Schadenfreude allein ist zu wenig

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Angelika Kramer

Wien (OTS) - Manager vor Gericht – an dieses Bild hat man sich in Deutschland fast schon gewöhnt. Die Liste der jüngst angeklagten Vorstände wird von Tag zu Tag länger: Die Brüder Haffa von EM.TV, Ex-Mannesmann-Boss Klaus Essser mitsamt seinem Aufsichtsratskollegen und MLP-Chef Bernd Termühlen – sie alle haben Bekanntschaft mit der Staatsanwaltschaft gemacht.

In Österreich hat die Öffentlichkeit derlei Prozesse noch nicht allzu oft gesehen. Wenn Firmenbosse tatsächlich einmal vor Gericht antreten mussten, dann lag deren Schuld zumeist auf der Hand – die Geschäfte waren zwielichtig und äusserst fragwürdig. Stichwort: WEB oder Beldomo.

Doch auch hier zu Lande nimmt die Zahl der Fälle, in denen Firmenprominenz vor den Kadi zitiert wird, langsam zu. Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind: Y-Line-Boss Werner Böhm, Libro-Chef André Rettberg und diese Woche 13 Banker wegen Verdachts auf Kartellabsprachen.
Geschädigte Anleger oder Kreditnehmer werden bei solchen Nachrichten mit einer gewissen Schadenfreude sagen: "Geschieht ihnen recht." Wahrscheinlich stimmt das auch. Wer Dreck am Stecken hat, soll dafür auch bestraft werden.

Aber ist es damit schon getan? Was hat ein Kreditnehmer, der jahrelang zu viel Zinsen bezahlt hat, davon, dass der Chef einer Grossbank verurteilt und somit als Vorbestrafter nach Hause geschickt wird? Was hat ein Libro-Aktionär, dessen Aktien in wenigen Tagen praktisch nichts mehr wert waren, davon, dass Herr Rettberg womöglich ins Gefängnis wandern muss? Ausser Schadenfreude nicht viel.

Denn – ohne den Bankenchefs Böses unterstellen zu wollen – die Banken werden einen Weg finden, sich das Geld von
den Kreditnehmern über Gebührenerhöhungen oder durch ähnliche Schmankerl wieder zurückzuholen.

Deshalb sollte sich der Gesetzgeber überlegen, ob man Konsumenten und Anlegern den Weg zum Schadenersatz nicht erleichtern könnte. Denn die Hürden sind gross: Die Tatbestände, um die es geht, sind schwammig gefasst.
Ausserdem könnte man über eine Verschiebung der Beweislast nachdenken – für einen kleinen Kreditnehmer ist das Sammeln von Beweisen ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn Beweise praktisch auf dem Tisch liegen – wie beim Lombard-Club -, bekommen Konsumenten nicht einmal Akteneinsicht.

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