• 11.01.2003, 08:13:07
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Der Standard, Kommentar: "Das Lichtschwert der Kritik - Wenn die Auseinandersetzung nicht lebt, bleibt ,Graz 2003' eine Episode" (Von Gerfried Sperl)

Ausgabe vom 11. Jänner 2003

Wien (OTS) - In Graz geht es Schlag auf Schlag. Heute, Samstag,
die Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres 2003. Gemeinderatswahlen in
zwei Wochen. Dann die Wahl eines neuen Bürgermeisters. Und im Herbst
die Fertigstellung des Kunsthauses, das zu den interessantesten
Kreationen der aktuellen europäischen Architektur gehört.

Die Haut dieser Kunstblase, denn ein Dach hat dieses Gebäude
nicht, ist dialogfähig. Sie kann mit der Stadt und ihren Bewohnern
kommunizieren. Und sie kann sich farblich mit ihrer Umgebung
arrangieren. Damit begibt sich die Kunst in eine mediale Sphäre. Das
ist ein weiteres Stück Modernität im Kulturbetrieb. Aber fördert ein
Chamäleon auch die geistige Auseinandersetzung?

In der jeweiligen steirischen Wirklichkeit gibt es zwei
unverrückbare Elemente. Erstens ein national-konservatives, das je
nach dem Temperament seiner Träger die Erneuerung bremst oder durch
dumpfe Provokationen sogar befeuert. Zweitens ein
liberal-progressives, dessen kämpferische Tradition für Innovationen
sorgt.

Dieser zweiten Strömung fühlen sich jene beiden Männer
verpflichtet, die Graz zur Kulturhauptstadt gemacht haben. Helmut
Strobl ist ein ehemaliger 68er, der zur ÖVP stieß, als diese Partei
gerade in der Steiermark betont kultur-liberal war. Alfred Stingl ist
ein Sozialdemokrat, für den Bildung und Kultur Grundlagen des
politischen Handelns sind. Was sich hier also dieser Tage dem
Publikum eröffnet, fußt auf Einstellungen, die der heutigen Politik
kaum noch geläufig sind.

Daher ist es auch ein Treppenwitz der Geschichte, dass selbst in
der ehemaligen Stadt der Volkserhebung die Ausläufer des Damaligen in
einer tiefen Krise stecken und von einem 30-prozentigen Stimmenanteil
bei den Gemeinderatswahlen auf unter zehn Prozent fallen dürften. Was
nicht dazu verführen sollte zu glauben, dass man die Mächte des
Ungeists endgültig besiegt hat. Nein, sie pausieren nur. Denn jenes
national-konservative Unterholz, das Graz schon viele Konflikte
beschert hat, überlebt in den Blockhütten und Blockflöten des
Heimatgefühls.

Umso mehr, als der ORF vor allem in seiner TV-Produktion nur noch
aus Kühen, Ochsen und Käse zu bestehen scheint und damit das
Unterfutter für eine nicht nur politische, sondern auch
atmosphärische Machtergreifung der Schüssel-Partei vermittelt. Wenn
in den Fangemeinden keine Nazi-Lieder erklingen, ist die Chose sogar
unbedenklich. Aber die grenzgenialen TV-Spots von Graz 2003, die
TV-Filme über Handke & Harnoncourt, die vereinzelten Muth-Spiele
haben im Wissen um die mediale Grundströmung etwas Spukhaftes. 2004
ist alles wieder vorbei.

Graz wäre dann wieder im Würgegriff seiner geschichtlichen
Schatten. Außer es gelänge einer neuen Jugend, einer neuen
Kulturopposition die Erschaffung einer Gegenkultur oder zumindest das
Entfachen einer Debatte. Denn im künstlerisch-architektonischen
Milieu dieser Stadt steckt zu jeder Zeit etwas Rebellisches, das sich
mit dem südlichen Flair zu Clownerien mischt. Im besten Fall
erschüttern sie sogar die Politik.

Die Geschichte soll sich auch im Erfreulichen nicht sklavisch
wiederholen. Aber die Anknüpfungspunkte liegen nicht nur in den
Verästelungen des Forum Stadtpark der Aufbruchsjahre nach 1960,
sondern genauso in den theatralisch-politischen Eskapaden des
Kommunisten Ernst Fischer in den Zwanzigerjahren oder - zur
Jahrhundertwende - im "Weltfrühling" des Psychoanalytikers Otto
Gross.

Engagierte Grazer wissen, dass die Kombination aus Kunst,
Universitäten und Hightech-Industrien ein enormes Potenzial für die
Zukunft dieser Stadt bedeutet. Noch nie aber hat sich eine andere
Gewissheit durchgesetzt: dass man die Provinz nur dann verscheucht,
wenn man die offene Auseinandersetzung und das kritische Wort
unterstützt.

Das Lichtschwert hätte sonst wohl nur rituellen Charakter.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70

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