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"Presse"-Kommentar: Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht (von Thomas Vieregge)
Ausgabe vom 12. Mai 2003
Wien (OTS) - Kräht heute noch ein Hahn nach Afghanistan? Seit die
US-Armee vor eineinhalb Jahren die Gotteskrieger aus Kabul gescheucht
hat, ist das Land am Hindukusch klammheimlich vom internationalen
Radar verschwunden, ohne dass die Weltöffentlichkeit aufgeheult
hätte: Der Waffengang gegen den Irak zog alles Augenmerk auf sich.
Nicht, dass deswegen auf einmal Friede und Stabilität eingekehrt
wären, unter der Oberfläche gärt es - Überfälle von Desperados,
Anschläge versprengter al-Qaida-Kämpfer, selbstherrliche Warlords und
die politische Dominanz der paschtunischen Minderheit bedrohen das
fragile Gefüge. Und ganz nebenher hat der Opium-Anbau eine Hausse
erreicht. Die USA haben sich aus der Verantwortung gestohlen. Ein
Omen für den Irak?
Es ist dieses Szenario, das den Skeptikern des großmächtigen
Masterplans Washingtons für den Nahen Osten, wie er sich jetzt vage
herauskristallisiert, Angst und Schrecken einjagt. Was, wenn die USA
angesichts der womöglich massiven Widerstände von heute auf morgen
ihr Interesse an einer Demokratisierung der Region verlieren, was,
wenn sich Präsident George W. Bush im Herbst seiner Wiederwahl
zuwendet - und damit innen-wie wirtschaftspolitischen Themen?
Visionen allein reichen nicht aus, und an Beharrlichkeit und
diplomatischer Finesse hat es die Bush-Regierung bisher missen
lassen. Der Nahe Osten ist zudem das heikelste Laboratorium der
Diplomatie, mithin ein politisches Minenfeld. Und nebenbei: Erinnert
sich heute noch jemand an die neue Weltordnung, die Bush senior anno
1990 so eifrig propagiert hatte?
Der Sturz Saddam Husseins, unter welch fadenscheinigen Gründen er
auch herbeigeführt worden sein mag, sei die Initialzündung für eine
komplette Neuordnung der arabischen Welt, führen Weltverbesserer vom
Schlage eines Tony Blair ins Treffen. Tatsächlich hat der Irak-Krieg
und die vorläufige Ausschaltung des Palästinenser-Präsidenten Jassir
Arafat eine fulminante Chance eröffnet. Wann, wenn nicht jetzt,
bietet sich eine solche Gelegenheit dar: Die arabischen Länder, teils
eingeschüchtert durch martialische US-Drohungen, sind wie
paralysiert; Bush hat mit dem Friedens-Fahrplan und der Ankündigung
einer Freihandelszone hohe Erwartungen ausgelöst; und Israel muss
eine Gegenleistung erbringen.
Allerdings werden die Anstrengungen durch gezielte Provokationen
der Pentagon-Falken konterkariert. Zuletzt hat
Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz dem störrischen Verbündeten
Türkei die Leviten gelesen - ein Triumph des Revanchismus und nicht
gerade eine Visitenkarte für lautere demokratische Absichten. Der
hinter den Kulissen wogende Interessenskonflikt zwischen dem Außen-
und dem Verteidigungsministerium tobt also munter weiter.
Wenn sich Colin Powell nun - endlich - verstärkt im
Nahost-Konflikt engagiert, signalisiert er zumindest erstmals die
Entschlossenheit der Bush-Regierung, das Problem ernsthaft
anzupacken. Nur darf er im Bemühen nicht nachlassen, Israelis wie
Palästinenser auf den Friedenskurs zu verpflichten, und er wird nicht
umhinkommen, aus einer Position der Stärke Druck auszuüben - auch auf
Israels Premier Ariel Scharon. Dann könnte Powell reiche Ernte
einfahren. Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht.
OTS0060 2003-05-11/17:32
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