- 07.08.2003, 16:48:54
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Lostag für Struzl - und die Börse
WirtschaftsBlatt-Kommentar von Arne Johannsen
Wien (OTS) - Die Börsianer schauen normalerweise gebannt auf die
aktuellen Kursverläufe. Heute schauen sie nach Linz. Der
Kapitalmarktbeauftragte der Bundesregierung, Richard Schenz, kämpft
seit zwei Jahren um Transparenz an der Wiener Börse und Fairness
gegenüber den Kleinaktionären. Heute schaut auch er nach Linz. Vor
wenigen Wochen wurde ein österreichischer Drucker in erster Instanz
zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt. Er hatte Insiderwissen
genutzt und damit 15.000 Euro verdient. Er schaut heute gespannt nach
Linz.
Denn in Oberösterreichs Hauptstadt entscheidet der
voestalpine-Aufsichtsrat heute über die Zukunft von Vorstandschef
Franz Struzl - und über die Zukunft des österreichischen
Kapitalmarkts. Die 15 Herren - eine Frau gehört dem Gremium nicht an
- können eine hässliche Affäre beenden oder aber den Störfall
prolongieren.
Der Druck auf die Aufsichtsräte ist gewaltig. Struzl ist ein
tüchtiger Manager. Keiner, der die Bodenhaftung verloren hat und dem
man - zumindest heimlich - den Absturz wünscht. Der Mann ist
rechtlich unbescholten. Er hat sich zwar ungeschickt verhalten, dafür
aber Strafe gezahlt - also Schwamm drüber, jeder kann mal einen
Fehler machen. Das ist die eine Seite.
Die andere: Die Wiener Börse bemüht sich seit Jahren redlich, in
Sachen Publizität, Transparenz und Anlegerschutz international
herzeigbare Standards zu verwirklichen - mit Erfolg. Und jetzt
fliegen die Aktienkäufe des Voest-Chefs Struzl auf. Selten zuvor
sprachen so viele Indizien für einen klaren Fall von Insiderhandel.
Aus der kunstvoll aufgebauten Verteidigungsmauer bröckelt täglich ein
grosses Stück heraus. Jedes neue Detail nagt an der Glaubwürdigkeit
Struzls. Wenn Struzl bei diesem Deal kein Insider war, wer soll dann
einer sein?
Selbst Struzls oberösterreichische Abwehrfront von Raiffeisen-Chef
Scharinger bis zum Voest-Betriebsrat wankt. Und das ist gut so: Wenn
Lokalpatriotismus den Verstand ersetzt, ist noch nie etwas dabei
herausgekommen.
Geht der Aufsichtsrat heute den bequemen Weg und macht Struzl die
Mauer, tut er der Wirtschaft keinen Gefallen. Das fatale Signal wäre,
dass die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln abnimmt, je weiter
oben man sich in der Hierarchie befindet. Die wahrscheinlichste
Lösung: Der Aufsichtsrat spricht Struzl das Vertrauen aus, der
daraufhin - sein Gesicht gewahrt - freiwillig den Hut nimmt. Das wäre
akzeptabel - aber weniger sollte heute in Linz nicht herauskommen.
OTS0167 2003-08-07/16:48
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