- 26.11.2003, 20:29:08
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Transit-Debakel offenbart die Isolation Österreichs in der EU" (von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 27.11.2003
Graz (OTS) - Sie kamen, um die eingebuchte Tachtel abzuholen, und
schlichen mit hängenden Köpfen davon: Das Bild, das die
österreichischen EU-Verhandler nach dem Transit-Debakel boten,
symbolisierte den Stellenwert, den das Land derzeit in der EU hat.
In der Selbstzuschreibung sind wir noch immer der Wiener Kongress,
auf dem die Novizen und die Arrivierten des Kontinents
zueinanderfinden, in der Fremdeinschätzung sind wir das typologische
Gegenstück: ein aufsässiger Quälgeist, der in die Schranken gewiesen
wurde.
Schmerzlich stach ins Auge, wie isoliert das Land eigentlich
dasteht: Wo waren die Verbündeten, derer sich die Regierung so sehr
rühmt? Nicht einmal ideologisch gleichgepolte Anrainer wie die
Bayern oder die Norditaliener gaben den Österreichern Flankenschutz,
im Gegenteil: Sie überführten die Geprügelten des Schlawinertums;
man habe zu Hause jahrelang mit falschen Hoffnungen und in Brüssel
mit frisierten Zahlen operiert. Politischen Bambi-Preis gewinnt man
so keinen.
Groß ist jetzt die Versuchung, auf der Welle der Verbitterung zu
surfen und die anti-europäiische Aufwallung fürs innenpolitische
Tagesgeschäft hochzupeitschen: Die Wellenreiter stehen auch schon
auf den Brettern, geben "Kriegserklärungen" ab, kündigen die
Mobilmachung an den Grenzen an und intonieren Andi-Hofer-
Schlachtprosa.
Dieses Auftrumpfen kann man bis zur Selbstinfantilisierung treiben,
wer jedoch nüchtern bleibt, wird trotz berechtigten Zorns über die
rüde Abkanzelung durch die EU um ein paar selbstkritische
Einbekenntnisse nicht herumkommen. Etwa: Dass die Verkehrshölle
Österreich nicht primär von monströsen ausländischen Brummern,
sondern zu 90 Prozent von inländischen Lastwagen verursacht wird.
Oder: Dass der heimische Lkw-Fuhrpark nicht, wie suggeriert wird,
solarbetriebene Hightech ist, sondern heillos veraltet.
Oder: Dass Kanzler Schüssel, der vermeintliche Poker-Artist, einen
schweren Fehler beging, als er Ende 2002 das Angebot der dänischen
Ratspräsidentschaft leichtfertig ausschlug.
Oder: Dass der Transitvertrag Österreichs Politikern - erst Rot,
dann Schwarz-Blau - zehn Jahre Zeit einräumte, den Ausbau des
Schienennetzes voranzutreiben. Ein Versprechen, das uneingelöst
blieb. Stattdessen hat man weiter Autobahnen gebaut, die man jetzt
zur ethnischen Sperrzone erklären will.
Dieses Sündenregister ist in Summe so unerträglich wie eine EU-
Bürokratie, die das Grundrecht auf freien Warenverkehr höher taxiert
als das Recht auf eine gesunde Lunge. ****
OTS0314 2003-11-26/20:29
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