der sich seit Jahren mit dem
Wiener Fußball beschäftigt, spricht über Matthias Sindelar und dessen
reale Heldenrolle. Sindelar ist in die internationale Geschichte
eingegangen als "der Mann, der sein letztes Tor gegen den Faschismus
erzielte". Johann Skocek stellte die Fragen.

der Standard: War der Fußballer Matthias Sindelar ein Faschist, der
sich das arisierte Kaffeehaus des Juden Leopold Simon Drill unter den
Nagel gerissen hat?

Maderthaner: Sicher nicht. Es ist allerdings nicht wirklich
beweisbar. Er hat 1939 ein arisiertes Kaffeehaus gekauft, das ist
sicher.

Standard: Eine entscheidende Frage ist offenbar, ob der Druck auf
Drill, die Deportationen von Drills Sohn und der Besucher ins
Konzentrationslager, auf Betreiben oder mit Wissen von Sindelar
passierten?

Maderthaner: Ich sehe das ähnlich. Es gibt Hinweise, dass Sindelar in
nicht ganz unbedenklicher Nähe der NSDAP stand. Er gab
opportunistische Äußerungen ab, er war ja Tscheche und hat sich im
März 1938 bei den Tschechen engagiert, für den Anschluss an
Großdeutschland zu stimmen. Nach der Zukunft des ostmärkischen
Fußballs befragt, hat er gesagt, dass die Kinder jetzt endlich zu
essen kriegen und wenn sie körperlich gut beisammen sind, werde der
Fußball eine große Zukunft haben.

Standard: War er Parteimitglied?

Maderthaner: Meines Wissens nach nicht, da wird man auch schwerlich
was finden. Es gibt außerdem die Einschätzung der NSDAP-Leitstelle
Favoriten, dass Sindelar offen judenfreundlich sei und seine Mutter
und Schwestern nicht anders.

Standard: Die Beurteilung Sindelars wird offenbar von einer massiven
Sehnsucht nach einem Helden beeinflusst?

Maderthaner: Interessanterweise wurden die zentralen Einschreibungen
in die Figur Sindelar von jüdischen Emigranten, Alfred Polgar und
Friedrich Torberg beispielsweise, geschaffen. Diese Bilder
entsprechen der Sehnsucht nach einem volkstümlichen Helden. Sindelar
ist bis heute trotz seiner Arisierung in der jüdischen Gemeinde ein
Freiheitsheld. Dazu passen natürlich Tatsachen wie das Ignorieren der
Lehrgänge mit der großdeutschen Nationalmannschaft. Der 2:0-Sieg
Österreichs im Anschlussmatch im Wiener Stadion, in dem Sindelar ein
Tor erzielte. Oder der Arisierungsakt, der sich lang und breit mit
der Frage beschäftigt, ob Sindelars Schwestern, die eigentlich als
unzuverlässig galten, nach dem Tod des Bruders das Kaffeehaus
weiterführen dürfen.

Standard: Gibt es faktische Hinweise, dass Sindelar Druck auf Drill
ausgeübt hat?

Maderthaner: Ich kenne keine. Fakt ist, dass 1941 Drill noch auf dem
Papier Besitzer war, er war 1938 71 Jahre alt, er hätte das
Kaffeehaus auf jeden Fall verloren. Die These, dass Sindelar Drill
helfen wollte, indem er das Kaffeehaus erwarb und dafür einige Fäden
zog, ist nicht beweisbar. Wie die Frage, ob er Drill zur Flucht
verholfen hätte. Alles das ist durch Sindelars Tod für immer offen.

Standard: Kennen Sie einen Sportler mit vergleichbarem
politisch-historischem Charisma?

Maderthaner: Nein. Der Sto^jas^pal hatte ein Verfahren, weil er sich
mit Selbstverstümmelung dem Wehrdienst entzog. Aber er hat nie daraus
eine Geschichte gemacht.

Standard: Sindelar ist eine Legende und dennoch in seinem
historischen Profil abseits vom Fußball merkwürdig blass?

Maderthaner: Wahrscheinlich war er ein Wiener, der sich’s auch
gerichtet hat. Wir gehen da tief in den Alltag hinein, die Menschen
wollten, mussten überleben, aus den vorliegenden Akten sieht man,
welchen Druck ein totalitäres Regime auf die Menschen ausübt. Die
Tschechen wären in der Endlösung ja die Nächsten gewesen, da musste
der Tscheche Sindelar offenbar agieren. Und doch: die französische
Sportzeitung L’Equipe hat 1998 ein WM-Sonderheft he^rausgegeben mit
ewigen Fußballheroen. Sindelar kommt darin wirklich sehr prominent
vor. Der Mann, der sein letztes Tor gegen den Faschismus erzielte.
Die erste Frage des Chefredakteurs über Sindelar an mich lautete: War
Sindelar Jude?

OTS0201    2003-12-18/17:17

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