Rede des Herrn Bundespräsidenten zur Eröffnung "Graz 2003"

Wien (OTS) - ES GILT DAS GESPROCHENEN WORT

Rede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anlässlich der Eröffnung des europäischen Kulturhaupstadt-Jahres "Graz 2003" am Samstag, dem 11. Jänner 2003 in der Grazer Oper

Meine Damen und Herren!

Es ist für mich eine große Freude, heute mit Ihnen die Eröffnungsfeierlichkeiten von Graz 2003, der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, begehen zu können. Gerne habe ich auch die Schirmherrschaft über dieses für unser Land so wichtige Projekt übernommen und die Vorbereitungen hiefür mit Interesse verfolgt. Es ist dies das erste Mal, dass eine österreichische Stadt diesen Titel trägt und die damit verbundenen Aufgaben wahrnimmt. Graz hat damit für ganz Österreich die wichtige Rolle übernommen, Botschafter der kulturellen Vielfalt im zusammenwachsenden Europa zu sein.

Das ist - so erfreulich diese Tatsache auch sein mag - weiter nicht verwunderlich, bedeutet es doch nichts anderes, als die konsequente Weiterführung eines steirischen Erfolgsweges, der seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten, Graz zu einer viel beachteten Kulturmetropole Österreichs werden ließ.

Was aber bedeutet in diesem Zusammenhang "Kultur"?

Von Graz sind viele für Österreich besonders wichtige künstlerische Impulse ausgegangen. Ich denke nur an die legendäre "Grazer Autorenversammlung", die angesehene Literaturzeitschrift "Manuskripte", den "Steirischen Herbst", das Musikfestival "Styriarte" und vieles mehr. Diese Neuerungen haben oftmals als Katalysatoren gewirkt und weitere Projekte nach sich gezogen. Überkommene Strukturen wurden aufgebrochen und neben dem Alten und Bewährten konnte sich das Innovative erfolgreich behaupten.

Das alleine aber macht "Kultur" noch nicht aus. Kultur ist mehr als nur Kunst. Die Kunst legt jedoch Zeugnis ab von diesem "mehr": Sie umfasst den Umgang der Menschen miteinander, ihren Willen zur Gemeinsamkeit und dazu, dieses Gemeinwesen zu gestalten. Die Demokratie lebt von dieser Einstellung - und ich glaube, es ist ein gutes Signal, dass die politische Hauptstadt der Europäischen Union in diesem Halbjahr - nämlich Athen - gleichzeitig auch die Geburtsstätte dieser Herrschaftsform ist. Auf der "agora", dem Marktplatz, ist das Vorbild unseres heutigen Politikverständnisses geboren worden, in der Öffentlichkeit wurde debattiert, gestritten, argumentiert, und wurden jene Entscheidungen getroffen, die die Gemeinschaft betreffen. Aus Griechenland sind uns auch die Anfänge des Theaters überliefert, wie wir es heute kennen. So zieht sich der enge Zusammenhang von Kunst und Politik wie ein roter Faden durch die Geschichte Europas.

Hier in Graz wird man besonders gut verstehen, welch bedeutende kulturelle Leistung der öffentliche politische Diskurs darstellt, ist doch in den letzten Jahren intensiv und mitunter auch heftig über die Umsetzung des Projektes "Kulturhauptstadt" diskutiert worden. Als Bundespräsident freut es mich, dass die Konzepte für "Graz 2003" auch ein Beispiel für ein modernes, zeitgemäßes Demokratieverständnis waren, das durchaus Vorbildcharakter haben kann.

Aber Kultur ist mehr: Sie ist nicht nur das Gespräch innerhalb der eigenen Gemeinschaft, sie beinhaltet in gleichem Maße auch den Umgang mit, ja die Bereicherung durch andere Kulturen. Kultur entspringt dort, wo an einer Wegkreuzung miteinander gesprochen wird. Die Steiermark ist eine solche Wegkreuzung der Kulturen, und sie hat es über die Jahrhunderte hin verstanden, das Fremde und Neue als Bereicherung - und nicht als Bedrohung - zu verstehen.

Zwei solche Bezüge möchte ich ausdrücklich hervorheben, weil sie mir von besonderer Aktualität gekennzeichnet scheinen: da ist zum einen die wichtige Rolle von Graz als einer Schnittstelle zu unseren südöstlichen Nachbarn, einem Ort der Begegnung für Menschen aus Ungarn, Slowenien oder Kroatien. Wer in Graz durch die prachtvolle Altstadt spaziert, spürt den südlichen Flair, den die Gassen und Plätze umgeben, ja es will einen so etwas wie eine mediterrane Sehnsucht heimsuchen, ein träumerischer Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann. Auch das ist ein Resultat der Kultur.

Zweitens möchte ich die Partnerschaft der Stadt Graz mit Sankt Petersburg erwähnen, jener bedeutenden Wirtschafts- und Kulturmetropole, die heuer ihr dreihundertjähriges Bestehen feiert. Österreich ist an diesen Feierlichkeiten in vielfacher Hinsicht aktiv beteiligt, und es freut mich, den Gouverneur von Sankt Petersburg, Herrn Wladimir Jakowlew, hier in Graz begrüßen zu können.

Meine Damen und Herren!

Häufig wird die Redewendung von "Kunst und Kultur" verwendet; ich möchte, dies variierend, sagen: Kultur ist kein Kunstprodukt, sie kann nicht "gemacht" werden. Sie kann entstehen, im Einklang von Mensch und Natur, von Werten und Lebensweisen. Das ist hier in Graz geglückt. Diese Stadt ist schön; - sie braucht daher nicht schöngeredet zu werden, sie möge bleiben, wie sie ist, das heißt, sich stets verändern.

Für das kommende Jahr wünsche ich allen Besuchern von Graz, dass sie sich von der urbanen Kultur der Stadt, der regionalen Kultur der Steiermark - und jener von ganz Österreich - bezaubern lassen mögen. Dem Land und seinen Vertretern sowie den Verantwortlichen des Projektes danke ich für ihre Bemühungen und wünsche ihnen weiterhin viel Erfolg und als Schirmherr der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas erkläre ich "Graz 2003" für eröffnet.

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