- 03.07.2003, 20:26:31
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ZUKUNFTSKOMMISSION SOLL QUALITÄT DER SCHULEN NACHHALTIG SICHERN Welchen Einfluss hat die Organisation auf die Unterrichtsqualität?
Wien (PK) - Eine Aktuelle Aussprache mit Bundesministerin
Elisabeth Gehrer zum Thema "Die PISA-Studie und die Tätigkeit der
Zukunftskommission" stand heute im Mittelpunkt des
Unterrichtsausschusses. Eingeladen dazu war der Salzburger
Bildungsforscher und Leiter des österreichischen PISA-Zentrums
Univ. Prof. DDr. Günther Haider als Experte. Er steht der
vierköpfigen Steuerungsgruppe der Zukunftskommission vor, der
neben ihm Christiane Spiel, Vorstand der Abteilung für
Bildungspsychologie und Evaluation am Institut für Psychologie
der Universität Wien, der Bildungsforscher Ferdinand Eder von der
Universität Linz und Werner Specht von der Universität Salzburg
und Leiter des Bereichs Evaluation und Schulforschung am Zentrum
für Schulentwicklung in Graz angehören.
VIRTUELLE PLATTFORM SOLL UMFASSENDEN DISKUSSIONSPROZESS IN GANG
SETZEN
Wie Bundesministerin Elisabeth Gehrer erläuterte, soll am 4.
Oktober dieses Jahres im Rahmen einer Startveranstaltung eine
breite Diskussion in Gang gesetzt werden. Als Zielvorgabe für die
Zukunftskommission nannte sie die Entwicklung eines nationalen
Qualitätsmanagementsystems, eine Qualitätsoffensive im
Unterricht, eine Stärkung der pädagogischen Aufgaben und die
Entwicklung von Steuerungsstrategien, wonach eine Output-Messung
im Vordergrund stehen solle und nicht eine Input-Messung. Die
Einrichtung der Zukunftskommission sei eine Folge der bisherigen
Bemühungen, die Qualität an den Schulen weiterzuentwickeln und an
allen Schulen sicherzustellen. Man beabsichtige damit auch, aus
internationalen Studien Konsequenzen zu ziehen, neue
Unterrichtsmethoden zu untersuchen und umzusetzen, wobei vor
allem die Kompetenz der Aufgabenlösung und das vernetzte Denken
bei den SchülerInnen im Mittelpunkt stehe.
Als wichtigen ersten Schritt bezeichnete die Ministerin,
Leistungsstandards festzulegen, wobei man diskutieren müsse, ob
dies Mindest- oder Durchschnittsstandards sein sollen und welche
Rückwirkung dies wiederum auf die Lehrpläne und auf die
Ausbildung der LehrerInnen haben werde. Das Leitungsteam fange
nicht von null an, sondern könne auf zahlreiche Unterlagen für
die Formulierung von Leistungsstandards aufbauen. Ihr, Gehrer,
gehe es darum, aus dem Qualitätsmanagement einen Prozess in der
Schule in Gang zu setzen. Die Zukunftskommission solle daher
möglichst viele mit einbinden, weshalb man auch nach der Methoden
der offenen Planung vorgehe. Das bedeute, dass man durch eine
"virtuelle Plattform" - Gehrer verwendete auch den Begriff der
"virtuellen Schulreformkommission" - eine breite Diskussion
initiieren wolle.
BILDUNGSEXPERTE HAIDER: SCHWERPUNKT IST DIE VERBESSERUNG DES
UNTERRICHTS UND NICHT DER SCHULORGANISATION
Der Bildungsforscher Günther Haider schloss daran an und
unterstrich, dass sich die Zukunftskommission insbesondere mit
der Qualität und der Qualitätsentwicklung auseinandersetzen
werde, wobei man den Schwerpunkt auf die Verbesserung des
Unterrichts legen werde. 80 % der Qualitätsverbesserung seien, so
Haider, dadurch erreichbar, wobei man insbesondere in der
Lehrerbildung ansetzen müsse. Nur 20 % an Verbesserungen, schätzt
er, könnten durch organisatorische Maßnahmen erreicht werden.
Besonderes Augenmerk werde der Vorbereitung auf ein lebenslanges
Lernen und einem gesicherten und verstehenden Lesevermögen
geschenkt werden, denn ohne dieses sei kein selbständiger
Bildungserwerb möglich. Lebenslanges Lernen könne aber nicht
verbal vermittelt werden, sondern nur durch die Art des
Unterrichts und die Erfahrungen durch den Unterricht.
Nach den Ausführungen Haiders zielt die Arbeit der
Zukunftskommission auf ein Gesamtkonzept ab, was nur langfristig
umgesetzt werden könne, kurzfristige Auswirkungen könnte aber die
Umsetzung des Qualitätsmanagements haben. Als langfristiges
Projekt bezeichnete der Experte die Hinwendung zur
Rechenschaftsorientierung sowie die Realisierung einer
verstärkten Autonomie, da heute vielfach Schwierigkeiten zu
beobachten seien, mit den vorhandenen Spielräumen umzugehen. Als
Eckpunkte der Arbeit der Zukunftskommission nannte Haider eine
Qualitätsprüfungskomponente und Qualitätsentwicklungskomponente.
ABGEORDNETE SETZEN HOHE ERWARTUNGEN IN DIE ZUKUNFTSKOMMISSION
An diese beiden Statements schloss sich eine ausführliche
Diskussion der Abgeordneten an, wobei nicht nur zahlreiche und
ins Detail gehende Fragen gestellt wurden, sondern auch auf Grund
der vielen Anmerkungen und Anregungen deutlich wurde, welch weit
reichende Erwartungen in die Arbeit der Zukunftskommission
gesetzt werden. Der Ausschussvorsitzende Werner Amon (V) warnte
daher auch seine KollegInnen davor, die Latte zu hoch zu legen.
In den einzelnen Wortmeldungen zeigten sich dann die
unterschiedlichen Gewichtungen, die Opposition und
Regierungsfraktionen vornahmen. Aus den Äußerungen der
Abgeordneten von SPÖ und Grünen war die Meinung herauszuhören,
dass organisatorische Maßnahmen durchaus einen stärkeren Einfluss
auf die Qualität und den Output des Unterrichts nehmen könnten.
So wies Abgeordnete Andrea Kuntzl (S) auf eine Studie des
Instituts für Familienforschung hin, die zu dem Ergebnis gekommen
war, dass das österreichische Schulsystem eine stark
selektierende Wirkung hat. Ihr Klubkollege Erwin Niederwieser
bemerkte, dass die PISA-Studie durchaus den Schluss zulasse, in
ganztägigen Schulformen seien die Leistungsunterschiede geringer.
Auch Abgeordnete Beate Schasching (S) meinte, dass man anhand des
positiven finnischen Beispiels, wo es die Form der Gesamtschule
gebe, nicht um organisatorische Fragen herumkomme.
Ähnlich argumentierten die Abgeordneten der Grünen, Dietmar Brosz
und Michaela Sburny. Brosz machte deutlich, dass in ganztägigen
Schulformen die Struktur der Lern- und Ruhephasen völlig anders
aufgebaut seien und man nicht davon ausgehen könne, dass
vormittags Unterricht und nachmittags reine Betreuung stattfände.
Daher seien Ganztagsschulen auf freiwilliger Basis auch gar nicht
möglich. Dem widersprach Abgeordnete Mares Rossmann (F), indem
sie ganztägige Schulformen auf freiwilliger Basis mit genau
abgegrenzten Vormittagsunterricht und Betreuung und Freizeit am
Nachmittag favorisierte.
Als wichtiges Ziel einer Reform bezeichnete es Brosz, vor allem
Kinder aus bildungsfernen Schichten zu fördern, und hier müsse
man auch bei der Organisation ansetzen. Michaela Sburny griff die
Gender-Aspekte heraus, die ebenfalls die Schulorganisation
beträfen. So seien beispielsweise in getrennten Klassen die
Leistungen der Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern besser
als in koedukativen Klassen. Ihrer Auffassung nach müsste man
daher Rahmenbedingungen schaffen, wo SchülerInnen das Lernen Spaß
macht.
Dagegen warf Abgeordneter Werner Amon (V) ein, dass die PISA-
Studie zum Ausdruck gebracht habe, nicht die äußere Organisation
sei für die Qualität einer Schule entscheidend, sondern der
Unterricht. Es gehe daher darum, das relativ gute Schulsystem in
Österreich weiterzuentwickeln. Amon sprach sich auch für die
Stärkung der Autonomie an den Schulen aus, wobei man danach
trachten müsse, dass Abschlüsse vergleichbar bleiben. Dazu
ergänzte Abgeordneter Niederwieser, dass man die inhaltliche
Arbeit und die organisatorische Selbständigkeit besser
koordinieren müsse.
Abgeordneter Niederwieser thematisierte weiters das
berufsbildende Schulwesen, das sich in einer Umbruchsphase durch
die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt befinde, und stellte die
Frage in den Raum, ob die derzeitige starke Spezialisierung der
richtige Weg sei. Die Probleme der berufsbildenden Schulen wurden
auch von Abgeordneter Mares Rossmann (F) angesprochen, die die
starken Rückgänge im Hinblick auf den Facharbeitermangel als
Besorgnis erregend ansah und anregte, die BerufsschullehrerInnen
nach einiger Zeit wieder in die Praxis zu schicken, damit diese
auf dem neuesten Stand blieben.
Rossmann setzte darüber hinaus in die Zukunftskommission die
Erwartung, Tabus anzusprechen, dem sich Abgeordnete Gabriele
Heinisch-Hosek (S) insofern anschloss als sie meinte, dass auch
die Pragmatisierung Thema der Diskussion sein müsse. Ihrer
Ansicht nach ist es auch erforderlich, über die Angleichung der
Ausbildung aller LehrerInnen nachzudenken und die Praxis während
des Studiums zu erhöhen. Abgeordnete Gertrude Brinek (V)
unterstrich die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens,
Abgeordneter Franz Riepl (S) und Abgeordnete Silvia Fuhrmann (V)
wiederum traten dafür ein, die Schulpartnerschaft stärker in die
Diskussion miteinzubeziehen.
Der Experte Günther Haider unterstrich in seiner Beantwortung
nochmals die Notwendigkeit einer größeren Autonomie, die in der
Unterteilung des Lehrplanes in einen Kernstoff und in erweiterte
Stoffgebiete zum Ausdruck gebracht werde. Die Zukunft des
Unterrichts liege seiner Meinung nach nicht in der jetzigen
zeitlichen Vorgabe von 8 bis 14 Uhr mit dazwischen liegenden
Pausen, da dieser "Stakkato-Unterricht" den Erkenntnissen der
Entwicklungspsychologie widerspreche. Er denke vielmehr in
Richtung Zusammenziehung von Stunden, Projektunterricht und
Jahresarbeitszeit.
Was die leseschwachen SchülerInnen betreffe, so liege der
Prozentsatz in allen EU-Staaten durchschnittlich gleich zwischen
15 und 18 % und daher könne man nicht den Schluss ziehen,
ganztägige Schulformen würden hier eine Verbesserung bringen.
Alle vergleichenden Studien zeigten, dass rasche Lösungen
unmöglich seien; das Problem dabei sei, wie man den
Förderunterricht an die Gruppe der lern- und leseschwachen
SchülerInnen besser heranbringe. Das Angebot an Ganztagsschulen
werde das Problem sicherlich nicht lösen. Man könne auch nicht
davon ausgehen, dass schwächere SchülerInnen von vornherein von
offenen Lernformen profitierten. Diese fühlten sich oft besser in
einem strukturierteren Unterricht. Das finnische Beispiel könne
man auf Grund der unterschiedlichen Gegebenheiten nicht auf
Österreich übertragen, sagte Haider. Jedenfalls werde die
Zukunftskommission sich auch nicht davor scheuen, Tabu-Themen
anzusprechen. (Schluss)
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OTS0259 2003-07-03/20:26
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