- 15.07.2003, 16:16:03
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Tradition am Abstellgleis
WirtschaftsBlatt-Kommentar von Michaela Lexa
Wien (OTS) - Wer legt heute noch Wert auf Tradition? Viele können
es nicht mehr sein, wenn man die mehr als traurige Entwicklung der so
genannten österreichischen Traditionsfirmen betrachtet.
Jüngster Fall ist die Wiener Porzellanmanufaktur Augarten. Seit
285 Jahren produziert der Betrieb Porzellan der feinsten und auch
teuersten Sorte. Beliebt ist das Geschirr nicht nur bei
Staatsempfängen, sondern vor allem auch bei japanischen und
amerikanischen Touristen. Doch diese begrenzte Kundenschicht, die
noch dazu auf Grund der Tourismuskrise ab- und nicht zunimmt, kann
kein Unternehmen auf Dauer über Wasser halten. Augarten wird deshalb
der Gang zum Konkursrichter wohl nicht erspart bleiben.
Der Wertewandel in der Gesellschaft ist unverkennbar. Statt für
teures Geschirr oder andere österreichische Traditionsprodukte wird
das Geld für Handys oder Reisen ausgegeben. Das bekommen auch andere
Firmen mit berühmten Namen zu spüren. So ist etwa die Marke
Inzersdorfer zwar jedem ein Begriff, Rindsrouladen in der Dose sind
aber lange nicht so in wie Hamburger mit Pommes frites. Dem
Lebensmittelhersteller blieb aber zumindest die Pleite erspart. Die
Produktion wird allerdings zum neuen Eigentümer Vivatis nach Linz
verlagert.
Einen ebenso langen Leidensweg hat die Bäckerei Ankerbrot hinter
sich. Im Moment versucht wieder einmal ein neuer Besitzer das
verstaubte Unternehmen flott zu machen. Und auch bei Palmers fliegen
seit längerem die Fetzen. Lässt man die internen Machtstreitigkeiten
beseite, zeigt sich deutlich, dass das grüne Markenzeichen zunehmend
an Glanz verliert. Viele Filialen wirken altmodisch, grosse Ketten
mit junger, frecher und noch dazu billigerer Mode setzen der
Wäschefirma zu.
Diese prominente Liste liesse sich lange fortsetzen. Gemeinsam
haben die Firmen, dass der Fortschritt in manchen Bereichen schneller
war als sie selbst. Gerade bei Konsumgütern dreht sich der Markt mit
atemberaubender Geschwindigkeit. Was heute chic ist und jeder haben
muss, ist morgen schon lange out und kann nur noch als Restposten
abgeschrieben werden. Begriffe wie "traditionell" oder "altbewährt"
haben in der heutigen Gesellschaft nur noch einen geringen
Stellenwert.
Wenn dann noch Managementfehler dazukommen, steht der
Konkursrichter vor der Tür. Auf diese Gefahren muss sich jeder
Betrieb mit Geschichte einstellen, sonst ist er bald selbst
Geschichte.
OTS0166 2003-07-15/16:16
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