• 02.01.2003, 18:11:29
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Telenovela und Wirklichkeit

Von Thomas Vieregge

Wien (OTS) - Unterm Zuckerhut herrschte Enthusiasmus, an der
Copacabana regierte der Samba. Hupkonzerte erfüllten die Straßen, Rio
de Janeiro versank in ein Meer aus Gelb und Grün, Brasiliens
Nationalfarben. Mit Pomp und Gloria zelebrieren die Brasilianer ihre
Feste - ob nach dem Triumph bei der Fußball-WM, im Karneval oder zu
Silvester. Und wenn der Jahreswechsel mit der Amtseinführung eines
Präsidenten zusammenfällt, schwappt die Euphorie vollends über.
Erst recht, wenn sich die Karriere der neuen Galionsfigur Lula wie
von einem Drehbuchautor für eine Telenovela ersonnen liest, eine
rührselige Schmonzette brasilianischer Machart: ein Schlosser ohne
abgeschlossene Schulbildung, der sich in seiner Kindheit als
Straßenhändler verdingt hat, krönt seinen zähen Aufstieg mit dem
Einzug in den Präsidentenpalast - ein lateinamerikanischer Lech
Walesa. Da vergoß nicht nur Lula so manche Träne, sondern mit ihm ein
ganzes Volk. Und daß der weltbekannte Musiker Gilberto Gil zum
Kulturminister berufen wurde, symbolisiert die Jubelstimmung.
Doch die Mentalität der Brasilianer schwankt zwischen himmelhoch
jauchzend und zu Tode betrübt. Nach den Feiern legt sich nur allzu
oft Lethargie übers Land. In der Wirtschaftskapitale Sao Paolo
dominiert denn auch geschäftsmäßige Nüchternheit, die Börse _ ein
unbestechliches Barometer - reagierte mit vorsichtiger Skepsis auf
Lulas Start.
Von den Armen als Heilsbringer verehrt, von den Industriekapitänen
anfangs belächelt hat der frühere linke Gewerkschaftsboß aber einen
erstaunlichen Wandel hin zu einem modernen Sozialdemokraten
vollzogen. Den radikalen Phrasen seiner wilden Jahre hat er glaubhaft
abgeschworen. Wie zur Bestätigung hat er Technokraten und
Wirtschaftsbosse in sein Kabinett aufgenommen und versichert, die
moderaten Linie seines Vorgängers Cardoso, eines angesehenen
Soziologieprofessors, weiterzuführen. Es wird ihm auch nicht viel
anderes übrigbleiben als rigide Sparpolitik: die Realpolitik, die
überbordende Schuldenlast, Inflation und die Verpflichtungen
gegenüber dem Währungsfonds legen seinen Visionen Zügel auf. Von der
fabrizierten Illusion der Telenovelas weicht die Wirklichkeit eben
drastisch ab.
Die Alternativen verheißen nur soziale Unruhe und Chaos, wie ein
Blick in die krisengeschüttelte Nachbarschaft zeigt. Argentinien
steckt tief in der Depression, Venezuela steuert geradewegs auf einen
Bürgerkrieg zu. Weder die Regierungsform des Durchwurstelns noch der
Autokratie haben sich als Erfolgsweg aus dem Schlamassel erwiesen.
Der schale Lockruf des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez,
zusammen mit Kubas Fidel Castro eine "Achse des Guten" zu schmieden,
klingt darum wie eine gefährliche Anbiederung.
Bisher ist Brasilien von der in Südamerika grassierenden Epidemie der
Rezession und Instabilität weitgehend verschont geblieben. Damit
Brasilien nicht ein ähnliches Schicksal wie seinen Nachbarn blüht,
bedarf es weiterhin eines heiklen Spagats, wie er schon als Parole in
der Flagge angelegt ist: ordo e progresso - Ordnung und Fortschritt.
Zum einen ist der Reformdruck hoch, zum anderen ist auch die
Erwartungshaltung hochgeschraubt. Die Vorhaben sind kühn, doch das
Geld ist knapp. Und mit einer Minderheit im Parlament ist das nicht
zu bewerkstelligen.
Nur eine breite Allianz aus allen gesellschaftlichen Schichten, weiß
Lula um seine Herausforderung, kann das Schwellenland, in dem die
Erste und die Dritte Welt eine Parallelexistenz führen, aus
Lateinamerikas Misere herauskatapultieren. Der Kontinent bangt, ob
die Wirtschaftslokomotive anspringt und damit auch andere Länder
mitzieht. Die Hoffnung konzentriert sich auf den Heizer - Lula, der
Ex-Arbeiterführer, muß die Ärmel aufkrempeln.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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