• 01.10.2003, 10:04:26
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Fischer bei Präsentation seines Buches "Wende-Zeiten - Ein österreichischer Zwischenbefund"

Buch "Wende-Zeiten" soll Gegenstück zur "Wüste Gobi" sein

Wien (SK) Anlässlich der Buchpräsentation des zweiten
Nationalratspräsidenten und stellvertretenden SPÖ-Vorsitzenden Heinz
Fischer im Bruno Kreisky-Forum kritisierte Altbundeskanzler Franz
Vranitzky Dienstag abend in seiner Laudatio scharf die aktuelle
Politik der schwarz-blauen Regierung. "Viele Probleme stehen vor
uns", so Vranitzky, "aber manche legen eine Nonchalance an den Tag
und meinen trotz der wirtschaftlichen und konjunkturellen Probleme
nichts dagegen tun zu müssen". Vranitzky wies darauf hin, dass
Österreich gerade jetzt vor einem "Quantensprung im
EU-Integrationprozess stehe", aber das "Ideenpotenzial müsse jetzt
eingebracht werden, sonst gebe es einen Rückschlag, der nicht mehr
aufzuholen sei. Fischer nannte als Hauptmotiv für sein neues Buch
"Wende-Zeiten" die Tatsache, dass er die Darstellung der
schwarz-blauen Wende vor dreieinhalb Jahren nicht jenen überlassen
wollte, die es für eine Errungenschaft halten, Österreich durch die
Wüste Gobi zu schicken. Fischer: "In meinem Buch sollen die Fakten
sprechen, und Fakten brauchen keine Beschmückung." ****

Auf die Kritik mancher Journalisten, sein Buch würde nichts wirklich
Neues ans Tageslicht bringen, stellte Fischer klar, dass er sich nur
an Fakten halte. "Indiskretionen und Tratsch" gebe es immer, so
Fischer, aber es sei Aufgabe der Journalisten, so etwas
weiterzugeben. In der Politik hingegen, betonte Fischer, brauche es
härtere Beweise und Indizien. Fischer: "Ich glaube nicht, dass das
naiv ist, sondern fair, dass man Gerüchte nicht zum Nennwert nimmt."
Wichtig sei ihm gewesen, aus "seinen Notizen völlig unbefangen nichts
als Fakten und die pure Wahrheit" sprechen zu lassen, so Fischer
weiter. Man müsse Dinge so darstellen, dass sie auch einen "Wert und
eine Aussage für Zeithistoriker haben". Kritik übte Fischer am Buch
Khols, der es, im Gegensatz zu seinen "Wendezeiten", nicht der Mühe
wert fand, auch nur den "Funken Selbstkritik" in seinem eigenen Werk
zu üben.

Ein Buch brauche Gesinnung, betonte Fischer in seiner Rede, und sein
Buch habe klar eine sozialdemokratische mit einem gewissen
Popper-Einfluss. Wichtig sei ihm in seinem Werk ein differenzierter
Zugang gewesen, so Fischer, und auf der anderen Seite eine Absage an
absolute Positionen. Ein Buch brauche aber neben einem Motiv und
einer Gesinnung, so Fischer weiter, auch noch Stil. Sein Stil sei es
halt, auf nüchterne Weise Fakten, Entwicklungen und chronologische
Abläufe wirken zu lassen. Hier gehe es um "die Kollision zweier
Werte". Indiskretionen seien zu vermeiden, er fühle sich zur
Genauigkeit verpflichtet. Fischer: "Die Fakten sprechen für sich."

Altbundeskanzler Vranitzky fand Lob und Anerkennung für Fischers
Buch, rechnete aber auch mit der aktuellen Tagespolitik ab. Die
Geltung Österreichs in der EU sehe er schwinden, so Vranitzky. Es
dürfe nicht übersehen werden, was diese Wende alles bedeutet habe und
bedeutet. "Wir werden doch nicht alle vergessen haben, warum es eine
Gendarmerie und eine Polizei gibt", meinte Vranitzky zu den
Zusammenlegungspläne der Regierung. Auch das Infragestellen von
Geschworenengerichten durch Böhmdorfer sei mehr als bedenklich und
gefährlich. Bei den ÖBB könne man doch nicht einerseits für eine
leistungsfähige Eisenbahn sein und andererseits gegen die Eisenbahner
vorgehen. (Schluss) rr

OTS0054    2003-10-01/10:04

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