- 27.10.2003, 16:22:33
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WirtschaftsBlatt-Kommentar Wien muss anders werden
von Michael Vorauer
Wien (OTS) - Warum sollte ich als Unternehmer in Wien produzieren?
Weil die Lohnnebenkosten so günstig sind? Weil die Arbeitskräfte so
gut ausgebildet sind? Weil ich hier ein forschungsförderndes Umfeld
finde? Da kann ich als Unternehmer nur sagen: Leider nein, Leute.
Die Bundeshauptstadt leidet unter der Abwanderung von Unternehmen.
Aber welche Unternehmen wandern ab? Der Batterienhersteller Varta
sperrt bis Ende Juni 2004 seine Produktion in Wien - obwohl er Gewinn
macht - zu. Für die 140 betroffenen Mitarbeiter ist das ein harter
Schlag. Aus unternehmerischer Sicht ist der Schritt verständlich.
Hohe Lohnnebenkosten und die geringen Stückzahlen wiegen die Gewinne
nicht auf. Autobatterien sind ein Massenprodukt. Geld macht man damit
nur über hohe Stückzahlen und billige Produktion.
Auch mit 08/15-Fernsehgeräten kann an einem hochpreisigen
Industriestandort kein Stiefel mehr gewonnen werden. Das können die
Asiaten besser und günstiger. Ergo sperrt Grundig sein Wiener Werk
endgültig zu. 880 Mitarbeiter stehen auf der Strasse. Die
Kaisersemmel mag zwar durch Kommissar Rex auch im Ausland einen
gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben, die hohen Kosten der
veralteten Produktionsanlage von Ankerbrot brachten aber nicht die
Semmeln, sondern das Unternehmen selbst zum Krachen. Auf der Liste
der Betriebe, die Wien den Rücken kehren, stehen noch weitere,
einstmals grosse Namen: Inzersdorfer, Unilever, Ericsson.
Für die betroffenen Mitarbeiter sind die Schliessungen tragisch -
für die Kommune auch, weil die Abgaben sinken. Die Abwanderungen sind
aber Ausdruck einer verfehlten und konfusen Planung. Denn in Wien
wird am Markt vorbeiproduziert. Nicht Massenproduktion und
Billigfertigung können die Assets für einen modernen
Industriestandort sein, sondern nur Forschung, top-qualifizierte
Arbeitskräfte und ein besseres Abgabenklima machen Wien zu einem
attraktiven Standort.
Jetzt sind alle Akteure gefragt: Unternehmer, Politik und
Mitarbeiter. Die viel zitierte Senkung von KöSt und Lohnebenkosten
kann nicht das einzig heilbringende Mittel sein. Vielmehr muss F&E
attraktiver werden, etwa durch steuerliche Begünstigung. Die
Universitäten gehören grundlegend reformiert. Die Betriebe müssen
selbst mehr und besser ausbilden, die Mitarbeiter lernfreudiger
werden. Wien muss anders werden, sonst droht der wirtschaftliche
Exodus.
OTS0194 2003-10-27/16:22
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