- 24.11.2003, 12:47:23
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Shaw zu britischer Bahnreform: "Unternehmen Bahn ist teurer geworden"
Wien (SK) Die Folgen und Auswirkungen der Bahnreform 1994 in
Großbritannien behandelte Jon Shaw, britischer Bahnexperte an der
University of Aberdeen, in seinen Ausführungen am Montag bei einem
Expertenhearing der SPÖ zur ÖBB-Reform im Parlament. "Das Ziel der
Regierung war es, das Unternehmen Bahn billiger zu machen", so Shaw,
"in Wirklichkeit ist die Bahn für die Regierung aber teurer
geworden". Shaw führte aus, dass die Reform durchaus auch positive
Zahlen aufweisen könne, aber man müsse sich die Frage stellen, ob
die Umstrukturierung nicht mehr Probleme gebracht als gelöst habe.
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Die Struktur der britischen Bahn sei nach der
Umstrukturierung eine sehr komplizierte, da nun um die 100
verschiedene Betriebe mit dem Bahnwesen betraut seien. "Es gibt
allein 25 Betriebsgesellschaften", führte der britische Bahnexperte
aus. Obwohl die Umstrukturierung in Großbritannien beinahe zwei
Jahre dauerte, sei dies nicht genug Zeit gewesen und die Reform sei
überstürzt durchgeführt worden, erläuterte Shaw, der auch die sehr
hohen Kosten der Umstrukturierung - geschätzte 900 Millionen Euro -
kritisierte. Eine der drastischsten Folgen war das Ansteigen der
Unfälle auf 87 in den letzten sechs Jahren, während es in den sechs
Jahren vor der Privatisierung zu nur 42 Unfällen gekommen war.
Die Umstrukturierung und Privatisierung habe auch positive
Aspekte mit sich gebracht, so Shaw, der dazu anführte, dass die
Passagierzahl um 25 Prozent und die Passagierkilometer um 30 Prozent
gestiegen seien. Auch der Wert der transportierten Gütertonnen sei
um 50 Prozent angestiegen, das Gesamtvolumen der Gütermengen aber
gesunken. "Das Wachstum lässt sich nur teilweise auf die
Privatisierung zurückführen, viele Entwicklungen hatten schon vorher
eingesetzt", relativierte Shaw die Auswirkungen der Privatisierung.
Außerdem sei z.B. der Anstieg des Personenverkehrs auf den
schlechten Zustände im britischen Straßennetz zurückzuführen. "Die
Straßen sind verstopft", so Shaw.
Die Privatisierung habe aber bestimmte Dinge ermutigt,
erläuterte Shaw weiter. Das Durchschnittsalter der Züge sei auf
19,33 Jahre gesunken und das Investitionsvolumen von zwei auf sechs
Milliarden Euro jährlich angewachsen. Die Investitionen seien aber
mit schwerwiegenden Problemen verbunden, hielt Shaw fest. So sei es
zwar in manchen Gebieten zu einer Verbesserung des Kundendienstes
gekommen, aber in vielen anderen Regionen gebe es mehr Beschwerden
als jemals zuvor. Ein anderes Problem, das sich als Folge der
Privatisierung gezeigt habe, sei ein Mehr von Zügen auf den
Gleiskörpern. Dies bedinge eine Zunahme von Verspätungen, erklärte
der Bahnexperte. "Das Anwachsen des Verkehrs um ein Prozent erhöht
die Zahl der Verspätungen um 2,5 Prozent", erläuterte Shaw. Als
Folge daraus versuchen die britischen Bahnregulatoren nun die Anzahl
der Züge zu verringern. "Das zeigt, dass eine Umstrukturierung ohne
globales Konzept zu Problemen führt", so Shaw.
Waren Anfang der 90er Jahre noch 90 Prozent der Züge
pünktlich, seien es heute nur mehr knapp 80 Prozent, wobei
anzumerken sei, dass es hier ein britisches Spezifikum gebe.
"Pünktlichkeit meint auch fünf Minuten im Nahverkehr und zehn
Minuten im Fernverkehr zu spät", legte Shaw klar und vermutete eine
viel höhere Dunkelziffer.
"Die Kosten des Unternehmens Bahn sind dramatisch
gestiegen", hielt der Bahnexperte fest. Inflationsbereinigt seien
beispielsweise die Preise im Durchschnitt um 3,4 Prozent gestiegen.
Es gebe aber Strecken, wo die Preise für die Passagiere um bis zu 36
Prozent angestiegen seien. Scharfe Kritik übte Shaw am Preissystem
vor allem auch, weil es billige Tickets nur mehr im längerfristigen
Vorverkauf gebe, ähnlich wie bei Fluglinien. "Eine der wichtigen
Funktionen der Bahn ist aber, dass man das Ticket kauft und in den
Zug steigen kann", sagte Shaw. Dieses Ansteigen der Kosten habe auch
klare Auswirkungen auf die Sicherheit des Straßenverkehrs. "Wenn
Zugfahren teuerer wird, dann werden mehr Menschen auf das Auto
umsteigen und ein Ansteigen der Unfälle ist zu erwarten", erklärte
Shaw.
Ganz ähnlich verhalte es sich auch mit der Verlagerung des
Güterverkehrs von der Schiene auf die Straße, auch hier gebe es
viele negative Folgen. Die Bahn in Großbritannien sei heute für den
Steuerzahler teurer als je zuvor, die Subventionen von 2,4
Milliarden Euro auf 5,7 Milliarden Euro jährlich angestiegen. "Genau
diejenigen, die im Zuge der Privatisierung immer mit 'Alles wird
billiger' argumentiert haben, treten heute für die Schließung der
Nebenbahnen ein, weil diese zu teuer seien", kritisierte Shaw.
Als Gründe für das Ansteigen der Kosten nannte der britische
Bahnexperte, die hohen Investitionskosten - diese sind heute doppelt
so hoch wie vor der Privatisierung - sowie Probleme mit der neuen
Struktur. Es sei hier zu schlechtem Management, steigenden
Transaktionskosten und einem Qualifikationsmangel gekommen, führte
Shaw aus. Es habe sich des weiteren gezeigt, dass Entscheidungen
nicht immer im Sinne der Kunden, sondern oftmals im Sinne der
Aktionäre getroffen worden seien, so Shaw weiter. "In den zehn
Jahren vor der Privatisierung wurden 100 neue Bahnhöfe geschaffen,
in den zehn Jahren danach nur zehn", argumentierte der Bahnexperte.
Wenn man eine Trennung von Infrastruktur und operativem
Bereich wolle, müsse man sich fragen, ob dies wirklich zu mehr
Effizienz führe. "Wandern die eingesparten Kosten nicht irgendwo
anders hin?", fragte Shaw abschließend. (Schluss) js
OTS0131 2003-11-24/12:47
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