50 Tage Pflegeombudsstelle in Wien

Wien (OTS) - In einem Pressegespräch legte am Donnerstag der
Wiener Pflegeombudsmann Dr. Werner Vogt eine erste Bilanz vor.

Geriatriezentren - Problembereiche

1. Rechtsprobleme:

a) Es müsste Klarheit geschaffen werden, welche Geriatriezentren als Sonderkrankenanstalten, welche als Heime zu führen sind.

Damit verbunden ist dann auch die Hierarchiestruktur zu klären. Derzeit häufig ein Parallellauf zwischen Pflege und Medizin, mit der Gefahr, dass Verantwortung verschoben wird. Meist landet die Arbeit bei den Pflegekräften. Im Rahmen einer falschen Mitverantwortung müssen dann medizinische und therapeutische Arbeiten vom Pflegepersonal erledigt werden.

b.) Umsetzung von Patientenrechten. Gesetz gegen Gewalt, Heimgesetz.

c) Neudefinition der Amtsverschwiegenheit, Abschaffung des Maulkorbes für Mitarbeiter in der Geriatrie.

2. Hierarchieprobleme:

a) In der Pflege lassen sich folgende Hierarchiestufen feststellen:
o Generaloberin
o Pflegedirektion
o Oberschwester am Pavillon
o Stationsschwester
o Stationsschwestern-StellvertreterIn
o Diplomschwester
o PflegehelferIn
o Abteilungshelfer
o Ehrenamtliche

Das sind 9 Hierarchiestufen.

Hierarchiestufen in der Medizin:
o Verantwortlicher im KAV

Med. Direktion Primarius Stationsärztin

Das sind 4 Stufen.

Am Beispiel Lainz lässt sich zeigen, dass zu wenig Führungsqualität in der unteren und mittleren Ebene vorhanden ist. Einerseits mangelnde Qualifikation und Ausbildung. Andererseits mangelnde Zeit. Da stets Pflegekräfte fehlen, ist das Führungspersonal angehalten, normale Arbeit zu leisten, kann daher keine Führungsarbeit leisten.

Die den Pavillon führende Oberschwester und die darüber liegende Pflegedirektion agieren abgehoben von den Bedürfnissen der Stationsschwestern. Bei Fragen nach Personalmängeln wird in der oberen Hierarchie bemäntelt und mit Zahlen verfahren, die der Realität widersprechen.

Beispiel: Lt. Pflegedirektion Lainz fehlen 7,75 Vollzeitarbeitskräfte. Tatsächlich fehlen täglich in jedem Pavillon zwischen 3 und 7 Vollzeitkräfte, was eine Zahl von 70 bis weit über 100 Pflegekräften ergäbe, die tatsächlich fehlen.

Vor einer Woche haben am Pavillon V 17 Pflegekräfte gefehlt, am Pavillon XI haben 18 Pflegekräfte gefehlt.

Während das KH Lainz einen Schwestern-Pool besitzt, ist der geplante Schwestern-Pool im GZW noch in keiner Weise realisiert, wie wohl er dringend notwendig wäre. Begründung für das Versäumnis: Eine zuständige Oberschwester sei erkrankt.

Es lässt sich also durchaus die Feststellung treffen, dass nicht nur ein Personalmangel, sondern tatsächlich ein Personalnotstand im GZW herrscht. Es leidet also die Pflegqualität, und es kommt dadurch sicherlich vermehrt zu Komplikationen. Wer leidet darunter am meisten? Die Pflegepatienten.

Wenn 18 Pflegekräfte fehlen, herrscht Pflegenotstand.
Die Pflegedienstleitung von Lainz ist seit Jahren nicht in der Lage, dieses Problem zu bewältigen.

3. Chronologie:

o 1999: Bericht des Vereins f. Sachwalter. Es werden die Zustände am Pavillon I bereits kritisiert
o 2001: Befragung der Mitarbeiter im GZW. Das Ergebnis ist niederschmetternd.
o 20.3.03: Sachwalter Haas macht Meldung an Ehmsen-Höhnl von der MA47 (Kontrolle).
o 14.7.03: Die Kollegiale Führung plant das Sperren der Station

I/I/rechts. Begründung: mangelhafte Pflegequalität Dies wird allerdings nie durchgeführt (Mitteilung der Ärztlichen

Direktion).
o 23.7.03: Kontrolle von Fr. Ehmsen-Höhnl (125 Tage nach Meldung
v. Sachwalter Haas)
o 1.10.03: Die Pflegeombudsstelle am Modenapark wird eröffnet und

beginnt mit der Arbeit Der Ombudsmann selbst hat 19 Geriatriezentren besucht, darunter 8 x das GZW. Insgesamt wurden von ihm über 70 Stationen besucht und auch Interventionen durchgeführt.

35 Gespräche mit der Presse über die Situation der Geriatrie.
o 23.10.03: Aussage von Sachwalter Haas und Ehmsen-Höhnl im

Untersuchungsausschuss. Es werden gravierende Pflegemängel im Pavillon I festgestellt. o 30.10.03: Aussage von Pflegedirektor Pelikan (GZW) vor dem Untersuchungsausschuss. 2001 hätte er ca. 20 - 25 Stellen unbesetzt gehabt, nun, vor dem Untersuchungsausschuss fehlen ihm 70 Stellen in Lainz. Er gibt weiters an, dass seine Vorgängerin in der Pflegedirektion, die nun auch seine Nachfolgerin ist (Renate Keihsler), die Pflegekräfte eingeschüchtert habe. Fazit: Seine Vorgängerin war nicht besonders gut, seine Nachfolgerin ist es daher auch nicht. Es wird im Untersuchungsausschuss auch ein Abschiedsbrief von Pflegedirektor Pelikan an seine Untergebenen zitiert. In diesem Brief stellt er fest, dass alle, die ihn kritisiert haben, zu dumm oder zu unintelligent sind, um ihn zu verstehen. Das ist

ein haarsträubendes Führungsverhalten.
o 18.11.03: Es ergeht an alle Stationsschwestern von der Direktion

der Auftrag, sofort zu melden, wenn Pflegeombudsmann Vogt im GZW gesehen wird. Es steht somit fest, dass die Pflegedirektion im GZW seit Jahren nicht in der Lage ist, eine qualitativ und quantitativ hochwertige Pflege herzustellen. Es stellt sich daher die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer derartigen Pflegedirektion. Vorschlag: die Installierung einer guten kollegialen Führung pro Pavillon, Auflösung der Direktion, die darüber schwebt. Bisher konnten wir nur feststellen, dass auf der höchsten Hierarchiestufe Mängel verschwiegen werden, dass beschwichtigt wird. Die an der Behebung der Mängel interessierten Pflegekräfte vor Ort werden stillgehalten, klagen über Disziplinierungen, dann, wenn sie Meldung erstatten.

4. Pflegeprobleme:

a) Erstellung des Pflegeberichtes. Im GZW klagen Stationsschwestern und Stationspfleger über den Umstand, dass sie bereits 45% ihrer Arbeitszeit für die Pflegedokumentation aufwenden.

Auch dies ist ein Zeichen mangelnder Führung von oben.

b) Bedingt durch die Flut von Kontrollen im Anschluss an den sogenannten "Lainz-Skandal", erhöhte sich die Zahl der aufzeichnungswürdigen Kontrollen: Jeder Kontrolleur sichert sich durch Anweisungen für den Pflegebericht ab.

Für die Erstellung eines Pflegeplans ist sehr viel Zeit notwendig, es ist auch notwendig, zur Erstellung eines Pflegeplans mit den Angehörigen zu arbeiten. Infolge Personalmangels fehlt die Zeit zur Ausarbeitung von guten Pflegeplänen.

c) Infolge Personalmangels sind Pflegevisiten eine Seltenheit. Pflegedirektor Pelikan hat zugegeben, dass niemals eine Pflegevisite durchgeführt hat.

5. Ausbildungs- Fort- und Weiterbildungsprobleme:

a)Das Personal wünscht sich eine Zusatzausbildung für Altenpflege

Darüber hinaus wird geklagt, dass die Kenntnisse durch Fortbildungsseminare infolge Überhäufung mit Alltagsarbeit an den Stationen kaum durchgeführt werden kann.

6. Fluktuation:

a) Stationen mit schlechter Führungsqualität weisen eine hohe Fluktuationsrate auf. Verweildauer im Beruf laut Studie "Pflegenotstand in Österreich?": 6 Jahre.

7. Umgang mit Angehörigen:

a) Schon durch die Interventionsarbeit in unserer Pflegeombudsstelle wurde klar, dass der Umgang mit Angehörigen das größte Konfliktfeld darstellt. Vorschlag: Installation von Mediatoren, die von außen herangebracht werden.

Ein derartiges Projekt mit Mediatoren sollte im Pavillon IX durchgeführt werden, steht auf Vorschlag des Pflegeombudsmannes in Planung.

8. Sozialarbeit:

a) Es besteht ein ausgeprägter Mangel an Sozialarbeitern. Die Sozialarbeiter sollten direkt in den Geriatriezentren angesiedelt sein, nicht von außen (MA 47) verliehen werden.

Eine Neudefinition ihres Arbeitsfeldes sollte erfolgen, damit sie vor Missbrauch geschützt sind.

9. Sachwalter-Problematik:

a) Es herrscht ein großer Mangel an guten Sachwaltern. Der Verein für Sachwalterschaft ist unterdotiert und kann daher einen Großteil, der an ihn herangetragenen Angebote nicht annehmen. In Wien 8.000 Sachwalter - Fälle, davon 4.000 vertreten durch Rechtsanwälte. Vorwurf: Keiner oder äußerst mangelhafter Kontakt zwischen Sachwalter und Klient.

Im GZW sind 38% der Pfleglinge besachwaltert, in Ybbs sind es 60%.

10) Regionalisierung:

a) Es fehlt ein verbindlicher Plan zur Regionalisierung der Geriatrie. Patienten aus der Brigittenau müssen nach Lainz, Patienten aus Wien müssen nach Ybbs an der Donau. Dies führt zu überlangen Anreisezeiten für die meist schon betagten Besucher von Pflegepatienten, führt dazu, dass viele Patienten kaum besucht werden, sozial verarmen.

b) Es werden laufend in den veralteten Geriatriezentren teure Umbauarbeiten durchgeführt. Bestünde tatsächlich ein Plan zur Regionalisierung, müssten viele dieser Umbauten unterbleiben.

11. Arbeitsklima:

a) Das Arbeitsklima im GZW ist als schlecht zu definieren. Brieftext einer Stationsschwester: "Falls unter den derzeitigen Voraussetzungen auf normalen Langzeitstationen strukturell nichts geändert wird (z.Bsp. dringendes Absystemisieren auf max. 30 Betten), finde ich es nicht verantwortbar, auch nur ansatzweise von qualitativer Altenbetreuung, oder einem Lebensabend in Würde zu sprechen. Dann müsste im nächsten Fortbildungsanzeiger ein Zauberlehrgang für Pflegepersonen angeboten werden!"

Es wird in zahlreichen Schreiben Frau Stadtrat Pittermann gebeten, Kontrollen für das Management einzuführen. GZW-MitarbeiterInnen, welche im Interesse von Klientinnen und Betreuerinnen Missstände offen ansprechen, werden ständig vertröstet oder diszipliniert.

"Statt einer offenen Analyse der herrschenden Zustände um die Chancen zu verbessern, gab es im KAV für die Führung des Pflegeheimes (GZW) eine kurze Standpauke, die in einer Krisensitzung im Haus nach unten weitergereicht wurde."

Ein Teilnehmer: "Wir haben links und rechts eine Ohrfeige bekommen, durften aber nicht sagen, dass eine würdige Betreuung in diesem Rahmen nicht möglich ist." (Profil 8.9.2003 / Seite 37)

Der Pflegenotstand hat eine überlange Tradition: 1974, Film von Götz Hagmüller - "KRANK": Eine Pflegekraft sagt: "Ich fühle mich derart ausgenützt, dass ich geflüchtet bin."
1976 Bericht der Kontrollärztin Dr. Mila Kars über die Pflegezustände in Lainz
1989 Bericht der Internationalen Kommission über die Zustände in Lainz

Die vorherrschende Gemütslage des Pflegepersonals in Lainz ist daher die Depression, die Aggression, Selbstmitleid, alle denken an Flucht aus diesem Beruf. So stellt sich dies für uns vorderhand dar.

12. Erfolge:

a) Schaffung von 5 x 40-Stunden-Arbeitsplätzen im Pavillon I

b) Einführung von Ehrenamtlichen in den öffentlichen Geriatriezentren

c) Es werden 2 Verwaltungsangestellte für das GZW zugesagt, die sich um die Geldangelegenheiten der Pflegepatienten kümmern sollen, da dies derzeit niemand tut.

d) Projekt "Mediation" am Pavillon IX.
(Schluss) vim

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Dr. Werner Vogt
Tel: 01 4000-82171
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