- 18.06.2003, 11:46:48
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SPÖ-Pressedienst: Erklärung von "Ostrakismos" für Grasser
Ostrakismos kommt parlamentarischem Misstrauensvotum gleich
Wien (SK) Finanzminister Karl-Heinz Grasser bemühte in seiner
gestrigen Beantwortung der Dringlichen Anfrage auch die "Politeia"
von Aristoteles und warf dabei SPÖ-Vorsitzendem Alfred Gusenbauer
vor, dass dieser in Zusammenhang mit der Person Grasser ein
"Scherbengericht", Ostrakismos, veranstalte. Der SPÖ-Pressedienst
unternimmt heute, Mittwoch, den Versuch einer näheren Erklärung von
Ostrakismos, da diese dem Finanzminister offensichtlich nicht
wirklich geläufig ist. ****
Ostrakismos (vom griech. Wort für Scherbe = ostrakon) war im
5. Jahrhundert ein wichtiger Mechanismus zur Kontrolle von Macht. Das
Scherbengericht, das auf die Kleisthenischen Reformen von 508/507
zurückging, gab dem Volk die Möglichkeit, korrupte oder die Macht
missbrauchende Politiker abzusetzen und für zehn Jahre des Landes zu
verbannen. Einmal im Jahr wurde der athenischen Volksversammlung, an
der mindestens 6.000 Bürger teilnehmen mussten, die Frage vorgelegt,
ob ein Scherbengericht stattfinden sollte, durch das ein Politiker,
der eine Gefahr für den Bestand der Verfassung darstellte, verbannt
werden konnte. Der Name des zu Verbannenden wurde dabei auf eine
Tonscherbe geritzt. Vermögen, Ehre und Rechte behielt derjenige
jedoch. Die Wurzeln des Ostrakismos liegen in der Furcht vor der
Tyrannis.
Häufig waren es Männer, die durch "ihre Lebensführung oder
ihr überhebliches Auftreten" Anstoß in der Öffentlichkeit erregten.
Dem Politiker Megakles wurde z.B. seine Pferdezucht zum Verhängnis.
Die heutige Wissenschaft vergleicht den Ostrakismos mit einem
Gerichtsverfahren, Wahlverfahren oder Volksentscheid. "Da in der
heutigen Demokratie jedoch nicht mehr das gesamte Volk am
unmittelbaren Entscheidungsprozess beteiligt ist, sondern nur die
gewählten Vertreter, kann man den Ostrakismos auch, wenn man das
Parlament mit der Volksversammlung gleichsetzt, als parlamentarisches
Misstrauensvotum ansehen", zu diesem Ergebnis kommt das Institut für
"Praktische Alte Geschichte" der Universität Leipzig. (Schluss) cs
OTS0134 2003-06-18/11:46
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