- 15.05.2003, 08:20:18
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Österreich und die Grüne Biotechnologie...
Life Science Circle wagt Gratwanderung zwischen Risiko und Chance
Wien (OTS) - Die grüne Biotechnologie - die Anwendung moderner
biotechnischer Methoden im Bereich der Pflanzenwelt - stand im
Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion am Dienstag, den 13. Mai. Dr. Jan
Leemans, Pionier der Agrobiotechnologie, die Nationalratsabgeordnete
Dr. Eva Glawischnig und Dipl.-Ing. Monika Stangl - Expertin des
Landwirtschaftsministeriums - diskutierten auf Einladung von Life
Science Austria das aktuelle Thema. Der Life Science Circle - die
Plattform für Wissenschaft, Industrie und Forschung - bot erneut den
Rahmen für eine spannende Diskussion.
Österreich hat als Forschungsstandort für die rote - die
medizinische - Biotechnologie im vergangenen Jahrzehnt international
an Gewicht und Reputation gewonnen. Die Akzeptanz der modernen
Methoden der Molekularbiologie im Bereich Medizin und Medizintechnik
ist in dieser Zeit merklich gestiegen. Dennoch sind viele mitunter
skeptisch betreffend neuerer Entwicklungen. Die ambivalente
Einstellung von Herrn und Frau Österreicher zeigt auch eine jüngst
veröffentlichte Studie des Wiener Instituts für Energie und Umwelt,
in der sich 67 % der Befragten für eine kontrollierte Anwendung von
Biotechnik aussprachen, während 81% sich als Gegner von biotechnisch
erzeugten Lebensmitteln zu erkennen gaben. Der Widerspruch - so die
Studienautoren - dürfte auch im mangelnden Informationsstand (80%
fühlen sich nicht ausreichend informiert) begründet sein.
Grund genug für Life Science Austria und seine Leiterin Sonja
Hammerschmid, das Thema in den Mittelpunkt einer spannenden
Diskussion zu stellen: "Chancen und Risken liegen in der modernen
Biotechnologie nahe beieinander - die Gratwanderung zwischen
nutzbringender Anwendung und potenziell risikoreichem Einsatz kann
nur unter Einbindung von Experten und Expertinnen aus Wissenschaft,
Industrie und Wirtschaft sowie unter intensiver Beteiligung der
Bevölkerung erfolgen" gibt sich die promovierte Biologin überzeugt.
Um das Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten und einen
Diskussionsprozess zu initiieren, hat Life Science Austria namhafte
Fachleute zum Gespräch gebeten. Im Rahmen des Life Science Circles
diskutierten Dr. Jan Leemans, internationaler Experte und Pionier der
Biotechnologie in der Landwirtschaft, Dr. Eva Glawischnig, grüne
Abgeordnete zum Nationalrat und Dipl.-Ing. Monika Stangl vom
Landwirtschaftsministerium die Möglichkeiten zum intelligenten
Einsatz der Biotechnologie im Bereich der Landwirtschaft.
Wie wichtig es ist, dieses Thema auch in Österreich anzusprechen
zeigt die internationale Entwicklung. Obwohl traditionell stark in
der Bioverfahrenstechnik (ob im Gärungssektor oder in der
Lebensmittelproduktion) läuft Österreich Gefahr, den Anschluss zu
verlieren. Gilt doch die Pflanzenbiotechnologie mittlerweile als
Wachstumstreiber im Agrobusiness. Die "erste Welle" der Einführung
der grünen Biotechnik in die Landwirtschaft unter dem Begriff
"Agronomic-Traits" läuft bereits seit den achtziger Jahren. Ziel des
Einsatzes moderner Techniken ist dabei die Verbesserung der
Eigenschaften von Pflanzen, die dem Landwirt anbautechnische Vorteile
bieten. Von Toleranz gegen Trockenheit bis zu Kälteunempfindlichkeit
reicht die Bandbreite der wünschenswerten Eigenschaften. Dabei sind
diese Eigenschaften nicht nur mit gentechnischen Methoden sondern
genauso gut auch mit klassischen Zuchtmethoden der modernen
Landwirtschaft erzielbar. Musterbeispiel hierfür ist das
österreichische Unternehmen Maize Technologies International, das -
auf dem Weg der klassischen Züchtung - bisher nicht für möglich
gehaltene Verbesserungen von Mais erzielt.
Die zweite Welle der Forschung in der Agrobiotechnologie - die so
genannten "Output-Traits" - beginnt bereits den langsamen Einstieg in
den Markt. In diesem Bereich werden die Pflanzeneigenschaften
qualitativ verbessert. Ob höherer Vitamingehalt oder geringere
Allergenität - der Fantasie sind in Bezug auf den Wellnessfaktor
unserer Lebensmittel keine Grenzen gesetzt. Gerade Österreich - als
Vorreiter der naturnahen und biologischen Landwirtschaft sowie des
Wellnessgedankens - hätte in diesem Sektor größte Chancen.
Die dritte Welle der Entwicklung - das so genannte "Molecular
Pharming" - wird Expertenschätzungen zufolge 2015 den Markt
erreichen. Hier sollen Pflanzen - im Sinne einer nachhaltigen
Produktion unter Verringerung der chemischen (und mitunter
umweltbelastenden) Methoden - neue Inhaltsstoffe, vor allem im
Pharmabereich produzieren. Marktstudien gehen von einem
Umsatzpotenzial von 100 bis 500 Mrd. EUR pro Jahr aus.
Eine wirtschaftliche Entwicklung, in der Österreich das Nachsehen
haben könnte: Während eine vom deutschen Allensbach-Institut im
Vorjahr veröffentlichte Studie einen Anstieg der Akzeptanz der
Gentechnologie (Nutzen überwiegt Risiko) von 36 auf 42% in
Deutschland ausweist, wird die Diskussion in Österreich eher
verhalten geführt. Nach der deutschen Studie begrüßen 46% der
Befragten im Nachbarland den Einsatz von modernen Methoden zur
Immunisierung von Pflanzen gegen Schädlinge - insbesondere wenn der
Einsatz von Agrochemikalien dadurch vermieden werden kann. Die
CDU/CSU schlägt folgerichtig bereits eine Aufhebung des
Neuzulassungs-Moratoriums vor, nachdem über 30.000 Feldversuche mit
gentechnisch veränderten Pflanzen keine schädlichen Auswirkungen auf
Mensch und Natur zeigen konnten. Eine weitere im Auftrag der
Europäischen Kommission erstellte Studie zur öffentlichen Wahrnehmung
der landwirtschaftlichen Biotechnologie in Europa beweist die
differenzierte Wahrnehmung der Problemkreise in der Bevölkerung.
Insbesondere Fragen nach Nutzen und Vorteilen moderner Technologie
ebenso wie nach Risken von deren Einsatz beschäftigen die Menschen in
Europa - Information statt Polemik ist gefragt.
Sonja Hammerschmid, Leiterin von Life Science Austria, möchte
daher mit dem Life Science Circle ein Signal für offenere und
inhaltliche Diskussion und Information setzen: "Mit unserer
Podiumsdiskussion wollen wir einen Prozess in Gang setzen, an dessen
Ende eine fundierte und rational sowie ethisch gefestigte
Entscheidung über den Grad des Einsatzes der Biotechnologie in der
Lebensmittelproduktion und der Landwirtschaft steht. Nur auf Basis
von Wissen und Diskussion kann eine vernünftige Entscheidung fallen"
mahnt die Gastgeberin der Diskussion und hofft mit der Initiative
Wissenschafter/-innen, Wirtschaft und Industrie sowohl für die Risken
als auch für die großen Chancen, die die Agrobiotechnologie für
Österreich bringen kann, zu sensibilisieren.
Österreich hat die einmalige Chance, an der Spitze neuer
Entwicklungen voranzuschreiten, während es gleichzeitig seine
traditionellen und naturverbundenen Werte bewahrt. Die Diskussion
über die Zukunft der grünen Biotechnologie sollte hierzu der erste
Schritt sein.
OTS0013 2003-05-15/08:20
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