"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die ungeliebte Währung" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 29.12.2002

Graz (OTS) - Wim Duisenberg, der Präsident der Europäischen Zentralbank, übte Selbstkritik. Er räumte Fehler bei der Einführung des Euro ein. Man habe im Elfenbeinturm der Bank in Frankfurt nur zögernd zur Kenntnis nehmen wollen, dass die Umstellung der Währung zu Preissteigerungen geführt hat, die vom Preisindex des amtlichen Warenkorbs nicht erfasst waren.

Der Euro also doch ein Teuro. Wenn dies selbst der oberste Währungshüter mit dem üppigen Silberhaar zugibt, besteht eigentlich kein Zweifel daran, dass bei der am besten vorbereiteten Währungsreform der Geschichte doch nicht alles nach dem Drehbuch abgelaufen ist.

Wie schaut nach einem Jahr die Bilanz aus?

Statt zwischen Soll und Haben ist zwischen Gefühl und Gehirn zu unterscheiden.

Rein technisch gab es keine Pannen. Der Umtausch der Geldscheine und Münzen erfolgte nach einem Generalstabsplan. Die Operation, die eine enorme Logistik voraussetzte, war viel früher abgeschlossen als angenommen. Bereits nach einem Monat waren Schilling und Groschen durch Euro und Cent ersetzt.

Noch schneller ging die Umstellung der Maschinen vor sich. Der Anbruch des Euro-Zeitalters erfolgte schlagartig in der letzten Silvesternacht. Es war, als bräuchte man bloß einen Hebel umlegen. Dass langwierige Vorarbeiten nötig waren, hatte man verdrängt.

Schwieriger war es bei den Menschen. Die Startpakete mit den frischen Noten und den polierten Münzen wurden mit Begeisterung geöffnet, doch ist daraus noch immer keine Gewöhnung geworden. Wer kann die vielen Kupfermünzen auf Anhieb unterscheiden? Wer hat sich noch nicht über die schwere Geldbörse geärgert, deren Gewicht mit der Kaufkraft nicht Schritt hält?

Nebensächlichkeiten sind diese Empfindungen nicht. Geld ist Vertrauen und wenn dieses Vertrauen gestört ist, dann ist auch das Vertrauen in die neue Währung zerrüttet. Die Tatsache, dass der Euro den Schilling ablöste, wurde zur Kenntnis genommen wie der Wechsel von der Sommer- zur Winterzeit, doch drang die neue Währung nur bis ins Hirn, aber nicht ins Herz vor.

Die offizielle Behauptung, dass sich durch die Umstellung an den Preisen nichts ändere, wurde mit wachsendem Misstrauen hingenommen. Jeder kannte aus dem Alltag genügend Gegenbeispiele, dass die Umrechnung dazu missbraucht wurde, die Preise hinaufzuschnalzen.

Verstärkt wurde die Unsicherheit durch den Einbruch der Konjunktur. Die Verbraucher bekamen den Eindruck, dass 10 Euro nur 100 Schilling wert wären und wurden beim Geldausgeben noch vorsichtiger als vorher, auch deswegen, weil viele wegen ausgebliebener Lohnerhöhungen weniger Geld zur Verfügung hatten. Der Euro bedeutete keine Ankurbelung, sondern einen Dämpfer für die Nachfrage. Vielleicht nicht immer real, jedenfalls aber psychologisch.

Ein Jahr Euro: Jammer statt Jubel? So krass ist es nicht. Es wird aber viele Jahre dauern, bis man mit der neuen Währung nicht nur zählt und rechnet. Sondern den noch ungeliebten Euro auch liebt. ****

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