"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wollen wir es uns leisten, 80-Jährige noch zu operieren?" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 23.07.2003

Graz (OTS) - Es ist wieder einmal so weit. Unsere deutschen
Nachbarn schnalzen die Selbstbehalte in die Höhe, um ein wenig die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen, und postwendend erinnert sich auch Österreichs Gesundheitsministerin an ihre vielen Reformprojekte. Natürlich erinnert sie sich nicht erst seit gestern, natürlich kennt sie die Brocken, die da noch völlig unbearbeitet vor ihr liegen.

Es sind Brocken, die alle bisherigen Gesundheitsminister oft nicht einmal millimeterweise bewegen konnten. Und auch in Deutschland nun wieder nicht bewegt werden. Da geht es nicht um Selbstbehalte für Arztbesuche. Mit Selbstbehalten wird eine Hochleistungsmedizin, die für alle zugänglich sein soll, nicht zu
finanzieren sein. Außerdem: Bereits heute beteiligen sich die Österreicher mit 833 Millionen Euro mehr als die meisten EU-Bürger an den Kosten. Und dass Armut am Gebiss ablesbar ist, wie jetzt in Deutschland geklagt wird, ist bei uns seit langem ein Faktum.

Worum es aber wirklich geht? Es geht um den Wildwuchs bei der Finanzierung und Parallelstrukturen in Krankenhäusern. Es geht um Ärzte, die in manchen Spitälern bis zur Erschöpfung arbeiten, während in 20-Minuten-Entfernung Kleinstabteilungen in Spitälern am Leben erhalten werden. Weil sich ein Bürgermeister oder
Landesrat daran klammern.

Ein gesundheitspolitischer Wahnsinn, der langfristig zu
Rationierung und einer Zwei-Klassen-Medizin führt. Mit 52.000 Spitalsbetten rangiert Österreich an der Weltspitze, jeder vierte Österreicher liegt einmal im Jahr im Spital. 10.000 Betten will Maria Rauch-Kallat nun in billigere Pflegebetten umwandeln, 6000 abbauen. Ein großes Ziel. Auf die Umsetzung darf mit Spannung gewartet werden. Denn selbst wenn sie einen Garantieschein
für den Bestand aller Spitäler nicht gibt, eine Schließung dürfte illusorisch bleiben.

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht siegt irgendwann die Vernunft. Nach den Berechnungen des Gesundheitsökonomen Christian Köck liegt in der Spezialisierung von Spitälern und der Auslagerung in den ambulanten Bereich ein Einsparpotenzial von bis
zu zwei Milliarden Euro im Jahr.

Natürlich lässt sich die Schließung eines Spitals politisch kaum verkaufen. "Verkaufen" könnte man es aber mit dem Hinweis, dass es das Unsozialste ist, Strukturen zu belassen, wie sie sind. Und damit Geld in Bereiche zu pumpen, das anderswo fehlt. Es gibt ja eine Frage, die bereits gestellt wird: "Wie lange können wir
es uns noch leisten, dass 80-Jährige operiert
werden?"

Eine inhumane Frage, auf die es nur eine Antwort geben kann: Wir wollen es uns leisten. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001