SPÖ-Pressedienst: Erklärung von "Ostrakismos" für Grasser

Ostrakismos kommt parlamentarischem Misstrauensvotum gleich

Wien (SK) Finanzminister Karl-Heinz Grasser bemühte in seiner gestrigen Beantwortung der Dringlichen Anfrage auch die "Politeia" von Aristoteles und warf dabei SPÖ-Vorsitzendem Alfred Gusenbauer vor, dass dieser in Zusammenhang mit der Person Grasser ein "Scherbengericht", Ostrakismos, veranstalte. Der SPÖ-Pressedienst unternimmt heute, Mittwoch, den Versuch einer näheren Erklärung von Ostrakismos, da diese dem Finanzminister offensichtlich nicht wirklich geläufig ist. ****

Ostrakismos (vom griech. Wort für Scherbe = ostrakon) war im 5. Jahrhundert ein wichtiger Mechanismus zur Kontrolle von Macht. Das Scherbengericht, das auf die Kleisthenischen Reformen von 508/507 zurückging, gab dem Volk die Möglichkeit, korrupte oder die Macht missbrauchende Politiker abzusetzen und für zehn Jahre des Landes zu verbannen. Einmal im Jahr wurde der athenischen Volksversammlung, an der mindestens 6.000 Bürger teilnehmen mussten, die Frage vorgelegt, ob ein Scherbengericht stattfinden sollte, durch das ein Politiker, der eine Gefahr für den Bestand der Verfassung darstellte, verbannt werden konnte. Der Name des zu Verbannenden wurde dabei auf eine Tonscherbe geritzt. Vermögen, Ehre und Rechte behielt derjenige jedoch. Die Wurzeln des Ostrakismos liegen in der Furcht vor der Tyrannis.

Häufig waren es Männer, die durch "ihre Lebensführung oder ihr überhebliches Auftreten" Anstoß in der Öffentlichkeit erregten. Dem Politiker Megakles wurde z.B. seine Pferdezucht zum Verhängnis.

Die heutige Wissenschaft vergleicht den Ostrakismos mit einem Gerichtsverfahren, Wahlverfahren oder Volksentscheid. "Da in der heutigen Demokratie jedoch nicht mehr das gesamte Volk am unmittelbaren Entscheidungsprozess beteiligt ist, sondern nur die gewählten Vertreter, kann man den Ostrakismos auch, wenn man das Parlament mit der Volksversammlung gleichsetzt, als parlamentarisches Misstrauensvotum ansehen", zu diesem Ergebnis kommt das Institut für "Praktische Alte Geschichte" der Universität Leipzig. (Schluss) cs

Rückfragen & Kontakt:

Pressedienst der SPÖ
Tel.: 01/53427-275
http://www.spoe.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NSK0002