Wiener Umweltanwaltschaft zum Störfall im Kernkraftwerk Paks

Wien (OTS) - Die Wiener Umweltanwaltschaft recherchiert in ihrer Funktion als Beauftragte des Landes Wien für nukleare Sicherheit laufend zum Unfall im Kernkraftwerk (KKW) Paks. Dieser Störfall zeigt neuerlich, dass die Gewinnung von Kernenergie eine Risikotechnologie ist, bei der es immer zu unvorhergesehenen Ereignissen kommen kann. Massive ökologische und gesundheitliche Schäden für große Gebiete können dabei nicht ausgeschlossen werden. Erstaunlich ist, dass Ungarn trotz des bestehenden bilateralen Nuklearinformationsabkommens die österreichischen Behörden offensichtlich unzureichend informiert hat.

Chronologie des Unfalls

Am 10. April 2003 sind bei der Reinigung von Brennelementen radioaktive Gase entwichen. Man schloss daher auf die mechanische Beschädigung der Hülle von mindestens einem Brennelement. Entsprechend der International Nuclear Event Scale (INES) wurde das Ereignis auf Stufe 2 als Störfall gestuft. Die radioaktiven Stoffe wurden zum Teil durch die Filteranlagen zurückgehalten, konnten aber über den Abluftschornstein auch in die Umwelt gelangen. An den Messstellen im Umkreis des KKWs wurden keine erhöhten Werte ermittelt. Besondere Maßnahmen etwa zur Evakuierung der Bevölkerung waren nicht notwendig. Mit einem automatischen SMS-Warnsystem wurden aber die zuständigen Stellen der Gemeinden im Umkreis von 30 km informiert.

Am 11. und 12. April wurde begonnen das Reinigungssystem zu öffnen und zu demontieren, um der Unfallursache nachzugehen. Am 16. April konnte das Reinigungssystem erstmals geöffnet werden - eine Spezialkamera wurde eingebracht. Es stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der 30 Brennelemente durch mangelnde Kühlung überhitzt und stark beschädigt bzw. angeschmolzen waren. Die Bewertung wurde von INES 2 auf INES 3 (ernster Störfall) angehoben.

In der Folge wurde ein Folienzelt über dem Abklingbecken errichtet, um austretende radioaktive Gase getrennt vom Rest der Reaktorhalle zu behandeln und zu filtern. Innerhalb dieses Zeltes muss nun eine schrittweise Bergung der zerstörten Elemente erfolgen.

Kommunikation im Notfall

"Der Störfall in Paks zeigt klar", meint Wiens Umweltanwältin Dr. Andrea Schnattinger, "dass im Notfall andere Gesetzmäßigkeiten gelten als beim routinemäßigen Informationsaustausch. Während die Kommunikation in Zeiten des unfallfreien Normalbetriebs zwar wichtig ist, aber keine Herausforderung darstellt, muss jetzt über praktikable Modelle nachgedacht werden, um gerade die Ausnahmesituationen zu beherrschen. Denn gerade solche Situationen motivieren den Informationsfluss überhaupt erst. Hier sind nicht nur Beamte, sondern die Regierungsmitglieder gefragt, tätig zu werden. Die Abkommenstexte mit allen Nachbarstaaten mit Kernkraftwerken müssen sicherstellen, dass Österreich auch über Vorkommnisse, die nur mit einem sehr geringen Risiko eine Auswirkung auf Österreich haben könnten, sofort und im selben Umfang informiert wird, wie die zuständige Nuklearbehörde. Auch die Wiener Umweltanwaltschaft wird sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür einsetzen", bekräftigt die Umweltanwältin.

Erneute Kettenreaktion unwahrscheinlich

Im konkreten Fall von Paks schätzt die Wiener Umweltanwaltschaft, nach Konsultation von Sicherheitsexperten, die Gefahr einer Rekritikalität (Kettenreaktion im möglicherweise auf einen Haufen abgesunkenen Kernbrennstoff) allerdings eher gering ein. Nach Einschätzung von Experten des Institutes für Risikoforschung ist eine erneute Kernspaltung nicht sehr wahrscheinlich. Der verbrauchte Brennstoff enthält weniger leichtspaltbares Uran und im Abklingbecken wird Borsäure als Neutronenfänger verwendet.

"Solange Ungarn keine Informationen zum Brennstoffzustand und über die geplanten Beseitigungsmaßnahmen weitergibt, kann ein Restrisiko nicht ausgeschlossen werden. Eine rasche und vollständige Information zu den Vorgängen ist daher für die österreichischen Stellen notwendig", betont DI Marion Jaros, Wiener Umweltanwaltschaft.

Die Wiener Umweltanwaltschaft erwartet eine offizielle Kritik der österreichischen Regierung an der mangelhaften Einhaltung der Informationspflicht Ungarns, die im bilateralen Abkommen zwischen Ungarn und Österreich vereinbart ist. (Schluss) ru

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