Österreich und die Grüne Biotechnologie...

Life Science Circle wagt Gratwanderung zwischen Risiko und Chance

Wien (OTS) - Die grüne Biotechnologie - die Anwendung moderner biotechnischer Methoden im Bereich der Pflanzenwelt - stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion am Dienstag, den 13. Mai. Dr. Jan Leemans, Pionier der Agrobiotechnologie, die Nationalratsabgeordnete Dr. Eva Glawischnig und Dipl.-Ing. Monika Stangl - Expertin des Landwirtschaftsministeriums - diskutierten auf Einladung von Life Science Austria das aktuelle Thema. Der Life Science Circle - die Plattform für Wissenschaft, Industrie und Forschung - bot erneut den Rahmen für eine spannende Diskussion.

Österreich hat als Forschungsstandort für die rote - die medizinische - Biotechnologie im vergangenen Jahrzehnt international an Gewicht und Reputation gewonnen. Die Akzeptanz der modernen Methoden der Molekularbiologie im Bereich Medizin und Medizintechnik ist in dieser Zeit merklich gestiegen. Dennoch sind viele mitunter skeptisch betreffend neuerer Entwicklungen. Die ambivalente Einstellung von Herrn und Frau Österreicher zeigt auch eine jüngst veröffentlichte Studie des Wiener Instituts für Energie und Umwelt, in der sich 67 % der Befragten für eine kontrollierte Anwendung von Biotechnik aussprachen, während 81% sich als Gegner von biotechnisch erzeugten Lebensmitteln zu erkennen gaben. Der Widerspruch - so die Studienautoren - dürfte auch im mangelnden Informationsstand (80% fühlen sich nicht ausreichend informiert) begründet sein.

Grund genug für Life Science Austria und seine Leiterin Sonja Hammerschmid, das Thema in den Mittelpunkt einer spannenden Diskussion zu stellen: "Chancen und Risken liegen in der modernen Biotechnologie nahe beieinander - die Gratwanderung zwischen nutzbringender Anwendung und potenziell risikoreichem Einsatz kann nur unter Einbindung von Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft sowie unter intensiver Beteiligung der Bevölkerung erfolgen" gibt sich die promovierte Biologin überzeugt. Um das Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten und einen Diskussionsprozess zu initiieren, hat Life Science Austria namhafte Fachleute zum Gespräch gebeten. Im Rahmen des Life Science Circles diskutierten Dr. Jan Leemans, internationaler Experte und Pionier der Biotechnologie in der Landwirtschaft, Dr. Eva Glawischnig, grüne Abgeordnete zum Nationalrat und Dipl.-Ing. Monika Stangl vom Landwirtschaftsministerium die Möglichkeiten zum intelligenten Einsatz der Biotechnologie im Bereich der Landwirtschaft.

Wie wichtig es ist, dieses Thema auch in Österreich anzusprechen zeigt die internationale Entwicklung. Obwohl traditionell stark in der Bioverfahrenstechnik (ob im Gärungssektor oder in der Lebensmittelproduktion) läuft Österreich Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Gilt doch die Pflanzenbiotechnologie mittlerweile als Wachstumstreiber im Agrobusiness. Die "erste Welle" der Einführung der grünen Biotechnik in die Landwirtschaft unter dem Begriff "Agronomic-Traits" läuft bereits seit den achtziger Jahren. Ziel des Einsatzes moderner Techniken ist dabei die Verbesserung der Eigenschaften von Pflanzen, die dem Landwirt anbautechnische Vorteile bieten. Von Toleranz gegen Trockenheit bis zu Kälteunempfindlichkeit reicht die Bandbreite der wünschenswerten Eigenschaften. Dabei sind diese Eigenschaften nicht nur mit gentechnischen Methoden sondern genauso gut auch mit klassischen Zuchtmethoden der modernen Landwirtschaft erzielbar. Musterbeispiel hierfür ist das österreichische Unternehmen Maize Technologies International, das -auf dem Weg der klassischen Züchtung - bisher nicht für möglich gehaltene Verbesserungen von Mais erzielt.

Die zweite Welle der Forschung in der Agrobiotechnologie - die so genannten "Output-Traits" - beginnt bereits den langsamen Einstieg in den Markt. In diesem Bereich werden die Pflanzeneigenschaften qualitativ verbessert. Ob höherer Vitamingehalt oder geringere Allergenität - der Fantasie sind in Bezug auf den Wellnessfaktor unserer Lebensmittel keine Grenzen gesetzt. Gerade Österreich - als Vorreiter der naturnahen und biologischen Landwirtschaft sowie des Wellnessgedankens - hätte in diesem Sektor größte Chancen.

Die dritte Welle der Entwicklung - das so genannte "Molecular Pharming" - wird Expertenschätzungen zufolge 2015 den Markt erreichen. Hier sollen Pflanzen - im Sinne einer nachhaltigen Produktion unter Verringerung der chemischen (und mitunter umweltbelastenden) Methoden - neue Inhaltsstoffe, vor allem im Pharmabereich produzieren. Marktstudien gehen von einem Umsatzpotenzial von 100 bis 500 Mrd. EUR pro Jahr aus.

Eine wirtschaftliche Entwicklung, in der Österreich das Nachsehen haben könnte: Während eine vom deutschen Allensbach-Institut im Vorjahr veröffentlichte Studie einen Anstieg der Akzeptanz der Gentechnologie (Nutzen überwiegt Risiko) von 36 auf 42% in Deutschland ausweist, wird die Diskussion in Österreich eher verhalten geführt. Nach der deutschen Studie begrüßen 46% der Befragten im Nachbarland den Einsatz von modernen Methoden zur Immunisierung von Pflanzen gegen Schädlinge - insbesondere wenn der Einsatz von Agrochemikalien dadurch vermieden werden kann. Die CDU/CSU schlägt folgerichtig bereits eine Aufhebung des Neuzulassungs-Moratoriums vor, nachdem über 30.000 Feldversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen keine schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Natur zeigen konnten. Eine weitere im Auftrag der Europäischen Kommission erstellte Studie zur öffentlichen Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Biotechnologie in Europa beweist die differenzierte Wahrnehmung der Problemkreise in der Bevölkerung. Insbesondere Fragen nach Nutzen und Vorteilen moderner Technologie ebenso wie nach Risken von deren Einsatz beschäftigen die Menschen in Europa - Information statt Polemik ist gefragt.

Sonja Hammerschmid, Leiterin von Life Science Austria, möchte daher mit dem Life Science Circle ein Signal für offenere und inhaltliche Diskussion und Information setzen: "Mit unserer Podiumsdiskussion wollen wir einen Prozess in Gang setzen, an dessen Ende eine fundierte und rational sowie ethisch gefestigte Entscheidung über den Grad des Einsatzes der Biotechnologie in der Lebensmittelproduktion und der Landwirtschaft steht. Nur auf Basis von Wissen und Diskussion kann eine vernünftige Entscheidung fallen" mahnt die Gastgeberin der Diskussion und hofft mit der Initiative Wissenschafter/-innen, Wirtschaft und Industrie sowohl für die Risken als auch für die großen Chancen, die die Agrobiotechnologie für Österreich bringen kann, zu sensibilisieren.

Österreich hat die einmalige Chance, an der Spitze neuer Entwicklungen voranzuschreiten, während es gleichzeitig seine traditionellen und naturverbundenen Werte bewahrt. Die Diskussion über die Zukunft der grünen Biotechnologie sollte hierzu der erste Schritt sein.

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