Der Standard, Kommentar: "Das Lichtschwert der Kritik - Wenn die Auseinandersetzung nicht lebt, bleibt ,Graz 2003' eine Episode" (Von Gerfried Sperl)

Ausgabe vom 11. Jänner 2003

Wien (OTS) - In Graz geht es Schlag auf Schlag. Heute, Samstag,
die Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres 2003. Gemeinderatswahlen in zwei Wochen. Dann die Wahl eines neuen Bürgermeisters. Und im Herbst die Fertigstellung des Kunsthauses, das zu den interessantesten Kreationen der aktuellen europäischen Architektur gehört.

Die Haut dieser Kunstblase, denn ein Dach hat dieses Gebäude nicht, ist dialogfähig. Sie kann mit der Stadt und ihren Bewohnern kommunizieren. Und sie kann sich farblich mit ihrer Umgebung arrangieren. Damit begibt sich die Kunst in eine mediale Sphäre. Das ist ein weiteres Stück Modernität im Kulturbetrieb. Aber fördert ein Chamäleon auch die geistige Auseinandersetzung?

In der jeweiligen steirischen Wirklichkeit gibt es zwei unverrückbare Elemente. Erstens ein national-konservatives, das je nach dem Temperament seiner Träger die Erneuerung bremst oder durch dumpfe Provokationen sogar befeuert. Zweitens ein liberal-progressives, dessen kämpferische Tradition für Innovationen sorgt.

Dieser zweiten Strömung fühlen sich jene beiden Männer verpflichtet, die Graz zur Kulturhauptstadt gemacht haben. Helmut Strobl ist ein ehemaliger 68er, der zur ÖVP stieß, als diese Partei gerade in der Steiermark betont kultur-liberal war. Alfred Stingl ist ein Sozialdemokrat, für den Bildung und Kultur Grundlagen des politischen Handelns sind. Was sich hier also dieser Tage dem Publikum eröffnet, fußt auf Einstellungen, die der heutigen Politik kaum noch geläufig sind.

Daher ist es auch ein Treppenwitz der Geschichte, dass selbst in der ehemaligen Stadt der Volkserhebung die Ausläufer des Damaligen in einer tiefen Krise stecken und von einem 30-prozentigen Stimmenanteil bei den Gemeinderatswahlen auf unter zehn Prozent fallen dürften. Was nicht dazu verführen sollte zu glauben, dass man die Mächte des Ungeists endgültig besiegt hat. Nein, sie pausieren nur. Denn jenes national-konservative Unterholz, das Graz schon viele Konflikte beschert hat, überlebt in den Blockhütten und Blockflöten des Heimatgefühls.

Umso mehr, als der ORF vor allem in seiner TV-Produktion nur noch aus Kühen, Ochsen und Käse zu bestehen scheint und damit das Unterfutter für eine nicht nur politische, sondern auch atmosphärische Machtergreifung der Schüssel-Partei vermittelt. Wenn in den Fangemeinden keine Nazi-Lieder erklingen, ist die Chose sogar unbedenklich. Aber die grenzgenialen TV-Spots von Graz 2003, die TV-Filme über Handke & Harnoncourt, die vereinzelten Muth-Spiele haben im Wissen um die mediale Grundströmung etwas Spukhaftes. 2004 ist alles wieder vorbei.

Graz wäre dann wieder im Würgegriff seiner geschichtlichen Schatten. Außer es gelänge einer neuen Jugend, einer neuen Kulturopposition die Erschaffung einer Gegenkultur oder zumindest das Entfachen einer Debatte. Denn im künstlerisch-architektonischen Milieu dieser Stadt steckt zu jeder Zeit etwas Rebellisches, das sich mit dem südlichen Flair zu Clownerien mischt. Im besten Fall erschüttern sie sogar die Politik.

Die Geschichte soll sich auch im Erfreulichen nicht sklavisch wiederholen. Aber die Anknüpfungspunkte liegen nicht nur in den Verästelungen des Forum Stadtpark der Aufbruchsjahre nach 1960, sondern genauso in den theatralisch-politischen Eskapaden des Kommunisten Ernst Fischer in den Zwanzigerjahren oder - zur Jahrhundertwende - im "Weltfrühling" des Psychoanalytikers Otto Gross.

Engagierte Grazer wissen, dass die Kombination aus Kunst, Universitäten und Hightech-Industrien ein enormes Potenzial für die Zukunft dieser Stadt bedeutet. Noch nie aber hat sich eine andere Gewissheit durchgesetzt: dass man die Provinz nur dann verscheucht, wenn man die offene Auseinandersetzung und das kritische Wort unterstützt.

Das Lichtschwert hätte sonst wohl nur rituellen Charakter.

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