• 26.01.2003, 21:59:16
  • /
  • OTS0050 OTW0050

"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Die Ernte des Don Ernesto" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 27. 1. 2003

Graz (OTS) - Nun ist Graz nicht nur die Kulturhauptstadt Europas,
sondern auch die Kommunistenstadt des Kontinents. Eine Partei, die
längst auf dem Friedhof der Geschichte begraben ist, feierte bei den
Gemeinderatswahlen in der zweitgrößten Stadt Österreichs eine
Wiederauferstehung: Sie wurde zehnmal so stark, wie sie sonst mit
den aussichtslosen Kandidaturen bei Nationalratswahlen ist.

Der Erfolg hat einen Namen: Ernest Kaltenegger. Der sensationelle
Wahlsieg hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern ist auf die Person
zurückzuführen. Das einzige kommunistische Regierungsmitglied ist
ein attraktiver Exot in der austauschbar gewordenen politischen
Klasse.

Kaltenegger konzentrierte sich in den fünf Jahren, in denen er dem
Stadtsenat angehörte, nur auf ein einziges Thema. Dass er mit der
Wohnungsnot mehr Botschaften transportierte als das belächelte
Plakat, wonach jede Gemeindewohnung ein Bad haben sollte, begriff
die Konkurrenz nicht.

Der "Kumerl", der kein revolutionärer Che Guevara, sondern ein
sanfter Don Ernesto ist, zog die von der Haider-Partei enttäuschten
Protestwähler an, sofern sie überhaupt zur Wahl gingen. Für andere
Grazer, viele bürgerlich und auch politisch interessiert, war er die
skurrile Alternative zum aufgeblasenen Establishment.

Wie jede Erfolgsstory hat auch Kalteneggers Karriere ihre
Vorgeschichte. Bei den Gemeinderatswahlen 1998 zog die KPÖ in den
Stadtrat ein. Damals blutete fast ausschließlich die SPÖ, doch
ignorierte die den Bürgermeister und auch den Bundeskanzler
stellende Sozialdemokratie die Zeichen an der Wand. Kaltenegger
machte der SPÖ die soziale Kompetenz streitig.

Am persönlichen Ethos des abgetretenen Bürgermeisters Alfred Stingl
gibt es keinen Zweifel, jedoch an der politischen Strategie. Stingl
blieb 1998 trotz des enttäuschenden Wahlergebnisses im Amt, gab aber
die Parteiführung ab. Die traditionelle Identität von Rathaus,
Bürgermeister und SPÖ zerfiel, mit Stingls Einsatz für Flüchtlinge
und Bettler konnte der Funktionärsapparat wenig anfangen. Dort
beschäftigte man sich mit den Diadochenkämpfen um Stingls Nachfolge.
Sie entschied zwar der in der roten Wolle gefärbte Walter Ferk für
sich, doch passte der schwarze Siegfried Nagl viel besser in das
Bild, das den Grazern vom Langzeitbürgermeister Stingl vertraut war.

Nagl geht auch mit den besten Karten in den Poker um den
Bürgermeister. Die ÖVP stürmte von Platz 3 auf Rang 1 vor, doch fiel
der Wahlsieg nicht so imposant aus, wie Nagl nach dem Triumph
Wolfgang Schüssels erhoffen durfte. Die auf einen Tiefpunkt
gesunkene Wahlbeteiligung zeigt, dass die Mobilisierung nicht
gelungen ist.

Ferk versucht seinen Kopf zu retten, indem er als Verlierer den
Führungsanspruch stellt. Abgesehen davon, dass die SPÖ immer darauf
pochte, dass die stimmenstärkste Partei den Bürgermeister stellen
soll, wird sich die KPÖ nicht in Ferks "Mehrheit links der Mitte"
einspannen lassen.

Der Rest ist Schweigen. Die Grünen bleiben bedeutungslos; die
Blauen, die mit Alexander Götz einst sogar den Bürgermeister
stellten, haben sich selbst vernichtet. ****

Rückfragehinweis: Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
mailto:[email protected]
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel