• 29.08.2003, 16:41:50
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"Die Presse" Leitartikel: "Ist es schade um unsere Gene?" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 30.8.2003

Wien (OTS) - Das Nachdenken im Tiroler Alpbach stand in den
letzten Tagen ganz im Zeichen einer einzigen Fragestellung: des
System-, des Chancenvergleichs zwischen Europa und Amerika. Dabei
ließ ein Aspekt manche besonders nachdenklich werden: der
Altersunterschied zwischen den beiden führenden Blöcken der
Industriewelt. Der durchschnittliche Amerikaner ist heute 2,5 Jahre
jünger als sein Partner/Konkurrent am anderen Ufer des Atlantiks. Für
das Jahr 2050 beträgt der Unterschied sogar unvorstellbare 16 Jahre.
Was das ganz abgesehen von den Pensionsleistungen für die künftigen
Investitionsentscheidungen des internationalen Kapitals (und die
Verteilung des Wohlstands und Einflusses) bedeutet, lässt sich gar
nicht hoch genug einschätzen. Keine Frage, dass man sofort an das
Stichwortbündel Party-Gehrer-Kinderkriegen denkt. Die durch ein
"Presse"-Interview der Unterrichtsministerin ausgelöste Diskussion
hat Österreich in den letzten Tagen manche heiteren Momente beschert.
Aber lassen wir das Blödeln über Parties. Halten wir einfach fest:
Ein dramatisches Ansteigen der Kinderzahl in allen europäischen
Ländern wäre nicht nur der Pensionen wegen spielentscheidend, sondern
für den Wohlstand insgesamt.
Was aber wirklich tun, damit Europa mehr Kinder bekommt? Noch nie hat
eine Gesellschaft in so relativ hohem Ausmaß ja zum Kind gesagt. Noch
nie war der Anteil der Wunschkinder im rundum versorgten Leben so
groß. Jedoch: Diese Kinder von Paaren, die eine Krönung ihrer
Beziehung erhoffen, können niemals jene Kinderscharen kompensieren,
die früher aus ganz anderen Gründen zur Welt gekommen sind.
Ein großer Teil des Geburtendefizits ist durch bequeme, risikolose
Empfängnisverhütung ausgelöst worden. Hier kann wohl niemand an ein
staatliches Verbot denken. Die Wissenschaft hat den Menschen zum
vermeintlichen Herrn über das Leben gemacht. Die Konsequenzen werden
uns erst jetzt langsam klar.
Ein zweiter Teil einstiger Kinderscharen war ökonomisch motiviert:
Eltern sicherten sich ihre Altersversorgung, schufen sich billige
Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Alle diese Motive sind heute
zumindest individuell weggefallen. Und mit Verzögerung sind auch die
Geburten steil gesunken, als die Menschen sich an die neuen
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst haben, daran, dass es
eine staatliche Altersvorsorge gibt, dass nicht mehr Knechte, sondern
teuer ausgebildete Mitglieder der Bildungsgesellschaft gefragt waren.
Zugleich hat sich das Rollenbild der Frau dramatisch gewandelt.
In dieser Situation ist guter Rat teuer. Kindergartenplätze und
Ähnliches - so positiv sie sind - werden die Geburtenzahlen nicht
entscheidend beeinflussen. Die gesellschaftspolitisch explosive Frage
ist vielmehr: Sollen wieder ökonomische Mechanismen geschaffen
werden, die auch ein existenzielles ökonomisches Interesse der
einzelnen Paare an Kindern herstellen? Sollen Mütter und Väter etwa
durch signifikant höhere Pensionen belohnt werden?
Ein gewichtiges Gegenargument lautet freilich: Werden dann nicht
viele Kinder wieder ungeliebt heranwachsen, deren Zeugung nur die
Einzahlung in eine Lebensversicherung substituieren soll? Da tröstet
freilich die Biologie: Kinder haben auch in der Vergangenheit ihre
Eltern durch eine Reihe von spannenden Mechanismen "zwingen" können,
sie zu lieben und zu pflegen. Und Liebesdefizite können auch Kinder
haben, deren Eltern inzwischen die Liebe zueinander verloren haben.
Keine Frage, diese Debatte ist so sensibel, dass Europas Politik sie
so bald nicht führen wird. Eines aber sollte uns schon jetzt klar
werden: Geschichte und Natur haben in der Vergangenheit relativ kühl
zugesehen, wenn ganze Kulturen verschwunden sind. Die Extrapolation
der gegenwärtigen Dynamik sieht jedenfalls in vier bis fünf
Generationen kaum noch Österreicher, kaum noch Europäer auf diesem
Planeten. Ob es um das Aussterben unserer Gene auch schade ist, ist
eine andere Geschichte.

OTS0218    2003-08-29/16:41

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