"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Zwischen WTC und WTO" (Von Kurt Horwitz

Ausgabe vom 12.09.2003

Wien (OTS) - Vor genau zwei Jahren haben wir die Bilder der eingestürzten Zwillingstürme des WTC angestarrt: Betroffen, erschüttert, ungläubig, fassungslos. 2792 Menschen sind laut offizieller Zählung in den Trümmern des World Trade Center ums Leben gekommen.
Heute schauen wir nach Cancun in Mexiko, wo die 146 Mitglieder der WTO bei einer Ministerkonferenz drei Tage lang um eine Neuordnung des Welthandels ringen. Die Diskrepanz könnte kaum größer sein: Dort das World Trade Center als Symbol von Reichtum und Wohlstand, hier die World Trade Organisation als Forum zum Kampf gegen die ungerechte Verteilung von Reichtum und Armut.
Seit dem Anschlag in New York am 11. September 2001 sind weltweit Millionen Menschen verhungert; hunderte Millionen entkommen tagtäglich nur knapp dem Hungertod. Die Betroffenheit hält sich in Grenzen, weil diese Menschen still sterben, und nur ganz selten Fernsehkameras Armut und Hunger sichtbar machen.
Ob spektakuläres Attentat oder stiller Tod - eines haben beide Ereignisse gemeinsam: Der Kampf gegen den Terrorismus blieb bisher ebenso erfolglos wie der gegen den Hunger. Und daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern, mag George W. Bush auch noch so viele Marschflugkörper in Bewegung setzen oder die WTO noch so engagiert um mehr Gerechtigkeit im Welthandel kämpfen.
Ganz abgesehen davon, dass Industriestaaten und Dritte Welt von einer Einigung weit entfernt sind, herrscht nicht einmal Klarheit über die Auswirkung einzelner Rezepte. Da produzieren beispielsweise die Bauern in den Industriestaaten mit riesigen Subventionen Jahr für Jahr beachtliche Überschüsse. Ein Teil der Experten glaubt, dass die Reduktion der Agrarförderung in den reichen Ländern und der Abbau von Handelsschranken den Bauern in der Dritten Welt helfen würde; andere glauben, dass das Ungleichgewicht dadurch noch verstärkt würde. Sicher ist allerdings, dass zwischen Terrorismus und globaler Armut ein enger Zusammenhang besteht. Wer nur überlegt, ob er vom Golf auf einen Mercedes umsteigen soll, zettelt üblicherweise keine Revolutionen an. Wer materiell nichts zu verlieren hat, ist für radikales Gedankengut eher empfänglich, erst recht, wenn noch eine gehörige Portion religiöser Fanatismus dazu kommt.
Wahrscheinlich wäre es sinnvoller gewesen, die Dollarmilliarden, die die USA zur Kolonialisierung des Irak aufgewendet haben, in den Aufbau der Infrastruktur der Dritten Welt zu pumpen. Auf einem anderen Blatt steht, ob die Hilfen von den nach wie vor vielerorts regierenden Despoten nicht blitzschnell zur eigenen Bereicherung statt zur Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung umgeleitet würden.
Was auch immer die WTO bei der vor zwei Jahren im arabischen Doha begonnenen und bis 2005 laufenden "Entwicklungsrunde" zum Abbau von Handelsschranken und zur Liberalisierung des Welthandels auch beschließen mag: Es wird nur ein Tropfen im Kampf gegen die ungerechte Verteilung der Güter auf dieser Welt sein. Und ob es dann in die richtige Richtung geht, ist leider auch mehr als ungewiss.

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