Lostag für Struzl - und die Börse

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Arne Johannsen

Wien (OTS) - Die Börsianer schauen normalerweise gebannt auf die aktuellen Kursverläufe. Heute schauen sie nach Linz. Der Kapitalmarktbeauftragte der Bundesregierung, Richard Schenz, kämpft seit zwei Jahren um Transparenz an der Wiener Börse und Fairness gegenüber den Kleinaktionären. Heute schaut auch er nach Linz. Vor wenigen Wochen wurde ein österreichischer Drucker in erster Instanz zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt. Er hatte Insiderwissen genutzt und damit 15.000 Euro verdient. Er schaut heute gespannt nach Linz.

Denn in Oberösterreichs Hauptstadt entscheidet der voestalpine-Aufsichtsrat heute über die Zukunft von Vorstandschef Franz Struzl - und über die Zukunft des österreichischen Kapitalmarkts. Die 15 Herren - eine Frau gehört dem Gremium nicht an - können eine hässliche Affäre beenden oder aber den Störfall prolongieren.

Der Druck auf die Aufsichtsräte ist gewaltig. Struzl ist ein tüchtiger Manager. Keiner, der die Bodenhaftung verloren hat und dem man - zumindest heimlich - den Absturz wünscht. Der Mann ist rechtlich unbescholten. Er hat sich zwar ungeschickt verhalten, dafür aber Strafe gezahlt - also Schwamm drüber, jeder kann mal einen Fehler machen. Das ist die eine Seite.

Die andere: Die Wiener Börse bemüht sich seit Jahren redlich, in Sachen Publizität, Transparenz und Anlegerschutz international herzeigbare Standards zu verwirklichen - mit Erfolg. Und jetzt fliegen die Aktienkäufe des Voest-Chefs Struzl auf. Selten zuvor sprachen so viele Indizien für einen klaren Fall von Insiderhandel. Aus der kunstvoll aufgebauten Verteidigungsmauer bröckelt täglich ein grosses Stück heraus. Jedes neue Detail nagt an der Glaubwürdigkeit Struzls. Wenn Struzl bei diesem Deal kein Insider war, wer soll dann einer sein?

Selbst Struzls oberösterreichische Abwehrfront von Raiffeisen-Chef Scharinger bis zum Voest-Betriebsrat wankt. Und das ist gut so: Wenn Lokalpatriotismus den Verstand ersetzt, ist noch nie etwas dabei herausgekommen.

Geht der Aufsichtsrat heute den bequemen Weg und macht Struzl die Mauer, tut er der Wirtschaft keinen Gefallen. Das fatale Signal wäre, dass die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln abnimmt, je weiter oben man sich in der Hierarchie befindet. Die wahrscheinlichste Lösung: Der Aufsichtsrat spricht Struzl das Vertrauen aus, der daraufhin - sein Gesicht gewahrt - freiwillig den Hut nimmt. Das wäre akzeptabel - aber weniger sollte heute in Linz nicht herauskommen.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001