"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Friede trügt: Jetzt hat Jörg Haider zwei offene Rechnungen" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 01.07.2003

Graz (OTS) - Die Sendung hieß "Offen gesagt", aber das offene
Wort zwischen Jörg Haider und Herbert Haupt Sonntagnacht wurde niedergelächelt. An den Verkrampfungen des Mienenspiels ließ sich jedoch ablesen, wie viel unterdrückte Emotion sich durch die Geschehnisse des Wochenendes aufgestaut haben musste. So erging es den beiden wie einem zerstrittenen Ehepaar, das unwillig eine gesellschaftliche Einladung annimmt und zur Maskerade, zum Tun-als-ob greift, um die Zerrüttetheit der Beziehung vor den Augen der Öffentlichkeit zu verschleiern aus Gründen der Konvention, aber auch aus Selbstschutz.

Und dann kommt eben dieses gequälte Kunstlächeln heraus oder die Unsicherheit, ob man dem an seiner Seite sitzenden Partner, wenn er spricht, ins Gesicht schauen soll oder geradeaus. Dieses "Offen gesagt" war keine politische Debatte, sondern ein Live-Seminar über Körpersprache. Die verriet den irreparablen Bruch einer Männerfreundschaft.

Um die politische Dimension dieses Risses zu ermessen, muss man in Erinnerung rufen, was da am Wochenende passiert ist. Zum ersten Mal hat es einer gewagt, über Jörg Haider intern abstimmen zu lassen. Und: Zum ersten Mal ist Haider in einer innerparteilichen Abstimmung unterlegen. So lückenhaft das Vorstandsgremium auch war: Diese Niederlage, von Haupt mit kühler Raffinesse vorbereitet, ist in ihrer Innenwirkung für Haider verheerend. Sie rüttelt an seinem Mythos und signalisiert, dass Haider, der für seine Mitstreiter stets der Inbegriff politischer Sinngebung war, nicht nur nach außen polarisiert, sondern erstmals auch nach innen. Diese Wunde, die ihm da sein getreuer Ekkehart zugefügt hat, wird noch lange schwären.

Weil Haider nicht zur Ruhe kommt, wird auch die FPÖ nicht zur Ruhe kommen. Sie lebt noch immer mit zwei Logiken, wie das Anton Pelinka trefflich diagnostiziert hat: mit der Logik einer Regierungspartei und mit der Logik der Opposition. Haider verkörpert den Widerspruch beider Logiken. Er führte die FPÖ in die Regierung, erträgt es aber nicht, dass sie dort verkümmert und opponiert sie wieder aus der Regierung hinaus.

Die ÖVP ist erzürnt, aber sie hat jegliches Empörungsrecht verwirkt. Nicht nur schätzte sie im Feber den inneren Zustand der FPÖ falsch ein, sie hat auch noch Jörg Haider mit einer verpfuschten Pensionsreform reanimiert. Das war politische Mund-zu-Mund-Beatmung und nun beklagt die ÖVP, dass der Wiederbelebte so putzmunter ist. Der hat jetzt gleich zwei offene Rechnungen: eine gegen den Kanzler und eine gegen den Vizekanzler. Viel Spaß! ****

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