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"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Die wahren Fronten" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 29. März 2003

Innsbruck (OTS) - Jeder Krieg ist nur bis zum ersten Schuss
planbar. Ab dann läuft alles anders als erwartet, bedacht, erhofft oder befürchtet. Das gilt auch für die politische Führung der USA und ihren Feldzug gegen Iraks Diktator Saddam Hussein in Form eines Krieges gegen das Land. Man braucht dabei weder antiamerikanisch eingestellt oder zynisch veranlagt zu sein, um sich über die militärischen und politischen Fehleinschätzungen seitens der USA zu entsetzen. Die Fronten in diesem Krieg verlaufen jedenfalls anders als es jene erwarteten, die diesen Krieg begannen.
Präsident Bush und seine Berater haben offenbar Warnungen der Militärs ignoriert, sich über Bedenken hinweggesetzt. Weder Wind noch Wetter, weder Kampfbereitschaft und Taktik der Irakis wurden seitens der Bush-Administration richtig eingeschätzt. Saddam Hussein wird auch in seinem Land und von einigen Führern der Region entschieden abgelehnt. Aber ihn zu beseitigen, überlassen alle den USA. Die stecken ohne die erwarteten aufständischen oder überlaufenden Verbündeten im Sand vor Bagdad.
So haben sich Bush & Co. nicht nur über die Strategie der irakischen Führung und die politische Stimmung in der Golf-Region getäuscht sondern auch über jene auf den Straßen und in den Hauptstädten dieser Welt.
Auf den Straße dominieren Bilder von Demonstrationen, deren Teilnehmer sich gegen die USA und gegen diesen Krieg aussprechen. In den Hauptstädten beraten Minister und Diplomaten Initiativen für einen Frieden, Hilfe für die Opfer vor Ort und Planungen für einen Wiederaufbau des Irak, den sie nicht den USA alleine überlassen wollen. Die geistlichen Führer aller Bekenntnisse halten sich außerordentlich zurück, sagen klar, dass dies kein Krieg der Religionen ist.
Damit sind die USA vorerst verdammt alleine in einer kriegerischen und politisch äußerst problematischen Situation, in welche sie ihre politische Führung gebracht hat. Diese hat jeden Frontverlauf falsch eingeschätzt.
Mit Bangen blickt die Welt auf den Irak. Und hofft, dass nicht neuerlich ein Krieg erst durch Ausbluten beendet werden kann, weil die Politik nur bis zum ersten Schuss zu planen in der Lage war. Der Preis dafür ist inakzeptabel hoch.

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