- 11.11.2002, 18:02:56
- /
- OTS0222 OTW0222
Oberösterreichische Nachrichten 12. Nov. 2002 "Schwarz-blaue Sesselspiele" von Lucian Mayringer
Der Wahlkampf ist um eine Attraktion reicher. Der derzeit populärste
aktive Politiker, Noch-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, soll für
VP-Chef Wolfgang Schüssel jene blauen Wählerstimmen binden, die dem
Kanzler auf den ersten Rang noch fehlen. Ob dies gelingt, wird der
24. November weisen. Fest steht hingegen, dass mit einer Zusage
Grassers eine Neuauflage von Schwarz-Blau praktisch ausgeschlossen
ist. Zudem sollte Schüssel bei Berücksichtigung der politischen
Realitäten kaum in die Verlegenheit kommen, das Ministerangebot
tatsächlich einlösen zu müssen.
Dass Grasser die Öffentlichkeit seit Freitag mit der Zusage noch
zappeln lässt, liegt wohl nicht an der mangelnden Attraktivität des
Offerts, sondern ist eher seinem Talent als MarketingProfi
zuzuschreiben. Dem 33-jährigen Kärntner hätte kaum Besseres
passieren können, als in einer Zeit, in der er mit welchen
Großkonzernen auch immer um einen Managerjob pokert, die
Bewerbungsmappe um die Option auf den Finanzministerposten
bereichern zu können.
Ebenso offenkundig ist die Gegenleistung, die Schüssel von ihm
verlangt. Grasser soll die heimatlosen FP-Wähler möglichst in
Scharen binden x immerhin 300.000 dürften zur VP tendieren, 400.000
noch völlig ratlos sein.
Eine Symbiose, die bis zur Wahl Sinn macht. Für die
Koalitionsverhandlungen gibt es allerdings klare Voraussetzungen:
Das Amt des Finanzministers ist neben dem des Kanzlers die
Schlüsselfunktion in einer Regierung. Wie sich schon 1999 gezeigt
hat, wird kein Juniorpartner den Fehler machen, dieses Ministerium
der Kanzlerpartei zu überlassen. Landet die VP selbst in dieser
Rolle, dann sollte das Finanzressort dem jeweiligen Vizekanzler
vorbehalten sein. Dass Grasser weiterhin in der Wiener
Himmelpfortgasse residiert, würde also eine absolute Mehrheit der VP
voraussetzen.
Die einzige Partei, die kaum sachpolitische Einwände gegen ihren
@Mister NulldefizitI vorbringen kann, ist die FP. Doch alleine die
völlig perplexe Reaktion von Parteichef Herbert Haupt auf die
Bekanntgabe des Schüssel-Angebotes und die Versuche, Grasser als
Parteiverräter hinzustellen, zeigen, dass der VP-Chef den bisherigen
Koalitionspartner einmal mehr kalt erwischt hat. Geht seine Rechnung
mit Grasser auf, dann könnten sich ohnehin die letzten Spekulationen
über eine Neuauflage der Zusammenarbeit schon aus arithmetischen
Gründen erübrigen.
Schüssel hat zwei Wochen vor der Wahl erkannt, dass die Drohgebärden
des wiedererstarkten Jörg Haider gegen ihn mehr als nur
Theaterdonner im Wahlkampf sind. Der Kärntner Landeshauptmann fühlt
sich, wie er immer wieder betont, vom VP-Chef durch die Aufkündigung
der Koalition hintergangen. Sein Ziel ist es nun, Schüssel zu
bekämpfen. Ein Bannstrahl, der nun auch seinem einstigen politischen
Ziehsohn Grasser droht. Die Gefahr, dass der Alt-FP-Chef ab dem 25.
November schnell Gelegenheit zur Revanche bekommt, ist jedoch für
beide, Schüssel und Grasser, weitaus geringer als der Nutzen, der
winkt.
Rückfragehinweis: Oberösterreichische Nachrichten
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON