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Neue "KÄRNTNER TAGESZEITUNG" - Kommentar: Kommunist als Heiliger? (von Manfred Posch)
Ausgabe vom 28. Jan. 2003
Klagenfurt (OTS) - Doris Bures, Geschäftsführerin der Bundes-SP,
interpretiert den auffälligsten Aspekt der Grazer Gemeinderatswahl
als "eindeutig lokale Besonderheit". Damit liegt sie richtig. Besagte
Besonderheit hat allerdings kein Parteisekretariat zustande gebracht,
kein Werbeguru, sondern ein "exotischer" Kandidat: Ernst Kaltenegger,
dem Kommunisten, ist das Kunststück gelungen, in der Kulturhauptstadt
Hammer und Sichel auf unglaubliche 21 Prozent zu katapultieren.
Das Ergebnis des Grazer Klassenkampfes liegt praktisch isoliert
von Ideologien vor. Bei dem Stadtrat handelt es sich um keinen
fanatischen Befürworter der Philosophie Marxs oder der Weisheiten
Lenins, und seine Sympathien für all die Massenmörder, an denen der
Kommunismus nie Mangel gehabt hat, dürfte sich ebenfalls in engsten
Grenzen halten. Vielmehr konzentriert sich Kaltenegger auf die
innigsten Probleme der Leute (diesmal war es die Wohnungsnot). Er
kommuniziert mit seinen Anhängern nicht via Pressekonferenz und
Agenturen, sondern direkt. Bekannt ist auch, dass der Mur-Stadtrat
für Wohnungssuche sogar die eigene Brieftache offen hält. Ein
Heiliger? Jedenfalls eine politische Ausnahmeerscheinung...
Verblüffung und Aufregung sind groß. Fassungslosigkeit umklammert
einen Jörg Haider. Was einst seine Domäne war, rankt sich nun um den
Herrn Kaltenegger: Vertreter von Fernseh- und Rundfunkstationen aus
dem In- und Ausland stürmen das Büro des Kommunisten.
Und der schwarze steirische Landesrat Hirschmann hat gewiss Recht,
wenn er meint, der Wähler habe alles andere als eine "Generalanzeige
für Wladiwostok-Süd" abgegeben. Die Grazer Wähler wandelten
keineswegs auf dem "leuchtenden Pfad" eines absurden Außenseiters.
Aber sie gaben einem von des Apparates Blässe nicht angekränkelten
Mann die Stimme...
Für Kaltenegger ins Gewicht fielen nicht zuletzt Tausende
enttäuschter Freiheitlicher. Die FP ist in Graz ins Zwergenreich der
Miniparteien abgestürzt. Einen herben Verlust muss die SP hinnehmen,
während die ÖVP wieder einmal einen Riesenschritt nach vorne machte.
Die Kärntner Landtagswahlen rücken näher. Wie perplex (oder
himmelhoch erfreut) werden diverse Kandidaten am Abend des 9. März
hierzulande sein? Ein Faktum gilt jetzt schon als unverrückbar - die
Unberechenbarkeit von Wahlen.
Rückfragehinweis:
Kärntner Tageszeitung
Chefredaktion
Tel.: 0463/5866-502
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