• 10.12.2002, 17:19:05
  • /
  • OTS0184 OTW0184

OÖNachrichten 11. Dez. 2002 "Von Charme keine Spur" von Meinhard Buzas

Ein Wort, das in der Politik bisher kaum etwas verloren hatte, fand
Eingang in die Sprachregelung des Regierungspokers. Es ist viel vom
aCharme3 die Rede, den die eine oder andere mögliche Konstellation
haben oder verbreiten würde. Insbesondere wird das Vokabel für die
Variante Schwarz-Grün verwendet, aber auch für andere Spielarten
politischen Zusammenlebens strapaziert.
Warum ist früher noch niemand auf die Idee gekommen, das beinharte
Geschäft der Politik und der Interessen, die jede politische Partei
prägen, liebreizend oder anmutig zu nennen? Ganz einfach: Weil
dieses Geschäft auf höchster Ebene vieles sein kann. Spannend,
aufregend, nervtötend, undurchschaubar, ehrlich oder verlogen, aber
gewiss nicht charmant. Charme ist, um ein Kreisky-Zitat abzuwandeln,
keine politische Kategorie.

Das erste Mal, dass der Begriff stark strapaziert wurde, war in der
Zeit der Sanktionen, die Österreich mit einer Charme-Offensive zu
bekämpfen versuchte. Dass die anderen EU-Staaten weniger dem
Liebreiz der Bemühungen erlagen, sondern vielmehr selbst verzweifelt
versuchten, eine eklatante Überreaktion wieder auszubügeln, war
nichts anderes als trockene Realpolitik.
Wer jetzt das Wort im Munde führt (es wird auch für die Möglichkeit
einer Minderheitsregierung gebraucht, an der nun wirklich nicht sehr
viel anmutig sein kann), muss in Wahrheit etwas anderes meinen, aber
das ist ja nichts rasend Neues bei politischen Äußerungen. Er will
wohl ausdrücken, dass einige der politischen
Gestaltungsmöglichkeiten Österreich einen höheren Ungewissheitswert
und mehr Nervenkitzel vermitteln als andere.
Der Reiz bestünde, etwa bei der Variante Schwarz-Grün, vor allem in
der Unsicherheit, ob und wie lange eine solche Koalition überhaupt
funktionieren könnte, wer bereit wäre, wie weit über seinen Schatten
zu springen, wie hart die thematischen Knackpunkte von
Landwirtschaft und Landesverteidigung bis zum Verkehr tatsächlich
sind. Dass dann, wenn die Rede von der großen Koalition ist, niemand
auf die Idee kommt, von Charme zu sprechen, ist verständlich: Die
hatten wir viele Jahre lang, und sie war nicht von Liebreiz geprägt,
eher von Lethargie.
Der Wähler, der seine Stimme im November deponiert hat, wird auch
das Spiel auf Zeit und das Taktieren, das Wahlsieger Schüssel so
ausgezeichnet beherrscht, nicht unbedingt als charmant empfinden.
Der Wähler ist ungeduldig, er will Ergebnisse sehen, er will wissen,
was ihn erwartet.

Das ist menschlich zwar höchst verständlich, aber so läuft es eben
nicht. Zuerst wird lange, lange ausgelotet und ausgereizt, was
möglich ist. Sich eine Regierung vom Christkindl zu wünschen, ist
legitim, wahrscheinlich aber auch vermessen.
Wir werden irgendwann eine kriegen. Gleich, wie sie ausschaut: Vom
Charme wird sie nicht leben können. Sie wird trotz aller schönen
Worte neue Belastungen bringen, Ärger hervorrufen und Kritik auf
sich häufen. Auch das war immer schon fester Bestandteil des
Regierens.

Rückfragehinweis: Oberösterreichische Nachrichten
Tel.: 0732/7805-440 od. 434t Web

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel