- 20.11.2003, 14:35:35
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- OTS0235 OTW0235
50 Tage Pflegeombudsstelle in Wien
Wien (OTS) - In einem Pressegespräch legte am Donnerstag der
Wiener Pflegeombudsmann Dr. Werner Vogt eine erste Bilanz vor.
Geriatriezentren - Problembereiche
1. Rechtsprobleme:
a) Es müsste Klarheit geschaffen werden, welche Geriatriezentren
als Sonderkrankenanstalten, welche als Heime zu führen sind.
Damit verbunden ist dann auch die Hierarchiestruktur zu klären.
Derzeit häufig ein Parallellauf zwischen Pflege und Medizin, mit der
Gefahr, dass Verantwortung verschoben wird. Meist landet die Arbeit
bei den Pflegekräften. Im Rahmen einer falschen Mitverantwortung
müssen dann medizinische und therapeutische Arbeiten vom
Pflegepersonal erledigt werden.
b.) Umsetzung von Patientenrechten. Gesetz gegen Gewalt,
Heimgesetz.
c) Neudefinition der Amtsverschwiegenheit, Abschaffung des
Maulkorbes für Mitarbeiter in der Geriatrie.
2. Hierarchieprobleme:
a) In der Pflege lassen sich folgende Hierarchiestufen
feststellen:
o Generaloberin
o Pflegedirektion
o Oberschwester am Pavillon
o Stationsschwester
o Stationsschwestern-StellvertreterIn
o Diplomschwester
o PflegehelferIn
o Abteilungshelfer
o Ehrenamtliche
Das sind 9 Hierarchiestufen.
Hierarchiestufen in der Medizin:
o Verantwortlicher im KAV
Med. Direktion Primarius Stationsärztin
Das sind 4 Stufen.
Am Beispiel Lainz lässt sich zeigen, dass zu wenig
Führungsqualität in der unteren und mittleren Ebene vorhanden ist.
Einerseits mangelnde Qualifikation und Ausbildung. Andererseits
mangelnde Zeit. Da stets Pflegekräfte fehlen, ist das
Führungspersonal angehalten, normale Arbeit zu leisten, kann daher
keine Führungsarbeit leisten.
Die den Pavillon führende Oberschwester und die darüber liegende
Pflegedirektion agieren abgehoben von den Bedürfnissen der
Stationsschwestern. Bei Fragen nach Personalmängeln wird in der
oberen Hierarchie bemäntelt und mit Zahlen verfahren, die der
Realität widersprechen.
Beispiel: Lt. Pflegedirektion Lainz fehlen 7,75
Vollzeitarbeitskräfte. Tatsächlich fehlen täglich in jedem Pavillon
zwischen 3 und 7 Vollzeitkräfte, was eine Zahl von 70 bis weit über
100 Pflegekräften ergäbe, die tatsächlich fehlen.
Vor einer Woche haben am Pavillon V 17 Pflegekräfte gefehlt, am
Pavillon XI haben 18 Pflegekräfte gefehlt.
Während das KH Lainz einen Schwestern-Pool besitzt, ist der
geplante Schwestern-Pool im GZW noch in keiner Weise realisiert, wie
wohl er dringend notwendig wäre. Begründung für das Versäumnis: Eine
zuständige Oberschwester sei erkrankt.
Es lässt sich also durchaus die Feststellung treffen, dass nicht
nur ein Personalmangel, sondern tatsächlich ein Personalnotstand im
GZW herrscht. Es leidet also die Pflegqualität, und es kommt dadurch
sicherlich vermehrt zu Komplikationen. Wer leidet darunter am
meisten? Die Pflegepatienten.
Wenn 18 Pflegekräfte fehlen, herrscht Pflegenotstand.
Die Pflegedienstleitung von Lainz ist seit Jahren nicht in der Lage,
dieses Problem zu bewältigen.
3. Chronologie:
o 1999: Bericht des Vereins f. Sachwalter. Es werden die Zustände
am Pavillon I bereits kritisiert
o 2001: Befragung der Mitarbeiter im GZW. Das Ergebnis ist
niederschmetternd.
o 20.3.03: Sachwalter Haas macht Meldung an Ehmsen-Höhnl von der
MA47 (Kontrolle).
o 14.7.03: Die Kollegiale Führung plant das Sperren der Station
I/I/rechts. Begründung: mangelhafte Pflegequalität Dies wird allerdings nie durchgeführt (Mitteilung der Ärztlichen
Direktion).
o 23.7.03: Kontrolle von Fr. Ehmsen-Höhnl (125 Tage nach Meldung
v. Sachwalter Haas)
o 1.10.03: Die Pflegeombudsstelle am Modenapark wird eröffnet und
beginnt mit der Arbeit Der Ombudsmann selbst hat 19 Geriatriezentren besucht, darunter 8 x das GZW. Insgesamt wurden von ihm über 70 Stationen besucht und auch Interventionen durchgeführt.
35 Gespräche mit der Presse über die Situation der Geriatrie.
o 23.10.03: Aussage von Sachwalter Haas und Ehmsen-Höhnl im
Untersuchungsausschuss. Es werden gravierende Pflegemängel im Pavillon I festgestellt. o 30.10.03: Aussage von Pflegedirektor Pelikan (GZW) vor dem Untersuchungsausschuss. 2001 hätte er ca. 20 - 25 Stellen unbesetzt gehabt, nun, vor dem Untersuchungsausschuss fehlen ihm 70 Stellen in Lainz. Er gibt weiters an, dass seine Vorgängerin in der Pflegedirektion, die nun auch seine Nachfolgerin ist (Renate Keihsler), die Pflegekräfte eingeschüchtert habe. Fazit: Seine Vorgängerin war nicht besonders gut, seine Nachfolgerin ist es daher auch nicht. Es wird im Untersuchungsausschuss auch ein Abschiedsbrief von Pflegedirektor Pelikan an seine Untergebenen zitiert. In diesem Brief stellt er fest, dass alle, die ihn kritisiert haben, zu dumm oder zu unintelligent sind, um ihn zu verstehen. Das ist
ein haarsträubendes Führungsverhalten.
o 18.11.03: Es ergeht an alle Stationsschwestern von der Direktion
der Auftrag, sofort zu melden, wenn Pflegeombudsmann Vogt im GZW gesehen wird. Es steht somit fest, dass die Pflegedirektion im GZW seit Jahren nicht in der Lage ist, eine qualitativ und quantitativ hochwertige Pflege herzustellen. Es stellt sich daher die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer derartigen Pflegedirektion. Vorschlag: die Installierung einer guten kollegialen Führung pro Pavillon, Auflösung der Direktion, die darüber schwebt. Bisher konnten wir nur feststellen, dass auf der höchsten Hierarchiestufe Mängel verschwiegen werden, dass beschwichtigt wird. Die an der Behebung der Mängel interessierten Pflegekräfte vor Ort werden stillgehalten, klagen über Disziplinierungen, dann, wenn sie Meldung erstatten.
4. Pflegeprobleme:
a) Erstellung des Pflegeberichtes. Im GZW klagen
Stationsschwestern und Stationspfleger über den Umstand, dass sie
bereits 45% ihrer Arbeitszeit für die Pflegedokumentation aufwenden.
Auch dies ist ein Zeichen mangelnder Führung von oben.
b) Bedingt durch die Flut von Kontrollen im Anschluss an den
sogenannten "Lainz-Skandal", erhöhte sich die Zahl der
aufzeichnungswürdigen Kontrollen: Jeder Kontrolleur sichert sich
durch Anweisungen für den Pflegebericht ab.
Für die Erstellung eines Pflegeplans ist sehr viel Zeit
notwendig, es ist auch notwendig, zur Erstellung eines Pflegeplans
mit den Angehörigen zu arbeiten. Infolge Personalmangels fehlt die
Zeit zur Ausarbeitung von guten Pflegeplänen.
c) Infolge Personalmangels sind Pflegevisiten eine Seltenheit.
Pflegedirektor Pelikan hat zugegeben, dass niemals eine Pflegevisite
durchgeführt hat.
5. Ausbildungs- Fort- und Weiterbildungsprobleme:
a)Das Personal wünscht sich eine Zusatzausbildung für
Altenpflege
Darüber hinaus wird geklagt, dass die Kenntnisse durch
Fortbildungsseminare infolge Überhäufung mit Alltagsarbeit an den
Stationen kaum durchgeführt werden kann.
6. Fluktuation:
a) Stationen mit schlechter Führungsqualität weisen eine hohe
Fluktuationsrate auf. Verweildauer im Beruf laut Studie
"Pflegenotstand in Österreich?": 6 Jahre.
7. Umgang mit Angehörigen:
a) Schon durch die Interventionsarbeit in unserer
Pflegeombudsstelle wurde klar, dass der Umgang mit Angehörigen das
größte Konfliktfeld darstellt. Vorschlag: Installation von
Mediatoren, die von außen herangebracht werden.
Ein derartiges Projekt mit Mediatoren sollte im Pavillon IX
durchgeführt werden, steht auf Vorschlag des Pflegeombudsmannes in
Planung.
8. Sozialarbeit:
a) Es besteht ein ausgeprägter Mangel an Sozialarbeitern. Die
Sozialarbeiter sollten direkt in den Geriatriezentren angesiedelt
sein, nicht von außen (MA 47) verliehen werden.
Eine Neudefinition ihres Arbeitsfeldes sollte erfolgen, damit
sie vor Missbrauch geschützt sind.
9. Sachwalter-Problematik:
a) Es herrscht ein großer Mangel an guten Sachwaltern. Der
Verein für Sachwalterschaft ist unterdotiert und kann daher einen
Großteil, der an ihn herangetragenen Angebote nicht annehmen. In Wien
8.000 Sachwalter - Fälle, davon 4.000 vertreten durch Rechtsanwälte.
Vorwurf: Keiner oder äußerst mangelhafter Kontakt zwischen Sachwalter
und Klient.
Im GZW sind 38% der Pfleglinge besachwaltert, in Ybbs sind es
60%.
10) Regionalisierung:
a) Es fehlt ein verbindlicher Plan zur Regionalisierung der
Geriatrie. Patienten aus der Brigittenau müssen nach Lainz, Patienten
aus Wien müssen nach Ybbs an der Donau. Dies führt zu überlangen
Anreisezeiten für die meist schon betagten Besucher von
Pflegepatienten, führt dazu, dass viele Patienten kaum besucht
werden, sozial verarmen.
b) Es werden laufend in den veralteten Geriatriezentren teure
Umbauarbeiten durchgeführt. Bestünde tatsächlich ein Plan zur
Regionalisierung, müssten viele dieser Umbauten unterbleiben.
11. Arbeitsklima:
a) Das Arbeitsklima im GZW ist als schlecht zu definieren.
Brieftext einer Stationsschwester: "Falls unter den derzeitigen
Voraussetzungen auf normalen Langzeitstationen strukturell nichts
geändert wird (z.Bsp. dringendes Absystemisieren auf max. 30 Betten),
finde ich es nicht verantwortbar, auch nur ansatzweise von
qualitativer Altenbetreuung, oder einem Lebensabend in Würde zu
sprechen. Dann müsste im nächsten Fortbildungsanzeiger ein
Zauberlehrgang für Pflegepersonen angeboten werden!"
Es wird in zahlreichen Schreiben Frau Stadtrat Pittermann
gebeten, Kontrollen für das Management einzuführen.
GZW-MitarbeiterInnen, welche im Interesse von Klientinnen und
Betreuerinnen Missstände offen ansprechen, werden ständig vertröstet
oder diszipliniert.
"Statt einer offenen Analyse der herrschenden Zustände um die
Chancen zu verbessern, gab es im KAV für die Führung des Pflegeheimes
(GZW) eine kurze Standpauke, die in einer Krisensitzung im Haus nach
unten weitergereicht wurde."
Ein Teilnehmer: "Wir haben links und rechts eine Ohrfeige
bekommen, durften aber nicht sagen, dass eine würdige Betreuung in
diesem Rahmen nicht möglich ist." (Profil 8.9.2003 / Seite 37)
Der Pflegenotstand hat eine überlange Tradition: 1974, Film von
Götz Hagmüller - "KRANK": Eine Pflegekraft sagt: "Ich fühle mich
derart ausgenützt, dass ich geflüchtet bin."
1976 Bericht der Kontrollärztin Dr. Mila Kars über die Pflegezustände
in Lainz
1989 Bericht der Internationalen Kommission über die Zustände in
Lainz
Die vorherrschende Gemütslage des Pflegepersonals in Lainz ist
daher die Depression, die Aggression, Selbstmitleid, alle denken an
Flucht aus diesem Beruf. So stellt sich dies für uns vorderhand dar.
12. Erfolge:
a) Schaffung von 5 x 40-Stunden-Arbeitsplätzen im Pavillon I
b) Einführung von Ehrenamtlichen in den öffentlichen
Geriatriezentren
c) Es werden 2 Verwaltungsangestellte für das GZW zugesagt, die
sich um die Geldangelegenheiten der Pflegepatienten kümmern sollen,
da dies derzeit niemand tut.
d) Projekt "Mediation" am Pavillon IX.
(Schluss) vim
OTS0235 2003-11-20/14:35
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK






