"Die Presse" Leitartikel: "Ist es schade um unsere Gene?" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 30.8.2003

Wien (OTS) - Das Nachdenken im Tiroler Alpbach stand in den
letzten Tagen ganz im Zeichen einer einzigen Fragestellung: des System-, des Chancenvergleichs zwischen Europa und Amerika. Dabei ließ ein Aspekt manche besonders nachdenklich werden: der Altersunterschied zwischen den beiden führenden Blöcken der Industriewelt. Der durchschnittliche Amerikaner ist heute 2,5 Jahre jünger als sein Partner/Konkurrent am anderen Ufer des Atlantiks. Für das Jahr 2050 beträgt der Unterschied sogar unvorstellbare 16 Jahre. Was das ganz abgesehen von den Pensionsleistungen für die künftigen Investitionsentscheidungen des internationalen Kapitals (und die Verteilung des Wohlstands und Einflusses) bedeutet, lässt sich gar nicht hoch genug einschätzen. Keine Frage, dass man sofort an das Stichwortbündel Party-Gehrer-Kinderkriegen denkt. Die durch ein "Presse"-Interview der Unterrichtsministerin ausgelöste Diskussion hat Österreich in den letzten Tagen manche heiteren Momente beschert. Aber lassen wir das Blödeln über Parties. Halten wir einfach fest:
Ein dramatisches Ansteigen der Kinderzahl in allen europäischen Ländern wäre nicht nur der Pensionen wegen spielentscheidend, sondern für den Wohlstand insgesamt.
Was aber wirklich tun, damit Europa mehr Kinder bekommt? Noch nie hat eine Gesellschaft in so relativ hohem Ausmaß ja zum Kind gesagt. Noch nie war der Anteil der Wunschkinder im rundum versorgten Leben so groß. Jedoch: Diese Kinder von Paaren, die eine Krönung ihrer Beziehung erhoffen, können niemals jene Kinderscharen kompensieren, die früher aus ganz anderen Gründen zur Welt gekommen sind.
Ein großer Teil des Geburtendefizits ist durch bequeme, risikolose Empfängnisverhütung ausgelöst worden. Hier kann wohl niemand an ein staatliches Verbot denken. Die Wissenschaft hat den Menschen zum vermeintlichen Herrn über das Leben gemacht. Die Konsequenzen werden uns erst jetzt langsam klar.
Ein zweiter Teil einstiger Kinderscharen war ökonomisch motiviert:
Eltern sicherten sich ihre Altersversorgung, schufen sich billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Alle diese Motive sind heute zumindest individuell weggefallen. Und mit Verzögerung sind auch die Geburten steil gesunken, als die Menschen sich an die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst haben, daran, dass es eine staatliche Altersvorsorge gibt, dass nicht mehr Knechte, sondern teuer ausgebildete Mitglieder der Bildungsgesellschaft gefragt waren. Zugleich hat sich das Rollenbild der Frau dramatisch gewandelt.
In dieser Situation ist guter Rat teuer. Kindergartenplätze und Ähnliches - so positiv sie sind - werden die Geburtenzahlen nicht entscheidend beeinflussen. Die gesellschaftspolitisch explosive Frage ist vielmehr: Sollen wieder ökonomische Mechanismen geschaffen werden, die auch ein existenzielles ökonomisches Interesse der einzelnen Paare an Kindern herstellen? Sollen Mütter und Väter etwa durch signifikant höhere Pensionen belohnt werden?
Ein gewichtiges Gegenargument lautet freilich: Werden dann nicht viele Kinder wieder ungeliebt heranwachsen, deren Zeugung nur die Einzahlung in eine Lebensversicherung substituieren soll? Da tröstet freilich die Biologie: Kinder haben auch in der Vergangenheit ihre Eltern durch eine Reihe von spannenden Mechanismen "zwingen" können, sie zu lieben und zu pflegen. Und Liebesdefizite können auch Kinder haben, deren Eltern inzwischen die Liebe zueinander verloren haben. Keine Frage, diese Debatte ist so sensibel, dass Europas Politik sie so bald nicht führen wird. Eines aber sollte uns schon jetzt klar werden: Geschichte und Natur haben in der Vergangenheit relativ kühl zugesehen, wenn ganze Kulturen verschwunden sind. Die Extrapolation der gegenwärtigen Dynamik sieht jedenfalls in vier bis fünf Generationen kaum noch Österreicher, kaum noch Europäer auf diesem Planeten. Ob es um das Aussterben unserer Gene auch schade ist, ist eine andere Geschichte.

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