• 27.11.2003, 18:18:47
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Unermüdlicher Kämpfer gegen die Korruption / Feature über den ersten deutschen Europäer des Jahres

Die Zeitschrift Reader's Digest wählt Peter Eigen zum "Europäer des Jahres"

Stuttgart/Berlin (OTS) -
Das Monatsmagazin Reader's Digest hat Dr. Peter Eigen (65), Gründer
und Vorsitzender der weltweit tätigen Organisation 'Transparency
International', den Ehrentitel "Europäer des Jahres 2004" verliehen.
Reader's Digest ehrt den früheren Weltbankdirektor für seinen
beharrlichen und weltweit anerkannten Einsatz beim Kampf gegen
Korruption.

Eine Talsperre in Kenia markiert den Anfang. Ein Staudamm von
fragwürdigem Nutzen, für den Millionen Euro den Bach hinuntergehen;
oder besser: den Fluss Turkwel hinabtreiben, wohl geradewegs in die
Taschen einiger hochrangiger Politiker. Es ist nicht das erste Mal,
dass Peter Eigen mit Korruption in Berührung kommt. Doch erst hier in
Kenia erlebt der Weltbankdirektor für Ostafrika Betrug und Schiebung
als festen Bestandteil des Systems. Als er seine Vorgesetzten bittet,
das Problem auf breiter Front anzugehen, erhält der deutsche
Rechtsanwalt eine Abfuhr; als er es weiter privat erörtert, den
dringenden Rat, den Mund zu halten. Korruption ist Anfang der
90er-Jahre ein Tabuthema. Ohne Schmiergeld, so die gängige Auffassung
der Investoren in der Ersten Welt, ist die Exportmaschinerie für die
Dritte nicht in Gang zu halten.

Frustriert und desillusioniert kündigt der gebürtige Augsburger
seinen Job bei der Weltbank. "Ich kam mir vor wie ein betrogener
Liebhaber", erinnert er sich. Doch statt zu resignieren, ruft Eigen
1993 'Transparency International' (TI) ins Leben: eine unabhängige
Organisation mit Sitz in Berlin, die inzwischen in mehr als 80
Ländern den Kampf gegen die Korruption aufgenommen hat. Dass das
Thema nun allerorts auf der Tagesordnung steht, ist vor allem das
Verdienst von Peter Eigen - den Reader's Digest dafür zum "Europäer
des Jahres 2004" gewählt hat.

"Unternehmen wollen im Grunde nicht bestechen", formuliert der
heute 65-Jährige seine Grundthese: "Sie tun es, weil die Konkurrenz
es tut." Eigens Idee: Unternehmen sollen öffentlich ihre
Unbestechlichkeit geloben. Wie das geht, zeigte er schon 1993 in
Ecuador. Dort haben gerade unehrliche Beamte mehrere Millionen Euro
auf Lokomotiven verschwendet, die nun verrotten, weil sie zu schwer
für die vorhandenen Gleise sind. Bei einem im selben Jahr
ausgeschriebenen Erdölraffinerie-Projekt werden deshalb alle Bewerber
nach TI-Leitlinien verpflichtet, einen Integritätspakt zu
unterzeichnen. Die Vergabe geht transparent vonstatten, keine Hand
wäscht die andere.

Ein wegweisender Erfolg, der Nachfragen aus aller Welt nach sich
zieht: von Russland bis Zaire, von Mexiko bis Nepal - überall wollen
Institutionen und Unternehmen das TI-Modell übernehmen. Eigen und
seine Kollegen formulieren 50 Anti-Korruptions-Grundsätze für die
nationalen Sektionen ihrer längst weltweit operierenden Organisation.
Diese umfassen den Schutz von Informanten ebenso wie Sanktionen für
Bestecher und Bestochene. Aus ursprünglich drei handgeschrieben
Seiten entsteht das 364-seitige "Source Book", ein
Selbsthilfe-Handbuch, welches darüber informiert, wie man eine
verantwortungsbewusste Regierungsführung und ein System staatlicher
Integrität realisiert.

Eigen bringt sein Anliegen auch bei der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris vor.
Nicht zuletzt dank seiner Beharrlichkeit gibt es heute in jedem ihrer
Mitgliedsstaaten neue eigene Gesetze gegen Korruption. In Panama
bedient man sich des TI-Systems bei der Privatisierung des
Fernmeldesektors; der skandalgeplagten argentinischen Stadt Morón
hilft die Organisation beim Aushandeln eines neuen, zwölf Millionen
Euro billigeren Abfallentsorgungsvertrages. Zwei Beispiele von
vielen.

Überall in der Welt verpflichten sich inzwischen Unternehmen den
Grundsätzen von 'Transparency International', darunter auch deutsche
Konzerne wie Siemens oder die Frankfurter Flughafenbetreiberin
Fraport. Peter Eigen selbst weiß, dass er mit all seinen
Anstrengungen höchstens die Oberfläche angekratzt hat. Aber der
promovierte Jurist ist optimistisch. "Manchmal mag man uns als
Feigenblatt benutzen", räumt er ein. "Wir müssen dafür sorgen, dass
es ein durchsichtiges Feigenblatt ist!"

Inzwischen hat auch die Weltbank, von der Peter Eigen im Streit
geschieden war, ihren Frieden mit dem früheren Manager gemacht. So
schrieb Weltbank-Präsident James Wolfensohn unlängst: "Es musste
jemand wie er (Eigen) kommen, der bereit war, mit dem Kopf gegen die
Wände aus Vorurteilen und Ängstlichkeit in der internationalen
Gemeinschaft zu rennen und so dazu beizutragen, dass sich wirklich
etwas ändert." - "Der Kreis hatte sich damit geschlossen", erklärt
Eigen. Er sieht sich gerechtfertigt.

(Gekürzter Vorabdruck aus Reader's Digest, Januar 2004; von
Michael Kallinger nach einem Artikel von Brian Eads)
ots Originaltext: Reader's Digest Deutschland

OTS0286    2003-11-27/18:18

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