- 17.12.2003, 17:01:35
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ER STANDARD-Interview mit Alois Kothgasser von Peter Mayr
Ausgabe vom 18.12.2003
Wien (OTS) - "Da können die Kirchen nicht schweigen"
Der Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser, kritisiert die
Asylpolitik, bei der Österreich
noch Aufholbedarf habe. Um die Botschaft des Evangeliums könne man
sich nicht herumschwindeln, sagt Kothgasser im Gespräch
mit Peter Mayr.
Standard: Was sagt der Caritasbischof dazu, dass täglich bei den
Hilfsorganisationen Asylwerber vorstellig werden, die ein Notquartier
suchen?
Kothgasser: Es ist schmerzlich, wenn in Österreich Menschen, die in
Not sind, auf die Straße gestellt werden. Da können die Kirchen nicht
schweigen, weil den Menschen ein Dach über dem Kopf zu nehmen auch
bedeutet, sie eines Teiles ihrer Würde zu berauben. Das sage aber
nicht nur ich als Caritas-Bischof.
Standard: Der Oberste Gerichtshof hat geurteilt, dass es Aufgabe der
Republik ist, Asylwerber unterzubringen und dass die Caritas die
Ausgaben vom Staat einklagen könnte. Die Caritas macht dies aber
nicht. Hat man da nicht zu klein beigegeben, schließlich handelt es
sich hier um Spendengelder, die auch anderswo dringend benötigt
werden?
Kothgasser: Die Caritas verhandelt seit Monaten mit dem Innen- und
dem Finanzministerium über eine außergerichtliche Lösung. Wir alle
hoffen, dass es eine Einigung gibt.
Standard: Sollen wieder Kirchen für Flüchtlinge über Weihnachten
geöffnet werden?
Kothgasser: Es gibt in vie-
len Pfarren in Österreich Notquartiere oder ehrenamtliche Gruppen,
die Flüchtlinge in anderen Einrichtungen betreuen. Die Botschaft des
Evangeliums ist ein ganz klarer Auftrag, um den man sich nicht
herumschwindeln kann.
Standard: De facto gibt es in Österreich keine legale Zuwanderung
mehr. Ist das Boot voll?
Kothgasser: Wir im reichen Norden nehmen auf dieser Welt relativ viel
Platz für uns in Anspruch, wenn wir die Verteilung des Reichtums der
Schöpfung oder die Belastung der Umwelt anschauen. Andererseits soll
jeder Staat und die EU insgesamt eine geregelte und sinnvolle
Migrationspolitik machen. Wichtig sind, wenn man den Zuzug regelt,
aus meiner Sicht drei Prinzipien: das Recht auf Familienleben, die
Möglichkeit, sich mit seiner eigenen Hände Arbeit den Unterhalt zu
verdienen und die Unterscheidung von Einwanderung und Asyl. In allen
drei Punkten hat Österreich noch Aufholbedarf.
Standard: Wenn Kritik an der Asylpolitik laut wird, kommt sie nicht
von der Kirchenführung selbst, sondern von Vorfeldorganisationen.
Warum dieses Schweigen?
Kothgasser: Die Caritas ist ja keine Vorfeldorganisation, sondern
integraler Teil unserer Kirche. Ich bin als Caritas- Bischof in alle
Beratungen eingebunden, und die Bischöfe haben gerade auch in den
letzten Monaten klar betont, dass die Caritas hier im Einklang mit
den Bischöfen arbeitet.
Standard: Fehlt der Mut, sich in eine Kontroverse zu stürzen?
Kothgasser: Wenn eine Auseinandersetzung notwendig ist, um die
Menschenwürde oder andere elementare kirchliche Positionen zu
verteidigen, soll man Kontroversen nicht scheuen. Ich habe aber den
Eindruck, dass es eine fast voyeuristische Lust an Kontroversen gibt,
gerade in den Medien. Ich bin kein Freund des öffentlichen Showdowns,
aber ein großer Verfechter des offenen und klaren Dialoges.
Standard: Aber wenn ein Bischof spricht, ist es Kurt Krenn, der
gleich die eigene Hilfsorganisation kritisiert. Gibt es einen Riss
innerhalb der Bischofskonferenz in diesen Fragen?
Kothgasser: Ich hatte nicht den Eindruck, dass meine Kollegen und ich
in den letzten Monaten schlecht bei Stimme waren. Im Ernst: Es gibt
hier keinen Riss, aber klare Verantwortlichkeiten, wer für die
Belange der Caritas zuständig ist. Insgesamt denke ich, eine größere
Behutsamkeit in den Formulierungen wäre manchmal durchaus angebracht.
Standard: Wie ist das Verhältnis der Bischöfe zur Regierung und
Innenminister Strasser?
Kothgasser: Es gibt manche Gemeinsamkeiten, aber gerade in der Frage
der Unterbringung von Asylwerbern besteht ein gewisser Dissens. Da
können wir auch nicht anders.
Standard: Beim 8. Dezember hat all das gute Zureden nichts genützt:
Österreich war im Kaufrausch. Jetzt folgt der Weihnachtsstress. Ist
der Kampf Glaube gegen Konsum verloren?
Kothgasser: Wir werden früher, als uns vielleicht lieb ist, bemerken,
dass dieses Lebenstempo und diese Außenorientierung auf Konsum uns
als Menschen aushöhlen. Jeder braucht Zeit zum Innehalten, Zeit um
mit sich, seinen Mitmenschen und Gott in Einklang zu kommen. Der Lärm
und das Tempo dieser Tage geben da oft wenig Raum dafür.
Standard: Thema: Gott in die Verfassung. Schönborn ist einmal strikt
dafür, dann reicht es auf einmal, wenn "der Mensch als Ebenbild
Gottes im Zentrum der Verfassung steht". Sind Sie für einen
Gottesbezug?
Kothgasser: Man muss genau hinhören: Kardinal Schönborn hat betont,
dass ein Gottesbezug besteht, wenn der Mensch, der nach dem Bild
Gottes geschaffen ist, in der Mitte steht. Wir wollen in der
Verfassung die Menschenwürde in der Mitte, rundhe^rum die
Menschenrechte und die großen Staatsziele. Die Grundlagen müssen aber
klar sein: Das Gottesbild garantiert das Menschenbild. Ich würde mit
dem neuen Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer sagen: "Um des Menschen
und der Menschenrechte, um der Unverfügbarkeit des Menschen willen
hat es Sinn, wenn Gott in der Verfassung steht." Folgende Formel
könnte ich mir vorstellen: "Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott
für die Menschen und die Schöpfung, eingedenk des kulturellen,
christlich-religiösen und humanistischen Erbes Österreichs, in
Erkenntnis der Grenzen menschlicher Macht."
OTS0195 2003-12-17/17:01
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