- 13.11.2002, 17:07:41
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DER STANDARD-Interview: "Rot-Grün auch ohne Gusenbauer" (Erscheinungstag 14.11.2002)
Wien (OTS) - Grünen-Chef Alexander Van der Bellen übt heftige
Kritik an SP-Chef Alfred Gusenbauer. Er hält bei einem Wahlsieg der
SPÖ Rot-Schwarz für ausgemacht. Sollte Gusenbauer aber Zweiter
werden, dann soll er den Weg für Rot-Grün frei machen, fordert Van
der Bellen.
Alexander Van der Bellen, Bundessprecher der Grünen, ist derzeit
auf SPÖ- Chef Alfred Gusenbauer nicht gut sprechen. "Rot-Grün ist
auch ohne Gusenbauer vorstellbar", sagt er. "Mein Eindruck verdichtet
sich, dass sich Gusenbauer Rot-Schwarz mit Karl-Heinz Grasser als
Finanzminister nicht nur vorstellen kann, sondern dass das sein
eigentliches Wahlziel zu sein scheint." Van der Bellen ist darüber
verwundert, dass der SP-Chef den Schüssel- Grasser-Kurs zwar verdamme
und kritisiere, sich diese Option aber gleichzeitig offen halte. "Da
kann er nur von seinen Wahlversprechen, Abfangjäger und Abschaffung
der Ambulanzgebühren, deutliche Abstriche machen."
Der Chef der Grünen hegt die Befürchtung, dass Rot- Schwarz bereits
ausgemachte Sache sei. Van der Bellen: "Wenn Gusenbauer mit grünen
Stimmen Platz eins machen will, um dann Kanzler einer rot-schwarzen
Regierung zu werden, dann ist das eine Vergeudung grüner Stimmen. Wir
haben da nichts herzuschenken. Daher muss man sagen: Wer Gusenbauer
wählt, wählt Rot-Schwarz."
Van der Bellen richtet eine deutliche Warnung an Gusenbauer: "Wenn
die SPÖ Zweiter wird, ist Rot-Grün auch ohne Gusenbauer denkbar",
sagt er. Das ist kein persönlicher Angriff auf Gusenbauer, aber die
SPÖ steuert in eine strategische Sackgasse. Sie hätte die
Möglichkeit, einen Neubeginn zu machen und verzichtet von vorneherein
darauf, indem sie auf die Platz-zwei-Ansage beharrt, die in meinen
Augen nur den Grund hat, Grün- Wähler abzuziehen. Das macht nur dann
Sinn, wenn Rot-Schwarz hinter den Kulissen ausgemacht ist. Gusenbauer
hat immer noch Zeit, das zu korrigieren. Daran, dass die SPÖ Zweiter
wird, soll Rot-Grün nicht scheitern, wenn wir die Mehrheit haben.
Dann soll Gusenbauer den Weg frei machen."
Der SP-Chef solle sich jetzt überlegen, ob er die schwarz- blaue
Mehrheit brechen oder eine Koalition mit der ÖVP eingehen wolle.
"Dann muss er Abstriche bei den Wahlversprechen machen. Das soll er
jetzt klar machen."
Die SPÖ müsse sich das mit sich selber ausmachen, in welche
Sackgasse sie ihr Vorsitzender manövriere. "Platz eins haben sie
bisher auch schon gehabt und sie waren in Opposition. Künftig wollen
sie auch mit Platz zwei in Opposition gehen. Ziel war für mich immer,
einen Neubeginn der Politik in Österreich zu versuchen. Die SPÖ
scheint sich davon zu verabschieden."
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