- 28.12.2002, 18:47:56
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die ungeliebte Währung" (von Erwin Zankel)
Ausgabe vom 29.12.2002
Graz (OTS) - Wim Duisenberg, der Präsident der Europäischen
Zentralbank, übte Selbstkritik. Er räumte Fehler bei der Einführung
des Euro ein. Man habe im Elfenbeinturm der Bank in Frankfurt nur
zögernd zur Kenntnis nehmen wollen, dass die Umstellung der Währung
zu Preissteigerungen geführt hat, die vom Preisindex des amtlichen
Warenkorbs nicht erfasst waren.
Der Euro also doch ein Teuro. Wenn dies selbst der oberste
Währungshüter mit dem üppigen Silberhaar zugibt, besteht eigentlich
kein Zweifel daran, dass bei der am besten vorbereiteten
Währungsreform der Geschichte doch nicht alles nach dem Drehbuch
abgelaufen ist.
Wie schaut nach einem Jahr die Bilanz aus?
Statt zwischen Soll und Haben ist zwischen Gefühl und Gehirn zu
unterscheiden.
Rein technisch gab es keine Pannen. Der Umtausch der Geldscheine und
Münzen erfolgte nach einem Generalstabsplan. Die Operation, die eine
enorme Logistik voraussetzte, war viel früher abgeschlossen als
angenommen. Bereits nach einem Monat waren Schilling und Groschen
durch Euro und Cent ersetzt.
Noch schneller ging die Umstellung der Maschinen vor sich. Der
Anbruch des Euro-Zeitalters erfolgte schlagartig in der letzten
Silvesternacht. Es war, als bräuchte man bloß einen Hebel umlegen.
Dass langwierige Vorarbeiten nötig waren, hatte man verdrängt.
Schwieriger war es bei den Menschen. Die Startpakete mit den
frischen Noten und den polierten Münzen wurden mit Begeisterung
geöffnet, doch ist daraus noch immer keine Gewöhnung geworden. Wer
kann die vielen Kupfermünzen auf Anhieb unterscheiden? Wer hat sich
noch nicht über die schwere Geldbörse geärgert, deren Gewicht mit
der Kaufkraft nicht Schritt hält?
Nebensächlichkeiten sind diese Empfindungen nicht. Geld ist
Vertrauen und wenn dieses Vertrauen gestört ist, dann ist auch das
Vertrauen in die neue Währung zerrüttet. Die Tatsache, dass der Euro
den Schilling ablöste, wurde zur Kenntnis genommen wie der Wechsel
von der Sommer- zur Winterzeit, doch drang die neue Währung nur bis
ins Hirn, aber nicht ins Herz vor.
Die offizielle Behauptung, dass sich durch die Umstellung an den
Preisen nichts ändere, wurde mit wachsendem Misstrauen hingenommen.
Jeder kannte aus dem Alltag genügend Gegenbeispiele, dass die
Umrechnung dazu missbraucht wurde, die Preise hinaufzuschnalzen.
Verstärkt wurde die Unsicherheit durch den Einbruch der Konjunktur.
Die Verbraucher bekamen den Eindruck, dass 10 Euro nur 100 Schilling
wert wären und wurden beim Geldausgeben noch vorsichtiger als
vorher, auch deswegen, weil viele wegen ausgebliebener
Lohnerhöhungen weniger Geld zur Verfügung hatten. Der Euro bedeutete
keine Ankurbelung, sondern einen Dämpfer für die Nachfrage.
Vielleicht nicht immer real, jedenfalls aber psychologisch.
Ein Jahr Euro: Jammer statt Jubel? So krass ist es nicht. Es wird
aber viele Jahre dauern, bis man mit der neuen Währung nicht nur
zählt und rechnet. Sondern den noch ungeliebten Euro auch liebt. ****
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