Die Rolle des Fliegerärztlichen Sachverständigen für die Flugsicherheit

Das Berufsbild des Flugmediziners und Flugpsychologen in Österreich - Festvortrag Dr. Wolfgang Köstler, Präsidenten der Flugmediziner Österreichs

Zürs (OTS) - Die Flugmediziner und Flugpsychologen Österreichs sind heuer zum zehnten Mal zu den Zürser Tagen für Flugmedizin hier in Zürs zusammengetroffen. Ein Grund zum Feiern, wie wir glauben. Neun erfolgreiche wissenschaftliche Veranstaltungen, bei denen aber auch stets Zeit für wichtige gesellschaftliche Kontakte gegeben war, liegen bereits hinter uns. Wir durften hier in Zürs zahlreiche nationale und internationale Gäste als Vortragende und Teilnehmer an diesen Zürser Tagen der Flugmedizin begrüßen.

Veranstalter dieser Tagung sind heuer, so wie auch in den letzten Jahren, die Österreichische Akademie für Flugmedizin gemeinsam mit der Luftfahrtbehörde Austro Control.

Zielsetzung der Zürser Tage für Flugmedizin war stets die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Flugmedizinern und Flugpsychologen, ist doch die Flugmedizin in den letzten Jahren eine Spezialdisziplin der Medizin geworden, die ihre Aufgabe darin sieht, einerseits jene Menschen auszuwählen, die nach erfolgreichem Bestehen aller vom Gesetzgeber vorgegebenen Tests aufgrund ihrer physischen und psychischen Tauglichkeit das Privileg besitzen sollen, als Piloten oder Flugverkehrsleiter tätig sein zu dürfen.

Die Erhaltung dieser Tauglichkeit, möglichst ein ganzes Luftfahrerleben lang, ist neben der Auswahl eine weitere Aufgabe der Flugmediziner und Flugpsychologen.

Es soll auch in Zukunft in Österreich so sein, dass vom Gesichtspunkt der Flugmedizin aus der Weg zum und vom Flughafen das Gefährlichste am Fliegen ist.

Flugmediziner und Flugpsychologen halten also Sicherheit in der Luftfahrt auf höchstem Niveau, und sie tun dies Tag für Tag, jahraus, jahrein, auf der Basis der größtmöglichen Objektivität und eines hohen notwendigen Fachwissens.

Die sich sprungartig weiterentwickelnde moderne Medizin erfordert eine lebenslanges Lernen besonders für die Flugmediziner, da von Ihnen ein möglichst breitgefächertes Wissen auf allen Gebieten der Medizin gefordert wird, haben doch ihre Entscheidungen über Tauglichkeit oder Untauglichkeit eines Piloten oder Flugverkehrsleiters nicht selten Auswirkungen auf die berufliche Karriere des Betroffenen.

Derzeit erfüllen 117 Fliegerärztliche Sachverständige diese Aufgabe in der Republik Österreich, gleichsam als verlängerter Arm der Luftfahrtbehörde, um für eine flächendeckende flugmedizinische Versorgung der Luftfahrer zu sorgen.

Österreichs Flugmediziner sind niedergelassene Ärzte, die, wenn man so sagen will, allesamt mit beiden Beinen im medizinischen Alltag stehen und die neben ihrer Tätigkeit in Klinik und Praxis meist auch Flugsportler, Segelflieger, Privatpiloten, Berufspiloten oder Linienpiloten sind. Oft sind sie erst durch diese ihre Pilotentätigkeit zur Flugmedizin gekommen oder aber auch, weil sie der Meinung der Luftfahrtbehörde folgten, dass jemand, der als Fliegerärztlicher Sachverständiger selbst eine Pilotentätigkeit ausübt, viel besser beurteilen kann, welcher Fitnessgrad von einem Luftfahrer gefordert werden muss.

In dieser Funktion geht es zum Beispiel um die Beurteilung der Tauglichkeit von Privatpiloten im weiteren Sinn, die oft allein in Flugzeugen mit nicht sehr hoher technischer Ausstattung großen fachlichen, psychologischen und physischen Anforderungen ausgesetzt sind, bis hin zur Beurteilung der Tauglichkeit von Linienpiloten, die die Verantwortung für eine große Zahl von Passagiern zu tragen haben und wiederum ganz anderen Anforderungen ausgesetzt sind.

Die Menschen, die unter den über sie fliegenden Flugzeugen leben müssen, und das sind wir fast alle, sollen sich darauf verlassen können, dass die, die Flugzeuge über ihre Häuser, Dörfer und Städte steuern, gesund und fit sind, ebenso müssen sich die Passagiere in den Flugzeugen darauf verlassen können, dass sie ausschließlich von gesunden und fitten Piloten mit gutem Flugtraining geflogen werden, das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Flugmediziner und Flugpsychologen. Hierzu müssen alle Risken einer plötzlichen Unpässlichkeit eines Piloten im Flug durch die Flugmedizin weitestgehend ausgeschaltet sein.

Zu berücksichtigen sind bei der Tauglichkeitsbeurteilung die unterschiedlichen Beanspruchungen, denen die Bewerber oder Inhaber der jeweiligen Lizenzen ausgesetzt sind.

Die Flugmediziner und Flugpsychologen Österreichs sehen nicht zuletzt ihre Aufgabe darin, durch Beratung und Begleitung von Luftfahrtpersonal während der gesamten Laufbahn deren Tauglichkeit zu erhalten, solange dies unter Beachtung der gesetzlichen Bedingungen möglich ist.

Gott sei Dank sind die meisten Piloten fit und tauglich für Ihre Tätigkeit als Luftfahrer und die Bestimmung der Tauglichkeit ist relativ problemlos, doch wie es in der Natur des Menschen liegt, sind auch Piloten und Flugverkehrsleiters vor Krankheiten nicht gefeit und in solchen Fällen ist der Wiedereingliederung eines rekonvaleszenten Piloten oder Flugverkehrsleiters in seine ursprüngliche Tätigkeit eine wesentlich größere Herausforderung für die Flugmediziner und Flugpsychologen. Die Entscheidungen über jede fliegerische Tauglichkeit müssen sich einerseits am letzten Stand des medizinischen Wissens und andererseits an den gesetzlichen Grundlagen orientieren. Dazu ist eine gute Kenntnis der Aufgaben von Luftfahrtpersonal, aber auch Kenntnisse über die Langzeitauswirkungen medizinischer Diagnose und Therapieverfahren auf die Tauglichkeit eines erkrankten Piloten notwendig.

Speziell die körperlichen, mentalen und psychologischen Veränderungen durch die Alterungsprozesse des Menschen müssen bei der Begutachtung im Auge behalten werden, da wir gerade im Privatpilotenbereich einer immer größeren Anzahl von älteren Piloten gegenüberstehen, die das siebzigste Lebensjahr oft schon überschritten haben. Hier müssen bei der Tauglichkeitsbeurteilung die kompensierende Wirkung der individuellen Flugerfahrung und der körperliche Abbauprozess unter dem Aspekt einer Risikoevaluierung sorgfältig einander gegenübergestellt werden. Unter dem Aspekt der Sicherheit der Luftfahrt widmet die Luftfahrtbehörde Austro Control gerade bei der Lizenzierung älterer Piloten besonderes Augenmerk.

Nach der derzeitigen Gesetzeslage, also entsprechend der Zivilluftfahrerpersonalverordnung, gibt es in Österreich kein Alterslimit für irgendeine Pilotentätigkeit, solange der Proband seine körperliche, psychologische und fachliche Fitness immer wieder, in kürzer werdenden Intervallen unter Beweis stellen kann.

Die Flugmediziner und Flugpsychologen schützen einerseits die Bevölkerung eines Landes vor eventuellen Schäden durch Flugunfälle, andererseits aber auch Piloten und Flugverkehrsleiter vor möglichen ungerechtfertigten Übergriffen durch Versicherungen oder Behörden, indem sie für die gesetzeskonforme Zertifizierung der Tauglichkeit von medizinischer und psychologischer Seite garantieren.

Darüber hinaus haben Österreichs Flugmediziner sich seit vielen Jahren als Reisemediziner aus- und weitergebildet und stehen den Menschen in diesem Land bei der Planung und Vorbereitung von Reisen, wenn es um die Erhaltung der Gesundheit geht, zur Verfügung. Aber auch für den Fall, dass ein/e ÖsterreicherIn erkrankt von einer Reise zurückkehrt, ist der Flugmediziner eine erster kompetenter Ansprechpartner, weil er sich mit den möglichen Ursachen und den daraus folgenden diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen von Reiseerkrankungen fachlich auseinandergesetzt hat.

Flugmediziner sind es auch, die die Transportfähigkeit eines behinderten oder kranken Menschen mit einem Flugzeug zu beurteilen und schließlich mit ihrer Entscheidung auch zu verantworten haben, eine sehr häufige Tätigkeit von Flugmedizinern.
Flugmediziner sind es, die Luftfahrtpersonal in Erster Hilfe an Bord von Flugzeugen im Umgang mit der medizinischen Ausrüstung an Bord und mit Medikamenten ausbilden und die auch für die regelmäßige Auffrischung dieses Wissens Sorge tragen, nicht zuletzt, weil der Gesetzgeber dieses Training von Luftfahrtpersonal fordert.

Die Flugpsychologen haben die "Human Factors", den Menschen und seine psychischen Fähigkeiten und da im Besonderen das Training von Luftfahrern in den Möglichkeiten des Cockpit Ressource Management als eine ihrer wesentlichen Aufgaben in der Luftfahrt erkannt und zur Optimierung übernommen. Auch das Post Disaster Management in einer Airline und die Bewältigung des Stresses nach einem einzelnen Flugunfall sowie die Aufklärung der Faktoren des menschlichen Versagens bei einem Flugunfall fallen in den Aufgabenbereich der Flugpsychologen. Dazu bedarf es einer jahrelangen Ausbildung in Flugpsychologie und einer Zertifizierung als Flugpsychologe, um von der Luftfahrtbehörde und den Institutionen anerkannt zu werden. Nicht jeder Psychologe ist automatisch ein zertifizierter Flugpsychologe.

Wenn es darum geht, die Tauglichkeit eines Luftfahrers in einer schwierigen Lebensphase zu beurteilen, werden die Flugpsychologen gemeinsam mit den Flugmedizinern eine fachlich kompetenten, gerechten und angepaßten Beurteilung anstreben. In Österreich hat sich die Zusammenarbeit zwischen lizenzierten Flugmedizinern und zertifizierten Flugpsychologen sehr bewährt und es hat praktisch keine Flugunfälle aufgrund physischer oder psychischer Gebrechen von Luftfahrern gegeben.

Auch bei der Ausübung von luftsportlicher Tätigkeit behinderter Menschen ist die Beurteilung der Flugtauglichkeit eine Aufgabe des Flugmediziners in Abstimmung mit einem/r FluglehrerIn. So ist es heute vielen behinderten Menschen möglich, sicher an der Luftfahrt teilzunehmen, vorausgesetzt dass die Fluggeräte optimal an ihre Behinderung angepasst sind und ihr physischer und psychologischer Zustand den Umgang mit diesem angepassten Fluggeräten sicher ermöglicht.

Österreich hat mit D.I. Franz Viehböck einen Kosmonauten ins All zur Raumstation MIR geschickt, auch seine Tauglichkeit wurde von Österreichischen Flugmedizinern und Flugpsychologen selektiv bestimmt. Nicht zuletzt dadurch gibt es auch eine Expertise in Weltraummedizin unter Österreichs Flugmedizinern. Im besonderen war der Verdienst hier bei unseren Akademiemitgliedern Dr. Joachim Huber und Dr. Walter Bein gelegen.

Über die Österreichschen Kongresse hinaus sind Österreichs Flugmediziner und Flugpsychologen Teilnehmer und Vortragende an zahlreichen internationalen, die Luftfahrt betreffenden Meetings und haben sich dabei einen Namen gemacht und zur Ehre und zum Ansehen Österreichs beigetragen. Österreichs Flugmediziner und Flugpsychologen sind keine unbekannten Größen in Europa und in der Welt.

Es war stets das Bemühen der Österreichischen Akademie für Flugmedizin, die auch als Veranstalter der Zürser Tage für Flugmedizin auftritt, die Flugmedizin in Österreich zu fördern und auf einem möglichst hohen wissenschaftlichen Stand zu halten. Auch war es das Ziel dieser Flugakademie, zu unseren Nachbarländern und deren Luftfahrtmedizinern und Luftfahrtbehörden enge fachliche und freundschaftliche Kontakte aufzubauen. Aus diesem Grund wurde 1996 von meinem ungarischen Kollegen Herrn Dr. Gábor Hardicsay und mir das Alpe Adria Meeting der Luftfahrtmedizin ins Leben gerufen, das seit dieser Zeit einmal im Jahr stets an einem anderen Ort in Europa stattfindet und ein internationales Forum der Flugmedizin und Flugpsychologie geworden ist. Nicht zuletzt dienen diese flugmedizinischen Tagungen auch der Völkerverständigung und Freundschaft über politische Grenzen hinaus.

Österreich war in den letzten Jahren Gastgeber zahlreicher JAA (Joint Aviation Authorities) Konferenzen und ECAC Meetings, auch hier in Zürs haben die Mitgliedsstaaten der JAA schon mehrmals über die Erstellung neuen JAR-FCL-3-med. (Joint Aviation Requirements) getagt.

Österreichs Flugmediziner und Flugpsychologen sehen sich im nächsten Jahr der großen Herausforderung der Implementierung der JAR-FCL-3-med. Requirements für die Flugmedizin und Flugpsychologie gegenüber, und sie werden sich auch dieser Aufgabe stellen und zu einer erfolgreichen Einführung der neuen Vorschriften beitragen. Hier in Zürs findet heuer die erste Arbeitsgruppensitzung der Flugmediziner und Flugpsychologen zu diesem Thema statt. In der Folge wird die EASA (European Aviation Safety Agency), da sie bereits ihre Tätigkeit als neue Europäische Luftfahrtbehörde aufgenommen hat, ihre Lizenzierungsvorstellungen den Flugmedizinern vorlegen und die gesetzliche Umsetzung einfordern.

Die Österreichische Flugakademie hat gemeinsam mit Austro Control und der Fa. Heitec eine Software für die medizinische Pilotenuntersuchung und Lizenzierung entwickelt, die heute durch die Fa. Empic vertrieben wird und schon von einigen Ländern in Europa angekauft wurde. Österreichs Flugmediziner haben sich in den letzen Jahren hunderten Ausbildungsstunden in JAA-konformer Flugmedizin unterzogen und sind für die Einführung der neuen gesetzlichen Grundlagen von fachlicher Seite gerüstet.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich hoffe, Ihnen durch diesen kurzen Vortrag das Bild des Österreichischen Flugmediziners und Flugpsychologen ein wenig näher gebracht zu haben. Normalerweise hören sie im öffentlichen Leben nicht viel von diesen beiden Berufsgruppen, aber das ist oft so, bei Arbeiten und Institutionen, die gut und reibungslos funktionieren. Die Zürser Tage für Flugmedizin 2003 sollen ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Erhaltung der Sicherheit unserer Österreichischen Luftfahrt werden.

Rückfragen & Kontakt:

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Wolfgang Köstler
Chefarzt der Austro Control GmbH
Schnirchgasse 11, 1030 Wien
Tel.: 05 1703 1530
Handy: 0664/610 03 83 oder 0664/153 63 74
wolfgang.koestler@austrocontrol.at

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