• 05.12.2003, 12:00:00
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Die Rolle des Fliegerärztlichen Sachverständigen für die Flugsicherheit

Das Berufsbild des Flugmediziners und Flugpsychologen in Österreich - Festvortrag Dr. Wolfgang Köstler, Präsidenten der Flugmediziner Österreichs

Zürs (OTS) - Die Flugmediziner und Flugpsychologen Österreichs
sind heuer zum zehnten Mal zu den Zürser Tagen für Flugmedizin hier
in Zürs zusammengetroffen. Ein Grund zum Feiern, wie wir glauben.
Neun erfolgreiche wissenschaftliche Veranstaltungen, bei denen aber
auch stets Zeit für wichtige gesellschaftliche Kontakte gegeben war,
liegen bereits hinter uns. Wir durften hier in Zürs zahlreiche
nationale und internationale Gäste als Vortragende und Teilnehmer an
diesen Zürser Tagen der Flugmedizin begrüßen.

Veranstalter dieser Tagung sind heuer, so wie auch in den letzten
Jahren, die Österreichische Akademie für Flugmedizin gemeinsam mit
der Luftfahrtbehörde Austro Control.

Zielsetzung der Zürser Tage für Flugmedizin war stets die Aus-,
Fort- und Weiterbildung von Flugmedizinern und Flugpsychologen, ist
doch die Flugmedizin in den letzten Jahren eine Spezialdisziplin der
Medizin geworden, die ihre Aufgabe darin sieht, einerseits jene
Menschen auszuwählen, die nach erfolgreichem Bestehen aller vom
Gesetzgeber vorgegebenen Tests aufgrund ihrer physischen und
psychischen Tauglichkeit das Privileg besitzen sollen, als Piloten
oder Flugverkehrsleiter tätig sein zu dürfen.

Die Erhaltung dieser Tauglichkeit, möglichst ein ganzes
Luftfahrerleben lang, ist neben der Auswahl eine weitere Aufgabe der
Flugmediziner und Flugpsychologen.

Es soll auch in Zukunft in Österreich so sein, dass vom
Gesichtspunkt der Flugmedizin aus der Weg zum und vom Flughafen das
Gefährlichste am Fliegen ist.

Flugmediziner und Flugpsychologen halten also Sicherheit in der
Luftfahrt auf höchstem Niveau, und sie tun dies Tag für Tag, jahraus,
jahrein, auf der Basis der größtmöglichen Objektivität und eines
hohen notwendigen Fachwissens.

Die sich sprungartig weiterentwickelnde moderne Medizin erfordert
eine lebenslanges Lernen besonders für die Flugmediziner, da von
Ihnen ein möglichst breitgefächertes Wissen auf allen Gebieten der
Medizin gefordert wird, haben doch ihre Entscheidungen über
Tauglichkeit oder Untauglichkeit eines Piloten oder
Flugverkehrsleiters nicht selten Auswirkungen auf die berufliche
Karriere des Betroffenen.

Derzeit erfüllen 117 Fliegerärztliche Sachverständige diese
Aufgabe in der Republik Österreich, gleichsam als verlängerter Arm
der Luftfahrtbehörde, um für eine flächendeckende flugmedizinische
Versorgung der Luftfahrer zu sorgen.

Österreichs Flugmediziner sind niedergelassene Ärzte, die, wenn
man so sagen will, allesamt mit beiden Beinen im medizinischen Alltag
stehen und die neben ihrer Tätigkeit in Klinik und Praxis meist auch
Flugsportler, Segelflieger, Privatpiloten, Berufspiloten oder
Linienpiloten sind. Oft sind sie erst durch diese ihre
Pilotentätigkeit zur Flugmedizin gekommen oder aber auch, weil sie
der Meinung der Luftfahrtbehörde folgten, dass jemand, der als
Fliegerärztlicher Sachverständiger selbst eine Pilotentätigkeit
ausübt, viel besser beurteilen kann, welcher Fitnessgrad von einem
Luftfahrer gefordert werden muss.

In dieser Funktion geht es zum Beispiel um die Beurteilung der
Tauglichkeit von Privatpiloten im weiteren Sinn, die oft allein in
Flugzeugen mit nicht sehr hoher technischer Ausstattung großen
fachlichen, psychologischen und physischen Anforderungen ausgesetzt
sind, bis hin zur Beurteilung der Tauglichkeit von Linienpiloten, die
die Verantwortung für eine große Zahl von Passagiern zu tragen haben
und wiederum ganz anderen Anforderungen ausgesetzt sind.

Die Menschen, die unter den über sie fliegenden Flugzeugen leben
müssen, und das sind wir fast alle, sollen sich darauf verlassen
können, dass die, die Flugzeuge über ihre Häuser, Dörfer und Städte
steuern, gesund und fit sind, ebenso müssen sich die Passagiere in
den Flugzeugen darauf verlassen können, dass sie ausschließlich von
gesunden und fitten Piloten mit gutem Flugtraining geflogen werden,
das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Flugmediziner und
Flugpsychologen. Hierzu müssen alle Risken einer plötzlichen
Unpässlichkeit eines Piloten im Flug durch die Flugmedizin
weitestgehend ausgeschaltet sein.

Zu berücksichtigen sind bei der Tauglichkeitsbeurteilung die
unterschiedlichen Beanspruchungen, denen die Bewerber oder Inhaber
der jeweiligen Lizenzen ausgesetzt sind.

Die Flugmediziner und Flugpsychologen Österreichs sehen nicht
zuletzt ihre Aufgabe darin, durch Beratung und Begleitung von
Luftfahrtpersonal während der gesamten Laufbahn deren Tauglichkeit zu
erhalten, solange dies unter Beachtung der gesetzlichen Bedingungen
möglich ist.

Gott sei Dank sind die meisten Piloten fit und tauglich für Ihre
Tätigkeit als Luftfahrer und die Bestimmung der Tauglichkeit ist
relativ problemlos, doch wie es in der Natur des Menschen liegt, sind
auch Piloten und Flugverkehrsleiters vor Krankheiten nicht gefeit und
in solchen Fällen ist der Wiedereingliederung eines rekonvaleszenten
Piloten oder Flugverkehrsleiters in seine ursprüngliche Tätigkeit
eine wesentlich größere Herausforderung für die Flugmediziner und
Flugpsychologen. Die Entscheidungen über jede fliegerische
Tauglichkeit müssen sich einerseits am letzten Stand des
medizinischen Wissens und andererseits an den gesetzlichen Grundlagen
orientieren. Dazu ist eine gute Kenntnis der Aufgaben von
Luftfahrtpersonal, aber auch Kenntnisse über die Langzeitauswirkungen
medizinischer Diagnose und Therapieverfahren auf die Tauglichkeit
eines erkrankten Piloten notwendig.

Speziell die körperlichen, mentalen und psychologischen
Veränderungen durch die Alterungsprozesse des Menschen müssen bei der
Begutachtung im Auge behalten werden, da wir gerade im
Privatpilotenbereich einer immer größeren Anzahl von älteren Piloten
gegenüberstehen, die das siebzigste Lebensjahr oft schon
überschritten haben. Hier müssen bei der Tauglichkeitsbeurteilung die
kompensierende Wirkung der individuellen Flugerfahrung und der
körperliche Abbauprozess unter dem Aspekt einer Risikoevaluierung
sorgfältig einander gegenübergestellt werden. Unter dem Aspekt der
Sicherheit der Luftfahrt widmet die Luftfahrtbehörde Austro Control
gerade bei der Lizenzierung älterer Piloten besonderes Augenmerk.

Nach der derzeitigen Gesetzeslage, also entsprechend der
Zivilluftfahrerpersonalverordnung, gibt es in Österreich kein
Alterslimit für irgendeine Pilotentätigkeit, solange der Proband
seine körperliche, psychologische und fachliche Fitness immer wieder,
in kürzer werdenden Intervallen unter Beweis stellen kann.

Die Flugmediziner und Flugpsychologen schützen einerseits die
Bevölkerung eines Landes vor eventuellen Schäden durch Flugunfälle,
andererseits aber auch Piloten und Flugverkehrsleiter vor möglichen
ungerechtfertigten Übergriffen durch Versicherungen oder Behörden,
indem sie für die gesetzeskonforme Zertifizierung der Tauglichkeit
von medizinischer und psychologischer Seite garantieren.

Darüber hinaus haben Österreichs Flugmediziner sich seit vielen
Jahren als Reisemediziner aus- und weitergebildet und stehen den
Menschen in diesem Land bei der Planung und Vorbereitung von Reisen,
wenn es um die Erhaltung der Gesundheit geht, zur Verfügung. Aber
auch für den Fall, dass ein/e ÖsterreicherIn erkrankt von einer Reise
zurückkehrt, ist der Flugmediziner eine erster kompetenter
Ansprechpartner, weil er sich mit den möglichen Ursachen und den
daraus folgenden diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen von
Reiseerkrankungen fachlich auseinandergesetzt hat.

Flugmediziner sind es auch, die die Transportfähigkeit eines
behinderten oder kranken Menschen mit einem Flugzeug zu beurteilen
und schließlich mit ihrer Entscheidung auch zu verantworten haben,
eine sehr häufige Tätigkeit von Flugmedizinern.
Flugmediziner sind es, die Luftfahrtpersonal in Erster Hilfe an Bord
von Flugzeugen im Umgang mit der medizinischen Ausrüstung an Bord und
mit Medikamenten ausbilden und die auch für die regelmäßige
Auffrischung dieses Wissens Sorge tragen, nicht zuletzt, weil der
Gesetzgeber dieses Training von Luftfahrtpersonal fordert.

Die Flugpsychologen haben die "Human Factors", den Menschen und
seine psychischen Fähigkeiten und da im Besonderen das Training von
Luftfahrern in den Möglichkeiten des Cockpit Ressource Management als
eine ihrer wesentlichen Aufgaben in der Luftfahrt erkannt und zur
Optimierung übernommen. Auch das Post Disaster Management in einer
Airline und die Bewältigung des Stresses nach einem einzelnen
Flugunfall sowie die Aufklärung der Faktoren des menschlichen
Versagens bei einem Flugunfall fallen in den Aufgabenbereich der
Flugpsychologen. Dazu bedarf es einer jahrelangen Ausbildung in
Flugpsychologie und einer Zertifizierung als Flugpsychologe, um von
der Luftfahrtbehörde und den Institutionen anerkannt zu werden. Nicht
jeder Psychologe ist automatisch ein zertifizierter Flugpsychologe.

Wenn es darum geht, die Tauglichkeit eines Luftfahrers in einer
schwierigen Lebensphase zu beurteilen, werden die Flugpsychologen
gemeinsam mit den Flugmedizinern eine fachlich kompetenten, gerechten
und angepaßten Beurteilung anstreben. In Österreich hat sich die
Zusammenarbeit zwischen lizenzierten Flugmedizinern und
zertifizierten Flugpsychologen sehr bewährt und es hat praktisch
keine Flugunfälle aufgrund physischer oder psychischer Gebrechen von
Luftfahrern gegeben.

Auch bei der Ausübung von luftsportlicher Tätigkeit behinderter
Menschen ist die Beurteilung der Flugtauglichkeit eine Aufgabe des
Flugmediziners in Abstimmung mit einem/r FluglehrerIn. So ist es
heute vielen behinderten Menschen möglich, sicher an der Luftfahrt
teilzunehmen, vorausgesetzt dass die Fluggeräte optimal an ihre
Behinderung angepasst sind und ihr physischer und psychologischer
Zustand den Umgang mit diesem angepassten Fluggeräten sicher
ermöglicht.

Österreich hat mit D.I. Franz Viehböck einen Kosmonauten ins All
zur Raumstation MIR geschickt, auch seine Tauglichkeit wurde von
Österreichischen Flugmedizinern und Flugpsychologen selektiv
bestimmt. Nicht zuletzt dadurch gibt es auch eine Expertise in
Weltraummedizin unter Österreichs Flugmedizinern. Im besonderen war
der Verdienst hier bei unseren Akademiemitgliedern Dr. Joachim Huber
und Dr. Walter Bein gelegen.

Über die Österreichschen Kongresse hinaus sind Österreichs
Flugmediziner und Flugpsychologen Teilnehmer und Vortragende an
zahlreichen internationalen, die Luftfahrt betreffenden Meetings und
haben sich dabei einen Namen gemacht und zur Ehre und zum Ansehen
Österreichs beigetragen. Österreichs Flugmediziner und
Flugpsychologen sind keine unbekannten Größen in Europa und in der
Welt.

Es war stets das Bemühen der Österreichischen Akademie für
Flugmedizin, die auch als Veranstalter der Zürser Tage für
Flugmedizin auftritt, die Flugmedizin in Österreich zu fördern und
auf einem möglichst hohen wissenschaftlichen Stand zu halten. Auch
war es das Ziel dieser Flugakademie, zu unseren Nachbarländern und
deren Luftfahrtmedizinern und Luftfahrtbehörden enge fachliche und
freundschaftliche Kontakte aufzubauen. Aus diesem Grund wurde 1996
von meinem ungarischen Kollegen Herrn Dr. Gábor Hardicsay und mir das
Alpe Adria Meeting der Luftfahrtmedizin ins Leben gerufen, das seit
dieser Zeit einmal im Jahr stets an einem anderen Ort in Europa
stattfindet und ein internationales Forum der Flugmedizin und
Flugpsychologie geworden ist. Nicht zuletzt dienen diese
flugmedizinischen Tagungen auch der Völkerverständigung und
Freundschaft über politische Grenzen hinaus.

Österreich war in den letzten Jahren Gastgeber zahlreicher JAA
(Joint Aviation Authorities) Konferenzen und ECAC Meetings, auch hier
in Zürs haben die Mitgliedsstaaten der JAA schon mehrmals über die
Erstellung neuen JAR-FCL-3-med. (Joint Aviation Requirements) getagt.

Österreichs Flugmediziner und Flugpsychologen sehen sich im
nächsten Jahr der großen Herausforderung der Implementierung der
JAR-FCL-3-med. Requirements für die Flugmedizin und Flugpsychologie
gegenüber, und sie werden sich auch dieser Aufgabe stellen und zu
einer erfolgreichen Einführung der neuen Vorschriften beitragen. Hier
in Zürs findet heuer die erste Arbeitsgruppensitzung der
Flugmediziner und Flugpsychologen zu diesem Thema statt. In der Folge
wird die EASA (European Aviation Safety Agency), da sie bereits ihre
Tätigkeit als neue Europäische Luftfahrtbehörde aufgenommen hat, ihre
Lizenzierungsvorstellungen den Flugmedizinern vorlegen und die
gesetzliche Umsetzung einfordern.

Die Österreichische Flugakademie hat gemeinsam mit Austro Control
und der Fa. Heitec eine Software für die medizinische
Pilotenuntersuchung und Lizenzierung entwickelt, die heute durch die
Fa. Empic vertrieben wird und schon von einigen Ländern in Europa
angekauft wurde. Österreichs Flugmediziner haben sich in den letzen
Jahren hunderten Ausbildungsstunden in JAA-konformer Flugmedizin
unterzogen und sind für die Einführung der neuen gesetzlichen
Grundlagen von fachlicher Seite gerüstet.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich hoffe, Ihnen durch
diesen kurzen Vortrag das Bild des Österreichischen Flugmediziners
und Flugpsychologen ein wenig näher gebracht zu haben. Normalerweise
hören sie im öffentlichen Leben nicht viel von diesen beiden
Berufsgruppen, aber das ist oft so, bei Arbeiten und Institutionen,
die gut und reibungslos funktionieren. Die Zürser Tage für
Flugmedizin 2003 sollen ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur
Erhaltung der Sicherheit unserer Österreichischen Luftfahrt werden.

OTS0136    2003-12-05/12:00

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF

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