Schizophrenie: Weg von der medikamentösen "Zwangsjacke" - ein Hilferuf der modernen Psychiatrie an verantwortliche Stellen

Wien (OTS) - Wiener Spezialist Univ.-Prof. Dr. Dr. Siegfried
Kasper: "Die Behandlung akuter psychotischer Erkrankungen muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erfolgen - wie die Therapie eines Herzinfarkts auch."

Kardiologen oder Chirurgen zögern bei Lebensgefahr nicht, die modernsten und wirksamsten Mittel zur Rettung des Patienten einzusetzen. Die Psychiatrie ist hier partiell hintennach: Noch immer erhält nur ein Teil der Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, die modernsten, wirksamsten und zugleich nebenwirkungsärmsten Medikamente - die so genannten atypische Antipsychotika. In ihrer modernsten Art müssen sie nur noch alle zwei bis drei Wochen einmal in Form einer Depotspritze injiziert werden.

"Eine akute psychiatrische Erkrankung, wie sie die psychotische Episode eines Schizophrenen darstellt, sollte sich in der Medizin in ihrer Wertigkeit für die Therapie nicht von einem akuten Herzinfarkt unterscheiden. Zusätzlich ist eine zweite psychotische Phase genau so zu verhindern, wie ein zweiter Herzinfarkt", erklärte jetzt Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH.

Der Hintergrund: Obwohl es seit Jahren in der Form der atypischen Antipsychotika (z.B. "Risperidon") besser verträgliche und auch besser wirksame Medikamente zur Behandlung der Schizophrenie gibt, bekommen noch immer viel zu wenige der Patienten dieser Medikamente. Kasper: "An unserer Klinik erhalten zwar schon rund 80 Prozent der Schizophrenie-Patienten diese atypischen Antipsychotika, in der niedergelassenen Praxis liegt dieser Anteil aber zum Teil weit darunter."

Stigmatisierung und irreversible Nebenwirkungen verhindern!

Der Hintergrund: Die herkömmlichen Neuroleptika haben zwar vor Jahrzehnten die Schizophrenie erst behandelbar gemacht, indem sie wirksam die "positiven Symptome" (Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Stimmenhören, Denkstörungen etc.) verringern. Doch die oft gleichzeitig auftretenden "negativen Symptome" (Apathie, Rückzug aus dem sozialen Leben, Affektverflachung, Depression, Antriebsschwäche etc.) blieben. Kasper: "Die Patienten laufen mit den alten Medikamenten häufig 'wie Roboter', 'ferngesteuert' herum."

Gerade das macht die Betroffenen auffällig für die Umgebung. Stigmatisierung und Diskriminierung sind erst recht die Folge. Ein Teil der Betroffenen scheut daher auch vor der Einnahme der Medikamente zurück. Ein Teufelskreis kommt in Gang. Gerade das können die neuen Antipsychotika verhindern. Gut 80 Prozent der Patienten könnte mit ihnen gut behandelt werden.

Ein ganz wichtiger Punkt: Unter den alten Arzneimitteln kommt es nach längerer Anwendung bei manchen Patienten zu irreversiblen Bewegungsstörungen (Spätdyskinesien). Die Betroffenen können nur noch in Trippelschritten gehen. Ihr Gesicht wird durch Grimassen entstellt. Sind diese Symptome einmal da, verschwinden sie auch nicht mehr, wenn die Medikamente abgesetzt werden.

Langzeitbehandlung: Jetzt auch in modernster Form, daher weg von der medikamentösen "Zwangsjacke"

Deshalb sollten Menschen mit psychotischen Störungen modern und langfristig behandelt werden. Der Wiener Spezialist: "Nach dem Auftreten einer ersten psychotischen Episode sollte die medikamentöse Therapie ein bis zwei Jahre dauern. Dann kann man einmal beobachten, wie es weiter ohne Arzneimittel aussieht. Bei zwei Phasen wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Lebens-begleitende Therapie ins Auge fassen müssen."

Vor allem in der Langzeittherapie der Schizophrenie können injizierbare Depot-Antipsychotika eine wichtige Rolle spielen. Kasper: "Nicht immer sind die Patienten in der Lage, regelmäßig die Tabletten einzunehmen. Das führt oft dazu, dass es bald wieder zu einer stationären Aufnahme ins Spital kommt."
Im Krankenhaus war der Patient gut auf die Medikamente eingestellt, doch das reale Leben draußen ist einfach anders. Der Rückfall kann so vorprogrammiert sein.

Der Wiener Spezialist: "Deshalb können Depot-Antipsychotika hier eine wertvolle Hilfe sein. 20 bis 30 Prozent der an Schizophrenie Erkrankten bekommen solche Medikamente als Depot injiziert. Jetzt gibt es auch erstmals ein atypisches Antipsychotikum in dieser lang wirksamen Form."

Eine Injektion alle zwei bis drei Wochen!

Es gibt es nun eine wesentliche Verbesserung. Kasper: "Das erste atypische Antipsychotikum muss nur alle zwei bis drei Wochen - je nach Patient - injiziert werden." Damit wurde die langfristige Wirkung der Depot-Anwendung mit den Vorteilen der modernsten Medikamente zur Behandlung der Schizophrenie kombiniert.

Damit stünden die Vorteile der atypischen Antipsychotika auch für jene Betroffenen zur Verfügung, die einfach nicht täglich Tabletten schlucken können oder wollen, mit der regelmäßigen Einnahme Probleme haben oder ihre sonst gut behandelte Krankheit zwischen den Arztbesuchen einfach "vergessen" wollen.

Die Voraussetzung: Medizin und Gesellschaft (Finanzierung) erkennen, dass zwischen dem Herzinfarkt und der Psychose kein Unterschied in der Bedeutung, die der Therapie der jeweiligen Krankheit zugemessen wird, mehr sein darf.

Moderne Therapie reduziert Kosten!

Den Krankenkassen steht mit dieser neuen Depot-Form erstmals seit langem - genau gesagt seit rund 30 Jahren - eine Applikationsform zur Verfügung, die anerkannte positive Eigenschaften eines Depots mit den Vorteilen der atypischen Antipsychotika verbindet.

Auf Grund des deutlich verringerten Rückfallsrisikos durch diese neue Form der Medikamentenverabreichung hat nicht nur der Patient enorme Vorteile, sondern es ermöglicht auch den Krankenkassen eine gesamtwirtschaftliche Einsparung bei den Therapiekosten - denn nichts ist teurer in der Therapie der Schizophrenie als ein Krankenhausaufenthalt, der heute "nur noch" rund einen Monat dauert.

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Univ.-Prof. Dr. Dr. Siegfried Kasper
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