"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Die Ernte des Don Ernesto" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 27. 1. 2003

Graz (OTS) - Nun ist Graz nicht nur die Kulturhauptstadt Europas, sondern auch die Kommunistenstadt des Kontinents. Eine Partei, die längst auf dem Friedhof der Geschichte begraben ist, feierte bei den Gemeinderatswahlen in der zweitgrößten Stadt Österreichs eine Wiederauferstehung: Sie wurde zehnmal so stark, wie sie sonst mit den aussichtslosen Kandidaturen bei Nationalratswahlen ist.

Der Erfolg hat einen Namen: Ernest Kaltenegger. Der sensationelle Wahlsieg hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern ist auf die Person zurückzuführen. Das einzige kommunistische Regierungsmitglied ist ein attraktiver Exot in der austauschbar gewordenen politischen Klasse.

Kaltenegger konzentrierte sich in den fünf Jahren, in denen er dem Stadtsenat angehörte, nur auf ein einziges Thema. Dass er mit der Wohnungsnot mehr Botschaften transportierte als das belächelte Plakat, wonach jede Gemeindewohnung ein Bad haben sollte, begriff die Konkurrenz nicht.

Der "Kumerl", der kein revolutionärer Che Guevara, sondern ein sanfter Don Ernesto ist, zog die von der Haider-Partei enttäuschten Protestwähler an, sofern sie überhaupt zur Wahl gingen. Für andere Grazer, viele bürgerlich und auch politisch interessiert, war er die skurrile Alternative zum aufgeblasenen Establishment.

Wie jede Erfolgsstory hat auch Kalteneggers Karriere ihre Vorgeschichte. Bei den Gemeinderatswahlen 1998 zog die KPÖ in den Stadtrat ein. Damals blutete fast ausschließlich die SPÖ, doch ignorierte die den Bürgermeister und auch den Bundeskanzler stellende Sozialdemokratie die Zeichen an der Wand. Kaltenegger machte der SPÖ die soziale Kompetenz streitig.

Am persönlichen Ethos des abgetretenen Bürgermeisters Alfred Stingl gibt es keinen Zweifel, jedoch an der politischen Strategie. Stingl blieb 1998 trotz des enttäuschenden Wahlergebnisses im Amt, gab aber die Parteiführung ab. Die traditionelle Identität von Rathaus, Bürgermeister und SPÖ zerfiel, mit Stingls Einsatz für Flüchtlinge und Bettler konnte der Funktionärsapparat wenig anfangen. Dort beschäftigte man sich mit den Diadochenkämpfen um Stingls Nachfolge. Sie entschied zwar der in der roten Wolle gefärbte Walter Ferk für sich, doch passte der schwarze Siegfried Nagl viel besser in das Bild, das den Grazern vom Langzeitbürgermeister Stingl vertraut war.

Nagl geht auch mit den besten Karten in den Poker um den Bürgermeister. Die ÖVP stürmte von Platz 3 auf Rang 1 vor, doch fiel der Wahlsieg nicht so imposant aus, wie Nagl nach dem Triumph Wolfgang Schüssels erhoffen durfte. Die auf einen Tiefpunkt gesunkene Wahlbeteiligung zeigt, dass die Mobilisierung nicht gelungen ist.

Ferk versucht seinen Kopf zu retten, indem er als Verlierer den Führungsanspruch stellt. Abgesehen davon, dass die SPÖ immer darauf pochte, dass die stimmenstärkste Partei den Bürgermeister stellen soll, wird sich die KPÖ nicht in Ferks "Mehrheit links der Mitte" einspannen lassen.

Der Rest ist Schweigen. Die Grünen bleiben bedeutungslos; die Blauen, die mit Alexander Götz einst sogar den Bürgermeister stellten, haben sich selbst vernichtet. ****

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