"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ganztags Schule: Die ÖVP sollte endlich die Denkfesseln ablegen" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 13.9.2003

Graz (OTS) - Die Art und Weise, wie Schule heute organisisiert
ist, geht zurück auf Maria Theresia. Die war zwar keine Schlechte, aber es gibt doch einige Hinweise, dass sich das gesellschaftliche Umfeld, in dem Schule stattfindet, seither geändert hat. In der Debatte um Fluch und Segen ganztägiger Schulen fällt auf, dass sich die ÖVP schwer tut, diesen Wandel nachzuvollziehen.
In ihrer starren Ablehnung operiert die Partei mit Versatzstücken einer bürgerlichen, biedermeierlichen Idylle, die ans Herz geht, aber mit der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts wenig
Deckung findet. Die gemeinsam um den Mittagstisch versammelte Familie kann eine wunderbare Insel der Intensität sein, aber für Familien mit berufstätigen Elternteilen ist es ein
realitätsfernes Wunschbild.

Wir sprechen hier nicht von kinderabweisender Karrieresucht, wir sprechen von der Mehrheit berufstätiger Mütter, die sich mit immensem Managment-Aufwand täglich abmühen, beide
Lebenswelten im Gleichgewicht zu halten, ohne dabei selbst kaputt
zu gehen.

Für die Politik ergeben sich daraus zwei Handlungsoptionen. Entweder sie hilft diesen Familien, durch verbesserte Rahmenbedingungen die Balance zu wahren, Beruf und Familie bewältigbar
zu machen, oder sie beschwört normativ das alte bürgerliche Idyll. Familienabweisender ist Letzteres.

Auch Bildungsministerin Elisabeth Gehrer bedient die Denksperre.
Ihr Argument, es gebe ohnehin an vielen Schulen Nachmittagsbetreuung, taugt nicht zur Diskurs-Abwehr. Sie weiß, dass auf dem Land das Angebot desolat ist. Zudem geht es hier nicht darum, die Schule am Nachmittag flächendeckend in eine Bahnhofs-Wartehalle zu verwandeln, mit
second-class-Junglehrern als graduierten Babysittern. Die pädagogische Herausforderung kann doch wohl nur darin liegen, schulische Lebenswelt neu zu komponieren, und zwar nicht wie
bisher in einem gepressten Fächer-Rodeo mit geistigem K.o. in der 6. Stunde, sondern in einem schülergerechten Wechsel von Unterricht, Sport, kreativen soft skills und der Festigung des
Erlernten, die nicht mehr überforderten Eltern oder teuren Nachhilfelehrern überantwortet würde.

Länder wie Finnland, Schweden oder Dänemark leben vor, wie es geht. In der Pisa-Studie liegen sie voran. Von Kinderraub faselt dort niemand.

Selbstverständlich macht ein solches Modell eine adäquate schulische Infrastruktur notwendig, mit Mensa und ordentlichen Arbeitsbedingungen für die Lehrenden, die vom bösen Vorurteil
der Halbtagsbeschäftigung für immer erlöst wären. ****

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