- 24.09.2003, 17:36:36
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DER STANDARD-Kommentar pro und kontra "Kopftuch an den Schulen"
Erscheinungstag 25.9.2003
Wien (OTS) -
PRO: "Mensch vor Staat" (von Gerhard Plott)
Die Fundamente unserer christlich-abendländischen Zivilisation
wanken, dem islamischen Fundamentalismus wird Tür und Tor geöffnet.
Warum? Weil das deutsche Bundesverfassungsgericht einer
afghanischstämmigen deutschen Lehrerin das Tragen des Kopftuches
während des Unterrichtes nicht verbot. Zuerst das Kruzifix aus dem
Klassenzimmer verbannen und dann unsere Kinder den Muslimen
ausliefern, so weit kommt’s noch, denken die Kopftuchgegner. Und sie
denken sehr laut.
Doch bleiben wir bei den Fakten. Zwei Verfassungsgrundsätze mussten
gegen einander abgewogen werden. Auf der einen Seite steht das
verfassungsrechtliche Gebot der strikten Neutralität des Staates in
weltanschaulichen Fragen (was zum Kruzifix-Urteil führte). Auf der
anderen Seite steht das Grundrecht der Religionsfreiheit und der
unbeschränkten Zulassung zu öffentlichen Ämtern unabhängig vom
religiösen Bekenntnis.
Die deutschen Verfassungsrichter schätzten das persönliche Recht
der Religionsfreiheit höher ein als das staatliche Neutralitätsgebot,
Mensch geht vor Staat, so einfach ist das. Das nennt man
freiheitlich-demokratische Grundordnung. Außerdem überließ es das
Verfassungsgericht dem demokratisch legitimierten Gesetzgeber, diese
Rahmenbedingungen zu verändern.
Dass diese Debatte so hohe Wellen schlägt, verwundert heute. Vor
wenigen Jahrzehnten war das Kopftuchtragen bei älteren Damen in
unseren ländlichen Gegenden gang und gäbe. Und das soll nun eine
Bedrohung sein? Nach diesem Denken würden sich Lehrer bald glatt
rasieren müssen, hinter dem Vollbart könnte ja ein böser Fundi
stecken. Die Lehrerin trägt ihr Kopftuch freiwillig, und keiner
sollte ihr vorschreiben können, ob sie das tun darf oder nicht. Das
ist Freiheit, so soll es bleiben.
KONTRA: "Runter mit dem Schleier" (von Lisa Nimmervoll)
Das Kopftuch hat in Schulen nichts verloren - weder an Lehrerinnen
noch an Schülerinnen. Genauso wenig hat übrigens auch das christliche
Kruzifix in Klassenzimmern zu suchen. Sie müssen religiös neutraler
Boden sein. Das Kopftuch ist aber mehr als nur ein - selbst unter
Muslimen höchst umstrittenes - religiöses Symbol. Es ist das Symbol
schlechthin für die Unterdrückung von Frauen - im Namen des Islam. Es
diskriminiert ausschließlich ein Geschlecht und missachtet damit
Frauenrechte als universelle Menschenrechte. Das Stück Stoff hat die
Unterjochung der Frauen im Islam organisiert. Dafür steht es - für
nicht weniger.
Kopftuch, Schleier und Burka diskriminieren Frauen, indem sie sie
an einer freien, selbständigen Teilhabe an der Welt hindern, sie vom
öffentlichen Leben ausschließen und in Abhängigkeit von ihren Männer
nötigen. Das Kopftuch - wenn es fehlt - ist aber auch der Grund für
brutale Gewalt an Frauen. In Pariser Vororten gelten unverhüllte
Mädchen als Freiwild. "Unreine", weil unverschleierte Mädchen werden
in Gruppenvergewaltigungen "bestraft". Eine 17-jährige wurde
verbrannt.
Genau deswegen ist es eine Provokation und Beleidigung aller
Frauen, die zum Tragen des Kopftuches - oft unter Lebensgefahr -
gezwungen werden, wenn eine Lehrerin in Deutschland für sich
beansprucht, das Kopftuch in einer Schule tragen zu wollen. Wie würde
die freiwillig verschleierte Lehrerin einem zwangsverschleierten
Mädchen, das vor religiösem Terror von Vätern, Brüdern oder Nachbarn
flüchtet, helfen?
Solange Frauen irgendwo auf der Welt gezwungen sind, aus Angst vor
religiös fanatisierten Männern die Burka zu tragen, sollte sich jede
aufgeklärte Muslimin selbst verbieten, das Kopftuch zu tragen - und
wenn sie es nicht tut, dann eben der Staat.
OTS0267 2003-09-24/17:36
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