- 01.12.2002, 18:31:09
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Die Zerreißprobe
Von Michael Sprenger
Innsbruck (OTS) - Wer meine Linie nicht vertreten kann, soll sich
eine andere Partei suchen.“ Geradezu programmatisch klingt
diese Aussage Jörg Haiders aus dem Jahre 1991. Am vergangenen Sonntag
suchten sich Hunderttausende Wähler eine andere Partei. Seither
herrscht in den Reihen der FPÖ das blanke Chaos.
Die Stimmen nach einer Rückkehr Haiders an die Parteispitze werden
ebenso laut wie die Stimmen nach einem Neubeginn ohne Haider. Die
Zerreißprobe innerhalb der FPÖ erinnert stark an das Jahr 1986.
Damals wurde Norbert Steger als Parteiobmann gestürzt, weil er die
FPÖ zu einer liberalen Partei umwandeln wollte. Durch die breite
Unterstützung des nationalen Flügels schaffte der charismatischen
Haider den Sprung auf die Parteispitze. Kaum an der Macht, baute er
die FPÖ zu einer autoritären und populistischen Führerpartei um. Sie
eilte von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Bis Haider und seine Getreuen in
Knittelfeld angelangt waren.
Durch die Regierungsbeteiligung der FPÖ und Haiders Rückzug nach
Kärnten war der Landeshauptmann nicht mehr die alleinige Autorität in
seiner Partei. Ein Zustand, den er nicht verkraften konnte. Mit dem
Putsch gegen die eigene Regierungsmannschaft wollte er noch einmal
zeigen, wer der Chef ist. Eine klägliche Fehleinschätzung. Die Partei
stürzte in sich zusammen. Jetzt steht er entzaubert vor seinem
Trümmerhaufen.
Der kommende Sonntag wird für die FPÖ also zu einem Lostag. Nimmt
Haider am Parteitag wirklich Abschied von der politischen Bühne,
könnte aus der FPÖ eine konservative Kleinpartei mit
Regierungsambitionen werden. Gewinnt er oder einer seiner
Knittelfelder die Oberhand, wird die Partei auf Jahre außerhalb der
Regierungsfähigkeit angesiedelt werden. Und sein Wort hat weiter
Gültigkeit: "Wer meine Linie nicht vertreten kann, soll sich eine
andere Partei suchen." Das wird passieren.
Rückfragehinweis:
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