- 11.09.2003, 16:55:00
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"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Zwischen WTC und WTO" (Von Kurt Horwitz
Ausgabe vom 12.09.2003
Wien (OTS) - Vor genau zwei Jahren haben wir die Bilder der
eingestürzten Zwillingstürme des WTC angestarrt: Betroffen,
erschüttert, ungläubig, fassungslos. 2792 Menschen sind laut
offizieller Zählung in den Trümmern des World Trade Center ums Leben
gekommen.
Heute schauen wir nach Cancun in Mexiko, wo die 146 Mitglieder der
WTO bei einer Ministerkonferenz drei Tage lang um eine Neuordnung des
Welthandels ringen. Die Diskrepanz könnte kaum größer sein: Dort das
World Trade Center als Symbol von Reichtum und Wohlstand, hier die
World Trade Organisation als Forum zum Kampf gegen die ungerechte
Verteilung von Reichtum und Armut.
Seit dem Anschlag in New York am 11. September 2001 sind weltweit
Millionen Menschen verhungert; hunderte Millionen entkommen
tagtäglich nur knapp dem Hungertod. Die Betroffenheit hält sich in
Grenzen, weil diese Menschen still sterben, und nur ganz selten
Fernsehkameras Armut und Hunger sichtbar machen.
Ob spektakuläres Attentat oder stiller Tod - eines haben beide
Ereignisse gemeinsam: Der Kampf gegen den Terrorismus blieb bisher
ebenso erfolglos wie der gegen den Hunger. Und daran wird sich in
absehbarer Zeit nichts ändern, mag George W. Bush auch noch so viele
Marschflugkörper in Bewegung setzen oder die WTO noch so engagiert um
mehr Gerechtigkeit im Welthandel kämpfen.
Ganz abgesehen davon, dass Industriestaaten und Dritte Welt von einer
Einigung weit entfernt sind, herrscht nicht einmal Klarheit über die
Auswirkung einzelner Rezepte. Da produzieren beispielsweise die
Bauern in den Industriestaaten mit riesigen Subventionen Jahr für
Jahr beachtliche Überschüsse. Ein Teil der Experten glaubt, dass die
Reduktion der Agrarförderung in den reichen Ländern und der Abbau von
Handelsschranken den Bauern in der Dritten Welt helfen würde; andere
glauben, dass das Ungleichgewicht dadurch noch verstärkt würde.
Sicher ist allerdings, dass zwischen Terrorismus und globaler Armut
ein enger Zusammenhang besteht. Wer nur überlegt, ob er vom Golf auf
einen Mercedes umsteigen soll, zettelt üblicherweise keine
Revolutionen an. Wer materiell nichts zu verlieren hat, ist für
radikales Gedankengut eher empfänglich, erst recht, wenn noch eine
gehörige Portion religiöser Fanatismus dazu kommt.
Wahrscheinlich wäre es sinnvoller gewesen, die Dollarmilliarden, die
die USA zur Kolonialisierung des Irak aufgewendet haben, in den
Aufbau der Infrastruktur der Dritten Welt zu pumpen. Auf einem
anderen Blatt steht, ob die Hilfen von den nach wie vor vielerorts
regierenden Despoten nicht blitzschnell zur eigenen Bereicherung
statt zur Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung umgeleitet
würden.
Was auch immer die WTO bei der vor zwei Jahren im arabischen Doha
begonnenen und bis 2005 laufenden "Entwicklungsrunde" zum Abbau von
Handelsschranken und zur Liberalisierung des Welthandels auch
beschließen mag: Es wird nur ein Tropfen im Kampf gegen die
ungerechte Verteilung der Güter auf dieser Welt sein. Und ob es dann
in die richtige Richtung geht, ist leider auch mehr als ungewiss.
OTS0233 2003-09-11/16:55
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