- 17.12.2003, 16:17:08
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DER STANDARD-Interview mit Humangenetiker Korotschkin von Eduard Steiner.
Ausgabe vom 18.12.2003
Wien (OTS) - Zur Stammzelltherapie nach Nowosibirsk
In Russland dürfen abgetriebene Föten nach Herzenslust beforscht
werden, boomen Therapien mit Stammzellen: ein Behandlungs- und
Forschungseldorado, analysiert der führende Moskauer Humangenetiker
Leonid Korotschkin. Gefragt hat ihn Eduard Steiner.
Moskau/Wien - Die Europäische Union ist in der Frage um Forschungen
an Embryonen und embryonalen Stammzellen gespalten. Eine Ländergruppe
um Österreich lehnt solche Arbeiten aus ethischen und religiösen
Gründen ab, andere Länder wie Großbritannien, in denen
Embryonenforschung erlaubt ist, unterstützen diese Experimente.
Nachdem sich der Ministerrat Anfang des Monats zum wiederholten Male
nicht auf eine gemeinsame Förderrichtlinie hatte einigen können,
kündigte die EU-Kommission an, nach Auslaufen des Moratoriums
entsprechende Forschungsprojekte dennoch zur Förderung vorzuschlagen.
Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Embryonenforschung in
Nicht-EU-Staaten bereits weit fortgeschritten ist, Europa in dieser
Hinsicht ins wissenschaftliche Abseits geraten könnte. Als
Konkurrenten in diesem Bereich wurden bisher jedoch nur Israel,
Australien, Japan, Singapur, Indien und die USA genannt. Was aber
läuft alles in Russland? Was regelt zum Beispiel das russische Gesetz
zum Klonen?
Korotschkin: Seit dem Vorjahr haben wir ein fünfjähriges Moratorium
auf das reproduktive Klonen von Menschen. Die Frage des
therapeutischen Klonens ist bei uns nicht geregelt, an der
Ausarbeitung eines Gesetzes wird gearbeitet. Dezidiert erlaubt ist
bei uns die Arbeit mit abortivem, mit abgetriebenem Material.
Standard: Der russische Humangenetiker Wladislaw Ba^ranow hat
westliche Forscher eingeladen, weil man in Russland mit Föten
arbeiten könne, so viel man will. Stimmt das?
Korotschkin: Ich weiß, dass es in manchen Ländern verboten ist, vor
allem mit Föten, die älter als neun Wochen sind. Bei uns besteht hier
jedoch keinerlei Verbot, das stimmt.
Standard: Wie sieht es in Russland mit der verbrauchenden
Embryonenforschung aus?
Korotschkin: Hier gibt es unterschiedliche Auffassungen, aber derzeit
kann man bei uns diesbezüglich bedenkenlos arbeiten. Ethische
Bedenken bestehen natürlich bei Arbeit mit embryonalen Stammzellen,
die durch spezielle Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken
gewonnen wurden - schließlich braucht man dazu Spender von Eizellen,
die gleichsam für einen geplanten Mord bezahlt werden. Generell halte
ich aber die Arbeit mit mesenchymalen Zellen, das sind zum Beispiel
Zellen aus dem Knochenmark, für weitaus perspektivenreicher und
ethisch vertretbarer.
Standard: Hat Russland embryonale Stammzellenlinien?
Korotschkin: Ja natürlich, aber noch haben wir nicht sehr viel eigene
geschaffen. In Petersburg verfügen wir derzeit über vier
Stammzellenlinien, in Moskau, auf unserem Institut, erst über eine.
Standard: Was ist mit den Gerüchten, dass embryonale Stammzellen
schon therapeutisch angewendet werden?
Korotschkin: Soweit mir bekannt ist, wird das bei uns noch nicht
angewendet. Zumal sich dies durch das große Risiko einer Tumorbildung
verbietet. Außerdem ist das nicht so einfach, und die Arbeiten sind
teuer, während unsere Wissenschaft arm und die Anzahl der Labors
klein ist. Ich bin fast mit allen in Kontakt, und generell werden
Zellen, die irgendwo klinisch angewendet werden sollen, auf unserem
Institut identifiziert. Wenn irgendetwas im Untergrund vor sich
ginge, würde ich es wissen.
Standard: Jüngst haben Wissenschafter der Forschungshochburg
Nowosibirsk in Deutschland von Sensationserfolgen berichtet, wobei
unklar blieb, mit welchem Material sie arbeiten. Wissen Sie es?
Korotschkin: Sie haben keine eigenen Stammzellenlinien, aber einige
aus Amerika gekauft und arbeiten nun mit großem Interesse daran. Die
therapeutischen Erfolge, die man in Novosibirsk - besonders in der
Neurochirurgie - erzielte, gelangen mit fötalen Zellen aus abortivem
Material. Man hat ein Gemenge embryonaler Zellen aus dem Gehirn
genommen, unter denen wir auf dem Institut auch Stammzellen entdeckt
haben, die zwar nicht totipotent sind, aber ein ausreichend großes
Spektrum zur Ausdifferenzierung haben. Das Gemisch wurde operativ an
die Stelle im Hirn des Patienten, wo Zellen sterben, eingepflanzt.
Die bisherigen 3000 Eingriffe brachten einen Erfolg von um die 60
Prozent. Tatsächlich kommen viele ausländische Patienten,
insbesondere aus Israel, nach Nowosibirsk - teils weil im Westen eine
solche Therapie verboten, teils weil sie dort zu teuer ist.
Standard: Der Enthüllungsjournalist Alexander Chinstejn schreibt von
einer skrupellosen Medizinerlobby? Hat er Recht?
Korotschkin: Er schreibt von ungesetzlichen Methoden und Verfahren,
beinahe von einem Verkauf von embryonalem und anderem Material ins
Ausland. Mir ist davon nichts bekannt. Ich traue diesem Journalist
nicht, juristisch sind seine Anschuldigungen nicht haltbar. Die
Schmutzkampagne gegen unsere Embryologen ist unberechtigt. Dass
jemand die Gesetzeslage missbraucht, ist schon möglich. Ähnliche
Gerüchte kursieren aber auch im Westen.
Standard: Arbeiten Sie selbst mit Stammzellen?
Korotschkin: Ja, so wie die Mehrheit bei uns, wobei immer mehr mit
mesenchymalen Stammzellen des Patienten selbst arbeiten. Kürzlich
haben wir im ukrainischen Charkow mit Stammzellen aus dem Knochenmark
eines Patienten diesen ziemlich erfolgreich von Parkinson geheilt.
Wie die Filmdokumentation zeigt, zittert eine Hand überhaupt nicht
mehr und die andere kaum noch. Bei vier weiteren Behandlungen waren
die Erfolge unterschiedlich. Mittlerweile wird an mehreren Instituten
therapeutisch mit adulten Stammzellen gearbeitet. Es gibt zwei
Richtungen: Die einen wenden die Zellen unbearbeitet an in der
Annahme, dass die Umgebung sie richtig in die gewünschte
Ausdifferenzierung lenkt; andere sind der Ansicht, dass man auch auf
die adulten irgendwie einwirken muss, damit sie sich schließlich in
die gewünschte Richtung entwickeln.
Standard: Wie kommentieren Sie die Gerüchte ums reproduktive Klonen?
Die Sekte Clon^aid hat ja Moskau als möglichen Standort genannt.
Korotschkin: Das ist alles Unsinn und schon wissenschaftlich
unrealistisch. Das sind alles Gauner. In Russland sind in den letzten
Jahren mehr Gauner aufgetaucht, die angeblich alle Krankheiten heilen
können, als anderswo.
Standard: Was tut sich in Russland auf dem Gebiet des Klonens von
Tieren?
Korotschkin: Auch hier gibt es viele Schwierigkeiten und wenige
Erfolge. In der Nähe von Moskau wurde ein Zentrum zum Klonen von
Ziegen und Kühen eingerichtet. Ich kann nicht sagen, wie viel sie
schon gemacht haben. Das Thema ist bei uns aber nicht neu. In
Novosibirsk hat man schon 1970 erste Schritte mit Mäusen gemacht.
Wissenschafter, die das Schaf Dolly geklont haben, hatten sich auch
mit russischen Kollegen beraten. Einige behaupten, die Briten hätten
in Russland entwickelte Techniken angewendet.
ZUR PERSON:
Leonid Korotschkin gilt als einer der führenden Wissenschafter
Russlands. Der Bio-
loge und Humangenetiker forscht und lehrt am "Institut für die
Biologie der Gene"
der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.
OTS0188 2003-12-17/16:17
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