- 12.12.2003, 17:14:40
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"Presse"-Kommentar: Kopftücher verhüllen nur einen Teil des Ganzen (von Andreas Unterberger)
Ausgabe vom 13. Dezember 2003
Wien (OTS) - Frankreich verbannt alle Kopftücher aus seinen
Schulen. Und zugleich alle anderen direkt oder indirekt religiösen
Symbole, bis auf kleine Amulette oder Kreuze an Halskettchen. Der
Präsident bezeichnet im Einklang mit der Opposition die Kopftücher
als aggressiv. Zugleich wendet er sich massiv gegen den Vorschlag
seines Innenministers, die fünf Millionen Moslems, die heute in
Frankreich leben, "positiv zu diskriminieren", also bei Posten- und
Wohnungsvergabe zu bevorzugen. Eine Kommission empfiehlt, auch an
einem islamischen (sowie an einem jüdischen) Feiertag schulfrei zu
geben.
Diese Vorgänge sind Teil dramatischer Umwälzungen in ganz Europa.
Sie machen den Ausdruck neue Völkerwanderung zum Diminutiv. Sie sind
mit Sicherheit relevanter für die Zukunft der Menschen Europas als
all das, was Jacques Chirac und seine Kollegen an diesem Wochenende
über die europäische Verfassung beschließen mögen (oder nicht). Sie
sind paradigmatisch für Entscheidungen, mit denen in den nächsten
Jahren auch andere Länder konfrontiert sein werden.
Wir stehen zugleich vor einem schweren Konflikt zwischen
Grundwerten, die wir bisher als harmonisch kompatibel angesehen
haben. Auf der einen Seite die Rechte auf Religions- und
Meinungsfreiheit, die sich ja auch via Kleidung äußern können. Auf
der anderen Seite die Gleichberechtigung und Freiheit der Frauen, die
islamischen (nicht nur islamistischen) Traditionen widersprechen.
Man darf gespannt sein, ob sich Frankreichs Laizismus gegen den
Druck der fünf Millionen Moslems durchsetzen kann. Was tun, wenn die
Mädchen nun nicht mehr zur Schule gelassen werden? Wenn sich private
Ghetto-Schulen bilden?
Aber auch ein Nachgeben führt nur zu immer weiteren Dammbrüchen.
Schon wurde aus Wiener Schulen von Mädchen berichtet, die nicht mehr
nur die Haare, sondern den ganzen Kopf hinter einem Schleier
verstecken, schon sind bei uns Schulklassen am Ende des Ramadan
dramatisch geleert. Auch Turnen und Schwimmen für Mädchen gelten
vielen Moslems als anstößig.
Österreich wird das alles (wie immer) mit Verspätung diskutieren.
Dabei ist in Österreich die Situation noch viel heikler: Denn
Frankreich hatte seine große Immigration vor allem in den 60er Jahren
(aus Algerien). In Österreich ist die Masseneinwanderung jedoch erst
in den letzten zwölf Jahren passiert, was die geistige Bewältigung
noch viel schwieriger macht.
Die Ursachen der Völkerwanderung sind vielfältig: der Sog wegen
des weitgehenden europäischen Geburtenstopps, der Import von
Arbeitskräften anstelle des Exports von Arbeitsplätzen, die
Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt, eine falsche
Entwicklungspolitik, die ungebremsten kriminellen Aktivitäten von
Schlepperbanden, die Nachwirkungen der Kolonialreiche mancher
europäischer Staaten, die großzügigen Grenzöffnungen, die
Liberalisierung von Grenz- und Polizeikontrollen, die Naivität von
gutmeinenden Hilfsorganisationen (die übersehen, dass jeder einzelne,
den man aus Nächstenliebe ins Land lässt, eine Vielzahl weiterer
Migranten auslöst; die in ihrer humanitären Identifizierung mit
Asylwerbern diesen sogar raten, Pässe zu vernichten, damit niemand
zurückgeschickt werden kann).
Es geht nicht nur um Kopftücher, es geht auch um die Entscheidung
zwischen zwei - leider sehr wenig attraktiven - Alternativen für die
Zukunft Europas: Wird es in 20 Jahren ein multikulturelles Gebilde
sein, das sich in vielerlei Hinsicht islamischen und afrikanischen
Lebensvorstellungen angepasst hat und in dem die europäischen
Eingeborenen zu einer Minderheit geworden sind? Oder wird es ein
Kontinent sein, der viel von der heutigen Freiheit und Offenheit
verloren hat, der sich nur mit polizeistaatlichen Methoden gegen den
Massenzustrom aus dem Elend der restlichen Welt abzuschirmen
versteht? Ein Drittes gibt es wohl nicht.
OTS0231 2003-12-12/17:14
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