LEOPOLD MUSEUM präsentiert "DER NEUE STAAT. Polnische Kunst zwischen Experiment und Repräsentation von 1918 bis 1939."

Wien (OTS) - Vom 25. Januar bis 31. März 2003 zeigt das LEOPOLD MUSEUM, im Rahmen des Polnischen Jahres in Österreich, die Ausstellung "Der Neue Staat. Polnische Kunst zwischen Experiment und Repräsentation." Präsentiert wird das Kunstgeschehen im Nachbarstaat aus der Zeit von 1918 bis 1939. 200 Werke von 84 Künstlern und Künstlerinnen werden in markanten Werkgruppen aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Zeichnung und Kunstgewerbe gezeigt. Präsentiert werden darüber hinaus Beispiele "neuer Massenmedien" wie Plakatkunst, Industriedesign, Typografie, Fotografie und Film. Erstmals wird in Österreich ein solch breites Spektrum an künstlerisch polarisierenden Positionen vorgestellt. Vielfältige Kunstvermittlungsprogramme begleiten die Schau. Die konkreten Angebote und Termine entnehmen Sie bitte unserer Website: http://www.leopoldmuseum.org

Ausstellungskonzept

Eine zentrale Position in der Ausstellung nehmen die Werke und theoretischen Überlegungen des Künstlers, Logikers und Philosophen Leon Chwistek (Krakau 1884 - Moskau 1944) ein. Chwistek führt bereits 1918 in Auflehnung gegen das dualistische Modell der ersten Avantgarden das Theorem der "Pluralität der Wirklichkeit in der Kunst" ein. In den folgenden Jahren plädiert er in interdisziplinären Diskursen über Kunst, Mathematik, Poesie, Architektur und Politik im Gegensatz zum Agitprop und zur missionarischen Geste der Avantgardisten für eine offene, moderne und transnationale Gesellschaft. In der Kunst entwirft Chwistek die Theorie des Strefismus (poln. Strefizm), derzufolge eine Bildfläche mittels Farben und Formen, die in kontrastreichen Zonen angeordnet sind, konstruiert wird. Die Kuratorinnen versuchen eine auf Chwisteks Zonentheorie basierende Matrix auf das Spektrum des damaligen Kunstschaffens anzuwenden und daraus acht divergierende ZONEN abzuleiten.

Die zentrale Zone DER NEUE STAAT enthält mehrere einander durchdringende rivalisierende Werkgruppen, Denkmäler und Monumente, die sich mit dem Phänomen der Repräsentation in einem öffentlichen urbanen Raum auseinandersetzen. Anhand dieser medial erschaffenen Raumstruktur soll untersucht werden, welche Art von Kunst für die Präsenz und Repräsentation des neuen (National-)Staates zur Verfügung steht. Zum einen wird hier eine Kunst des "Heraufbeschwörens der Vergangenheit" durch Aufsehen erregende Stilisierung vorgestellt (Stanislaw Szukalski, Leon Chwistek), zum anderen eine Kunst, die zu einer Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum genötigt wird (Marek Wlodarski), aber auch eine Kunst, die experimentell die visuelle Sprache von Gegenwart und Zukunft in den Dienst der Information und Kommunikation mit dem Massenpublikum stellt, um dieses mit propagandistischen Illusionen ähnlich der Werbung zu beeinflussen oder zu verführen (Tadeusz Gronowski, Stefan Norblin, Teresa Zarnower). Neben den Bildfindungen der traditionellen "freien" Kunstmedien wie Malerei und Skulptur (Ludomir Slendzinski, Edward Wittig) sind vor allem die Bilder der neuen "mechanischen" (Kunst-)Massenmedien wie Film (Jalu Kurek, Franciszka und Stefan Themerson), Fotografie (Stanislaw Ignacy Witkiewicz), Typographie (Henryk Berlewi, Wladyslaw Strzeminski), Zeitung (Tadeusz Peiper) und Plakate vertreten. Damit wird die neue Teilung der Gesellschaft in Individuen (Bürger) und Masse thematisiert.

NEUE WELTEN und NEUE FORMEN stellen zwei miteinander verbundene amorphe und temporäre Zonen des Alltags und der Kunstwelt dar, die, den Aporien einer avantgardistischen Moderne folgend, sich ständig verändern und erneuern. Die Kunstwerke von Leon Chwistek, Tytus Czyzewski, Zbigniew Pronaszko, Wiktoria Gorynska, Wladyslaw Roguski, Leon Dolzycki, Konrad Winkler, Waclaw Wasowicz, Wladyslaw Strzeminski, Waclaw Szpakowski und Stanislaw Rzecki, die auf den innovativen Errungenschaften des Kubismus, Futurismus, Konstruktivismus, Dadaismus und Surrealismus aufbauen und sie transformieren, geben Einblick in die jeweilige Umbruchphase und lassen ein eigenes neues Konstruktionsprinzip großteils anhand von tradierten Sujets wie dem Porträt erkennen. Aber auch Exponate angewandter Kunst wie Kaffeetassen (Bogdan Wendorf), Möbel (Jerzy Hulewicz, Jan Kurzatkowski, Wojciech Jastrzebowski) oder Keramik (Jozef Szewczyk) drücken die Sehnsucht nach einer ästhetischen Erneuerung der alltäglichen Lebensräume aus. Die zunehmende Aufmerksamkeit dem Kunstgegenstand gegenüber ergibt sich aus dem Bedürfnis nach Geborgenheit, Glück und Schönheit im Neuen Staat. Die Verknüpfung der (polnischen) Tradition mit modernen Ideen und Formen bildet die Grundlage für die "Pluralität der Wirklichkeit" (Leon Chwistek) der Neuen Welten und Neuen Formen.

NEUES LAND rekapituliert die durch die Illusionskraft der Malerei und die Vervielfältigungstechnik des Plakats im Zeitalter der zunehmenden Mobilität veränderte Landschaftsauffassung im Neuen Staat. Die 20er und vor allem die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die Epoche der Industrialisierung Polens, brachten einen neuen Stil in der Landschaftsmalerei mit sich. Einerseits galt es die große Diskrepanz zwischen der Kraft der Natur und der zerstörerischen Macht des allem unterworfenen Menschen kritisch zu deuten, andererseits kam es infolge des Wachstumsschubs in der Tourismusbranche zu einer wechselseitigen Beeinflussung der traditionellen Kunstgattungen wie der Malerei (Rafal Malczewski, Ludomir Slendzinski, Jan Spychalski) und der attraktiven, ideologisch geprägten Sprache der Reklame (Edmund Ludwik Bartlomiejczyk, Wojciech Kossak).

Die Zone der REALISMEN bezieht sich auf die traditionelle Darstellungsform der unmittelbaren Umwelt und bleibt dem historisierend-klassizistischen "Erinnerungsraum" verhaftet. Aber auch bei den Realisten ist ein neues Wirklichkeitsgefühl spürbar. Dieses drückt sich in einer Palette künstlerischer Stile aus: dem melancholischen (Boleslaw Cybis, Roman Kramsztyk, Wladyslaw Lam, Ludomir Slendzinski), dem sensationellen (Jan Godard), dem fantastischen (Jacek Malczewski) und dem grotesken (Bronislaw Wojciech Linke, Antoni Michalak). Für Leon Chwistek entfalten sich in dieser Zone, die der physikalischen Natur der Dinge entspricht, die Anatomie und die Perspektiventheorie als "universal wirkende Registrierung des Experiments" in der Malerei.

KOLORISMEN - diese Zone zeichnet sich durch eine gemäßigte Modernität aus, deren Anhänger sich sowohl über die radikale Avantgarde als auch über die traditionalistische Narrativität einer auf Inhalte bezogenen Kunst hinwegsetzen. Statt Manifeste und Proklamationen zu verfassen, schreiben sie lieber Tagebücher und Briefe an Freunde. Statt politisch zu wirken, huldigt man konsequent der Autonomie der Farbe und hält sich von jeglichen nationalen Idiosynkrasien fern. Die polnischen Koloristen wie Jan Cybis, Jozef Czapski, Felicjan Szczerski Kowarski, Piotr Potworowski, Waclaw Taranczewski und Romuald Kamil Witkowski erheben die Farbe zum absoluten Stoff ihrer Kunst, der Komposition, Struktur, Oberfläche, Materie, Lichtverhältnisse, meisterhaftes Können sowie das Motiv (meist Stillleben) als Inhalt definiert. Diese sonst als L'art pour l'art verstandene Richtung nahm in der polnischen Moderne ihren Anfang, als ein Anhänger des Postimpressionismus, Jozef Pankiewicz, und seine Schüler 1924 in der französischen Hauptstadt das "Pariser Komitee" gründeten, um die Tradition des französischen Impressionismus zu pflegen.

Die Kolorismen haben Berührungspunkte mit den EXPRESSIONISMEN, was sie aber trennt, ist die Art der Emotionen. Bei den Koloristen entsprechen sie der farblichen Ausdrucksqualität, bei den Expressionisten der psychologisierenden Ausdrucksqualität der Empfindungen. Versuchen die Koloristen, sich vom Erbe des Romantizismus mittels der Farbmaterie zu distanzieren, so lassen die Expressionisten wie Stefan Szmaj, Artur Maria Swinarski, Bronislaw Wojciech Linke, Bruno Schulz und Wladyslaw Skoczylas dieses Erbe in ihren rätselhaften und symbolhaften, vergeistigten und irrealen Bildfindungen fortleben, sodass die Grenzen zwischen Physik und Metaphysik, Materie und Geist künstlich erscheinen.

Die Zone der VISIONEN wirkt vor allem in ihrem inhaltlichen Ansatz frappierend. Visionäre sind meist vielseitige Metadenker, die ihre mentalen Konstruktionen in einer immateriellen Gestalt erfinden und dadurch experimentell und erkenntnistheoretisch anmuten. In dieser Zone des Strefismus mischt sich die künstlerische Einbildungskraft (Henryk Berlewi, Karol Hiller, Kazimierz Podsadecki) am einprägsamsten mit politischen Ambitionen (Leon Chwistek, Tadeusz Wojciechowski) und dem Willen zur Macht. Bei Letzteren zeigen sich mindestens zwei verschiedene Haltungen: eine konformistische und eine oppositionelle, wobei oft nicht eindeutig hervorgeht, wo die Grenze verläuft. Die Vertreter dieser Zone waren für Leon Chwistek zu seiner Zeit Formisten (Stanislaw Ignacy Witkiewicz) und Futuristen, er sah sie aber als keine abgeschlossene Richtung an.

In Kooperation mit dem Nationalmuseum in Warschau, im Rahmen des Polnischen Jahres in Österreich.

Kuratorinnen: Romana Schuler, Goschka Gawlik
Koordination in Polen: Katarzyna Nowakowska-Sito Ausstellungsarchitektur: Angela Hareiter, Studio Wien

Katalog: DER NEUE STAAT. Polnische Kunst zwischen Experiment und Repräsentation, Hrsg. Romana Schuler, Goschka Gawlik für die Leopold Museum-Privatstiftung, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2002, 352 Seiten, ca. 200 Abbildungen, Preis: Euro 32,90

Öffnungszeiten: täglich außer Dienstag: 10 - 19 Uhr,
Freitag: 10 - 21 Uhr
Eintritt: Euro 9, regulär
Führungen: Sonntags um 16 Uhr und nach Vereinbarung Audioguides: Deutsch, Englisch, Euro 2
Kunstvermittlung: siehe http://www.leopoldmuseum.org
Kontakt: Leopold Museum, Museumsplatz 1 im MQ
A-1070 Wien
Tel. +43 1 52570
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