- 12.09.2003, 21:00:42
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ganztags Schule: Die ÖVP sollte endlich die Denkfesseln ablegen" (von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 13.9.2003
Graz (OTS) - Die Art und Weise, wie Schule heute organisisiert
ist, geht zurück auf Maria Theresia. Die war zwar keine Schlechte,
aber es gibt doch einige Hinweise, dass sich das gesellschaftliche
Umfeld, in dem Schule stattfindet, seither geändert hat. In der
Debatte um Fluch und Segen ganztägiger Schulen fällt auf, dass sich
die ÖVP schwer tut, diesen Wandel nachzuvollziehen.
In ihrer starren Ablehnung operiert die Partei mit Versatzstücken
einer bürgerlichen, biedermeierlichen Idylle, die ans Herz geht,
aber mit der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts wenig
Deckung findet. Die gemeinsam um den Mittagstisch versammelte
Familie kann eine wunderbare Insel der Intensität sein, aber für
Familien mit berufstätigen Elternteilen ist es ein
realitätsfernes Wunschbild.
Wir sprechen hier nicht von kinderabweisender Karrieresucht, wir
sprechen von der Mehrheit berufstätiger Mütter, die sich mit
immensem Managment-Aufwand täglich abmühen, beide
Lebenswelten im Gleichgewicht zu halten, ohne dabei selbst kaputt
zu gehen.
Für die Politik ergeben sich daraus zwei Handlungsoptionen.
Entweder sie hilft diesen Familien, durch verbesserte
Rahmenbedingungen die Balance zu wahren, Beruf und Familie
bewältigbar
zu machen, oder sie beschwört normativ das alte bürgerliche Idyll.
Familienabweisender ist Letzteres.
Auch Bildungsministerin Elisabeth Gehrer bedient die Denksperre.
Ihr Argument, es gebe ohnehin an vielen Schulen
Nachmittagsbetreuung, taugt nicht zur Diskurs-Abwehr. Sie weiß, dass
auf dem Land das Angebot desolat ist. Zudem geht es hier nicht
darum, die Schule am Nachmittag flächendeckend in eine Bahnhofs-
Wartehalle zu verwandeln, mit
second-class-Junglehrern als graduierten Babysittern. Die
pädagogische Herausforderung kann doch wohl nur darin liegen,
schulische Lebenswelt neu zu komponieren, und zwar nicht wie
bisher in einem gepressten Fächer-Rodeo mit geistigem K.o. in der
6. Stunde, sondern in einem schülergerechten Wechsel von Unterricht,
Sport, kreativen soft skills und der Festigung des
Erlernten, die nicht mehr überforderten Eltern oder teuren
Nachhilfelehrern überantwortet würde.
Länder wie Finnland, Schweden oder Dänemark leben vor, wie es geht.
In der Pisa-Studie liegen sie voran. Von Kinderraub faselt dort
niemand.
Selbstverständlich macht ein solches Modell eine adäquate
schulische Infrastruktur notwendig, mit Mensa und ordentlichen
Arbeitsbedingungen für die Lehrenden, die vom bösen Vorurteil
der Halbtagsbeschäftigung für immer erlöst wären. ****
OTS0230 2003-09-12/21:00
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