Oberösterreichische Nachrichten 4. Juni 2003 "Ein Streik mit Augenmaß" von Gerald Mandlbauer

Hätten nicht Fernsehen und Zeitungen so ausführlich berichtet, wäre der gestrige Streik an einer Mehrheit der nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesenen Bürger beinahe spurlos vorüber gegangen. Das befürchtete Chaos ist nämlich ausgeblieben. Keine Rede von lahm gelegten Zentren, von blockierten Innenstädten, Unternehmen. Die Gewerkschaften stützten sich bei ihren gestrigen Protesten abermals auf die Getreuesten ihrer Treuen, auf Postler, öffentlich Bedienstete, Mitarbeiter der großen Industriebetriebe, Eisenbahner. Auf sie ist Verlass. Auf jene Österreicher nicht, die nicht zu den Kerntruppen des ÖGB zählen, erst recht nicht nach der zweimaligen Nachbesserung des Pensionspaketes durch die Regierung.
Ist der gestrige Streiktag deswegen zu einem Reinfall für den ÖGB geworden? Keineswegs. Der Streik ist so ausgefallen, wie er geplant worden war, nämlich als Protest mit Augenmaß. Die gemäßigten Kräfte des ÖGB verzichteten darauf, ihre schärfste Munition zu laden. Sie haben sich gegen Scharfmacher wie Hans Sallmutter durchgesetzt.
Das alles soll die Schäden des gestrigen Streiktages, die in die vielen Millionen gehen, nicht verniedlichen. Dass kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Streik nichts zur Klärung der Pensionfragen beisteuern kann. Das ersetzt Unternehmern nicht den erlittenen Schaden.
Doch hätten Krawallmacher gestern die Oberhand behalten, wäre der gestrige Streiktag ganz anders verlaufen. Und Schüssel hätte sein Wunschszenario: Einen ÖGB, der zu drastischeren Mitteln greift, dabei auf zunehmendes Unverständnis der Bevölkerung trifft und eine Regierung, die trotz aller Proteste keinen Deut von ihrer Reform abrückt. Nicht alle im Gewerkschaftsbund haben diese Gefahr des Gesichtsverlusts für ihre Organisation auch erkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Oberösterreichische Nachrichten
Tel.: 0732/7805-440 od. 434

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON0001