"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Vergessenes Sterben" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 16. Juni 2003

Innsbruck (OTS) - Wie das kurze Aufflackern einer Taschenlampe in dunk-ler Nacht verirren sich gelegentlich Meldungen aus Afrika nach Europa. EU-Soldaten sichern im Kongo die Stadt Bunia. Franzosen evakuieren westliche Ausländer aus Liberia. Zwischen beiden Schauplätzen liegen mehr als 4000 Kilometer, und doch gibt es eine tragische Verbindung -die vielfachen Wunden der Menschen und die Teilnahmslosigkeit der Welt.
Die Dimension des Bürgerkriegs im Kongo - drei Millionen Tote - lässt die Kriege in Afghanistan und im Irak als Scharmützel erscheinen. Den Überlebenden zerstören Gewalt, Willkür, Hunger, Krankheit, Flucht und Aussichtslosigkeit die Seelen. Unbehelligt frisst sich die Unmenschlichkeit durch einen Dschungel von der halben Größe Europas.

Westafrika droht ebenso ins Chaos abzugleiten. In immer mehr Ländern zerfällt die öffentliche Ordnung, die Menschen wissen nicht, ob sie Raubritter, ethnische Milizen oder korrupte Regierungstruppen mehr fürchten sollen. Kindersoldaten vernichten in Tagen, was in Jahren nicht aufgebaut werden kann.

Die Ursachen sind vielfältig. Skrupellosigkeit und Ausbeutung allerorten. Die ehemaligen Kolonialmächte, Weltkonzerne und die afrikanischen Eliten haben den Kontinent immer als Lieferant von Rohstoff und Reichtum, aber nie als Ort betrachtet, an dem Menschen leben und ein Recht auf eine Chance haben.

Die Führer der Welt, die am UNO-Millenniumsgipfel die Halbierung der Armut versprochen haben, und mit ihnen die Masse der Menschen in der ersten Welt hat sich daran gewöhnt, dass in Afrika eben gelitten und gestorben wird. Zu gefährlich, zu wenig erfolgversprechend, zu teuer, zu langwierig und historisch zu belastet wäre ein Eingreifen. Solange Afrikas Konflikte nicht unsere Sicherheit und unseren Wohlstand bedrohen, wird sich daran nichts ändern. Damit wird Afrika zum Sündenfall einer Weltpolitik, die die Moral am Banner vor sich herträgt

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