Stellungnahme des Kunstsenats zur Frage des RSO

Wien (OTS) - Als ein wesentliches Gremium schöpferischer Künstler beobachtet der Kunstsenat seit geraumer Zeit besorgt und beunruhigt die Entwicklungen um die Existenz des Radio-Symphonieorchesters Wien. Dieser nach internationalen Maßstäben hochqualifizierte Klangkörper ist in den vergangenen Jahrzehnten zum einzigen Interpreten geworden, der im österreichischen Musikleben kontinuierlich Orchesterwerke österreichischer und ausländischer Komponisten des zwanzigsten und unseres Jahrhunderts präsentiert; er stellt somit einen unverzichtbaren Bestandteil unseres Kulturlebens dar.

Während sich in allen Ländern Europas (mit Ausnahme Portugals) die Rundfunkanstalten mit ihren Orchestern identifizieren und z.B. in Holland vier, in Deutschland sogar zwölf von ihnen unterhalten, besteht im Musikland Österreich zwar derzeit Einvernehmen darüber, daß es unverantwortbar wäre, das RSO aufzulösen, aber es wird darüber nachgedacht, es auszugliedern bzw. aus Kostengründen auf eine andere Basis zu stellen. Dies ist im Sinne eines kulturpolitischen Verständnisses bedauerlich, würde aber akzeptabel, wenn eine Bestandsgarantie gewährleistet wäre, die folgende Punkte berücksichtigt:

1.) Dem RSO müßten für die Zukunft die notwendigen Mittel garantiert werden, um den Betrieb eines vollständig besetzten Symphonieorchesters aufrecht zu erhalten, der es ihm weiter ermöglicht, zeitgenössische und andere auf dem Markt nicht genügend repräsentierte Musik kontinuierlich darzubieten.

2.) Die diesbezügliche Sicherheit muß gewährleisten, daß hochqualifizierte Musiker nicht aus dem Orchester abwandern bzw. daß die besten jungen Leute weiterhin zu Probespielen erscheinen und in dieser Formation arbeiten wollen. Die Klangkultur eines Orchesters hängt wesentlich von einem fruchtbaren Zusammenwirken der Generationen ab.

3.) Die Begrenzung einer Existenzgrundlage auf lange Zeit darf es nicht notwendig machen, daß das Orchester sich mit populären Veranstaltungen verkaufen und erhalten muß und seinen eigentlichen Aufgaben, der Pflege von moderner und wenig gespielter Musik, nicht mehr oder nur ungenügend nachkommen kann.

Gefahren der angedeuteten Art sind nicht immer ab ovo leicht zu durchschauen, sind aber sehr ernst zu nehmen. Ein verdeckter Kulturabbau ist ebenso gefährlich wie ein offener, ja manchmal sogar gefährlicher.

Der Kunstsenat fordert die Leitung des ORF daher im Interesse des österreichischen Kulturlebens auf, in der Sache des RSO mit höchstem Verantwortungsbewußtsein und mit höchster Wachsamkeit vorzugehen.

Für den Österreichischen Kunstsenat:

Hans Hollein, Präsident
Christian Ludwig Attersee, Vizepräsident
Gerhard Rühm, Vizepräsident
Wolfgang Bauer
Günter Brus
Friedrich Cerha
Maria Lassnig
Friederike Mayröcker
Gustav Peichl
Walter Pichler
Oswald Wiener

Rückfragen & Kontakt:

ÖSTERREICHISCHER KUNSTSENAT
DER PRÄSIDENT
ARCHITEKT HANS HOLLEIN,
TEL: 505 51 96, FAX: 505 88 94

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