ER STANDARD-Interview mit Alois Kothgasser von Peter Mayr

Ausgabe vom 18.12.2003

Wien (OTS) - "Da können die Kirchen nicht schweigen"

Der Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser, kritisiert die Asylpolitik, bei der Österreich
noch Aufholbedarf habe. Um die Botschaft des Evangeliums könne man sich nicht herumschwindeln, sagt Kothgasser im Gespräch

mit Peter Mayr.

Standard: Was sagt der Caritasbischof dazu, dass täglich bei den Hilfsorganisationen Asylwerber vorstellig werden, die ein Notquartier suchen?

Kothgasser: Es ist schmerzlich, wenn in Österreich Menschen, die in Not sind, auf die Straße gestellt werden. Da können die Kirchen nicht schweigen, weil den Menschen ein Dach über dem Kopf zu nehmen auch bedeutet, sie eines Teiles ihrer Würde zu berauben. Das sage aber nicht nur ich als Caritas-Bischof.

Standard: Der Oberste Gerichtshof hat geurteilt, dass es Aufgabe der Republik ist, Asylwerber unterzubringen und dass die Caritas die Ausgaben vom Staat einklagen könnte. Die Caritas macht dies aber nicht. Hat man da nicht zu klein beigegeben, schließlich handelt es sich hier um Spendengelder, die auch anderswo dringend benötigt werden?

Kothgasser: Die Caritas verhandelt seit Monaten mit dem Innen- und dem Finanzministerium über eine außergerichtliche Lösung. Wir alle hoffen, dass es eine Einigung gibt.

Standard: Sollen wieder Kirchen für Flüchtlinge über Weihnachten geöffnet werden?

Kothgasser: Es gibt in vie-

len Pfarren in Österreich Notquartiere oder ehrenamtliche Gruppen, die Flüchtlinge in anderen Einrichtungen betreuen. Die Botschaft des Evangeliums ist ein ganz klarer Auftrag, um den man sich nicht herumschwindeln kann.

Standard: De facto gibt es in Österreich keine legale Zuwanderung mehr. Ist das Boot voll?

Kothgasser: Wir im reichen Norden nehmen auf dieser Welt relativ viel Platz für uns in Anspruch, wenn wir die Verteilung des Reichtums der Schöpfung oder die Belastung der Umwelt anschauen. Andererseits soll jeder Staat und die EU insgesamt eine geregelte und sinnvolle Migrationspolitik machen. Wichtig sind, wenn man den Zuzug regelt, aus meiner Sicht drei Prinzipien: das Recht auf Familienleben, die Möglichkeit, sich mit seiner eigenen Hände Arbeit den Unterhalt zu verdienen und die Unterscheidung von Einwanderung und Asyl. In allen drei Punkten hat Österreich noch Aufholbedarf.

Standard: Wenn Kritik an der Asylpolitik laut wird, kommt sie nicht von der Kirchenführung selbst, sondern von Vorfeldorganisationen. Warum dieses Schweigen?

Kothgasser: Die Caritas ist ja keine Vorfeldorganisation, sondern integraler Teil unserer Kirche. Ich bin als Caritas- Bischof in alle Beratungen eingebunden, und die Bischöfe haben gerade auch in den letzten Monaten klar betont, dass die Caritas hier im Einklang mit den Bischöfen arbeitet.

Standard: Fehlt der Mut, sich in eine Kontroverse zu stürzen?

Kothgasser: Wenn eine Auseinandersetzung notwendig ist, um die Menschenwürde oder andere elementare kirchliche Positionen zu verteidigen, soll man Kontroversen nicht scheuen. Ich habe aber den Eindruck, dass es eine fast voyeuristische Lust an Kontroversen gibt, gerade in den Medien. Ich bin kein Freund des öffentlichen Showdowns, aber ein großer Verfechter des offenen und klaren Dialoges.

Standard: Aber wenn ein Bischof spricht, ist es Kurt Krenn, der gleich die eigene Hilfsorganisation kritisiert. Gibt es einen Riss innerhalb der Bischofskonferenz in diesen Fragen?

Kothgasser: Ich hatte nicht den Eindruck, dass meine Kollegen und ich in den letzten Monaten schlecht bei Stimme waren. Im Ernst: Es gibt hier keinen Riss, aber klare Verantwortlichkeiten, wer für die Belange der Caritas zuständig ist. Insgesamt denke ich, eine größere Behutsamkeit in den Formulierungen wäre manchmal durchaus angebracht.

Standard: Wie ist das Verhältnis der Bischöfe zur Regierung und Innenminister Strasser?

Kothgasser: Es gibt manche Gemeinsamkeiten, aber gerade in der Frage der Unterbringung von Asylwerbern besteht ein gewisser Dissens. Da können wir auch nicht anders.

Standard: Beim 8. Dezember hat all das gute Zureden nichts genützt:
Österreich war im Kaufrausch. Jetzt folgt der Weihnachtsstress. Ist der Kampf Glaube gegen Konsum verloren?

Kothgasser: Wir werden früher, als uns vielleicht lieb ist, bemerken, dass dieses Lebenstempo und diese Außenorientierung auf Konsum uns als Menschen aushöhlen. Jeder braucht Zeit zum Innehalten, Zeit um mit sich, seinen Mitmenschen und Gott in Einklang zu kommen. Der Lärm und das Tempo dieser Tage geben da oft wenig Raum dafür.

Standard: Thema: Gott in die Verfassung. Schönborn ist einmal strikt dafür, dann reicht es auf einmal, wenn "der Mensch als Ebenbild Gottes im Zentrum der Verfassung steht". Sind Sie für einen Gottesbezug?

Kothgasser: Man muss genau hinhören: Kardinal Schönborn hat betont, dass ein Gottesbezug besteht, wenn der Mensch, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist, in der Mitte steht. Wir wollen in der Verfassung die Menschenwürde in der Mitte, rundhe^rum die Menschenrechte und die großen Staatsziele. Die Grundlagen müssen aber klar sein: Das Gottesbild garantiert das Menschenbild. Ich würde mit dem neuen Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer sagen: "Um des Menschen und der Menschenrechte, um der Unverfügbarkeit des Menschen willen hat es Sinn, wenn Gott in der Verfassung steht." Folgende Formel könnte ich mir vorstellen: "Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott für die Menschen und die Schöpfung, eingedenk des kulturellen, christlich-religiösen und humanistischen Erbes Österreichs, in Erkenntnis der Grenzen menschlicher Macht."

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