OÖNachrichten 11. Dez. 2002 "Von Charme keine Spur" von Meinhard Buzas

Ein Wort, das in der Politik bisher kaum etwas verloren hatte, fand Eingang in die Sprachregelung des Regierungspokers. Es ist viel vom aCharme3 die Rede, den die eine oder andere mögliche Konstellation haben oder verbreiten würde. Insbesondere wird das Vokabel für die Variante Schwarz-Grün verwendet, aber auch für andere Spielarten politischen Zusammenlebens strapaziert.
Warum ist früher noch niemand auf die Idee gekommen, das beinharte Geschäft der Politik und der Interessen, die jede politische Partei prägen, liebreizend oder anmutig zu nennen? Ganz einfach: Weil dieses Geschäft auf höchster Ebene vieles sein kann. Spannend, aufregend, nervtötend, undurchschaubar, ehrlich oder verlogen, aber gewiss nicht charmant. Charme ist, um ein Kreisky-Zitat abzuwandeln, keine politische Kategorie.

Das erste Mal, dass der Begriff stark strapaziert wurde, war in der Zeit der Sanktionen, die Österreich mit einer Charme-Offensive zu bekämpfen versuchte. Dass die anderen EU-Staaten weniger dem Liebreiz der Bemühungen erlagen, sondern vielmehr selbst verzweifelt versuchten, eine eklatante Überreaktion wieder auszubügeln, war nichts anderes als trockene Realpolitik.
Wer jetzt das Wort im Munde führt (es wird auch für die Möglichkeit einer Minderheitsregierung gebraucht, an der nun wirklich nicht sehr viel anmutig sein kann), muss in Wahrheit etwas anderes meinen, aber das ist ja nichts rasend Neues bei politischen Äußerungen. Er will wohl ausdrücken, dass einige der politischen Gestaltungsmöglichkeiten Österreich einen höheren Ungewissheitswert und mehr Nervenkitzel vermitteln als andere.
Der Reiz bestünde, etwa bei der Variante Schwarz-Grün, vor allem in der Unsicherheit, ob und wie lange eine solche Koalition überhaupt funktionieren könnte, wer bereit wäre, wie weit über seinen Schatten zu springen, wie hart die thematischen Knackpunkte von Landwirtschaft und Landesverteidigung bis zum Verkehr tatsächlich sind. Dass dann, wenn die Rede von der großen Koalition ist, niemand auf die Idee kommt, von Charme zu sprechen, ist verständlich: Die hatten wir viele Jahre lang, und sie war nicht von Liebreiz geprägt, eher von Lethargie.
Der Wähler, der seine Stimme im November deponiert hat, wird auch das Spiel auf Zeit und das Taktieren, das Wahlsieger Schüssel so ausgezeichnet beherrscht, nicht unbedingt als charmant empfinden. Der Wähler ist ungeduldig, er will Ergebnisse sehen, er will wissen, was ihn erwartet.

Das ist menschlich zwar höchst verständlich, aber so läuft es eben nicht. Zuerst wird lange, lange ausgelotet und ausgereizt, was möglich ist. Sich eine Regierung vom Christkindl zu wünschen, ist legitim, wahrscheinlich aber auch vermessen.
Wir werden irgendwann eine kriegen. Gleich, wie sie ausschaut: Vom Charme wird sie nicht leben können. Sie wird trotz aller schönen Worte neue Belastungen bringen, Ärger hervorrufen und Kritik auf sich häufen. Auch das war immer schon fester Bestandteil des Regierens.

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