Wiener Handel fordert Widmungsstopp für Einkaufszentren

Wien (OTS) - Einen zumindest 2-jährigen Widmungsstopp für Einkaufszentren und Fachmärkte an der Wiener Peripherie fordert die Interessenvertretung der Wiener Händler beim diesjährigen Handelstag am 10. Oktober. 15,2 Mio. qm Verkaufsfläche im österreichischen Handel sind genug.

Mit 1,9 qm/Einwohner liegt Österreich bereits im europäischen Spitzenfeld - mehr Verkaufs-flächen bedeuten nur einen sinnlosen Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb. Vor allem werden durch großflächige Vertriebsformen die so dringend benötigten Arbeitsplätze im Handel wegrationalisiert, betonte der Obmann des Wiener Handels, Dr. Fritz Aichinger bei seinem Eingangsstatement.

Große Einkaufszentren am Stadtrand führen zur Verödung der Innenstädte
In dieselbe Kerbe schlug der Hauptredner der Fachtagung, Univ. Prof. Dr. Joachim Zentes von der Universität des Saarlandes, Saarbrücken, ein anerkannter Experte für Handelsforschung und
-entwicklung. Verkaufsflächenexplosion und Handelskonzentration haben massive Auswirkungen auf die mittelständischen Handelsstrukturen der Innenstädte. Durch die Ansiedlung großer Verkaufsflächen am Stadtrand komme es zu einer Verödung und Erosion traditioneller Standorte in der Innenstadt sowie zu einer Verdrängung des mittelständischen Handels, was letztendlich in einer Uniformität des Stadtbildes resultiere. Als Ausweg aus dieser einseitigen Entwicklung schlägt Prof. Zentes die Einbindung des Handels in die Ziele der Stadtentwicklung (sowohl städtebaulich und sozialpolitisch als auch arbeitsmarkt- und verkehrspolitisch) und eine Belebung von Stadtteilkernen als Nahversorgungs- und Kommunikationszentren vor.

"Es wäre viel vernünftiger und wirtschaftlich nachhaltiger, in die Attraktivierung der Einkaufstraßen zu investieren, anstatt Milliarden in Einkaufszentren auf der grünen Wiese zu verpulvern" sieht das auch Helmut Mondschein, Leiter des Einkaufsstraßen-Managements, sehr pragmatisch.

Flächenwachstum und Konjunktur
Die Gründe für die derzeit angespannte Situation im österreichischen Einzelhandel, für Umsatzrückgänge und Kaufunlust der Konsumenten seien mannigfaltig; manche davon durch zyklische Wirtschaftsentwicklungen bedingt und somit unvermeidbar, manche einfach hausgemacht. "Verstärkt wird die vorhandene Konjunkturschwäche aber jedenfalls durch die explosionsartige Entwicklung der Verkaufsflächen und eine verfehlte Raumordnungspolitik", so Dr. Fritz Aichinger. Bereits das Jahr 2002 brachte den Händlern einen - teilweise massiven - Umsatzrückgang. Ein vergleichsweise sehr guter Jännerumsatz dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wahrscheinlich auch im Jahr 2003 die Konsumausgaben nachhinken werden und der Handel mit weiteren schwierigen Situationen rechnen muss. "Die Schuld dafür einfach dem "kaufunlustigen" Konsumenten oder der allgemeinen Konjunkturschwäche zu geben, ist für mich zu simpel", so Dr. Fritz Aichinger.

Österreich ist mit einer Shopping-Center-Fläche von ca. 195 qm je 1.000 Einwohner, im europäischen Vergleich bereits sehr gut besetzt; in Wien sind es bereits 229 qm je 1.000 Einwohner. In Deutschland kommen beispielsweise auf 1.000 Einwohner nur 97 qm Verkaufsfläche. Anders ausgedrückt: Waren es früher die (großen) Einzelhändler selbst, die an einer Flächenexpansion Interesse zeigten, sind es nunmehr fast ausschließlich internationale Immobilien-Großinvestoren, die ohne jede Rücksicht auf regionale Einzelhandelsstrukturen und Konsumgewohnheiten ihre Flächenwachstumspläne umsetzen wollen.

Stopp den Einkaufszentren
Die Interessensvertretung des Wiener Handels fordert daher ein sofortiges Innehalten und einen zumindest zweijährigen, gänzlichen Baustopp von Einkaufszentren an der Peripherie, um in dieser Zeit die Strukturen zu überprüfen und die Verträglichkeit von weiteren Verkaufsflächen zu evaluieren. "Denn nur dann, wenn wir die Konsumenten wieder rückgewinnen, wenn wir ihnen wieder Lust auf das Einkaufen in ihrer Umgebung machen können, dann werden wir das derzeitige Konjunktur-Tal durchschreiten", prognostiziert Dr. Aichinger. Keine Lösung sei es aber, auf die angespannte Situation mit weiteren gigantischen Konsumtempeln zu reagieren. Mehr denn je ist die Vielfalt der Handelslandschaft in den Städten ein Erfolgsgarant für die Wirtschaft.

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